Jung, frech, neugierig, unerschrocken: Katzen bezahlen dafür manchmal einen hohen Preis.

Teuer bezahlter Übermut

Ein freches, kleines Kätzchen springt beim Grillnachmittag auf den Tisch und schnappt sich einen Holzspiess. Als es mit seiner Beute hinunterspringt, passiert es.

Die Besitzer kamen im Laufschritt in die Praxis. «Sie stirbt, sie stirbt», riefen sie laut. Ich führte sie gleich in den Operationssaal, wo auch das Sauerstoffgerät stand. Der Notfall war telefonisch angekündigt worden, doch viel verstanden hatte ich nicht. Lediglich, dass eine Katze am Sterben sei und dass sie einen Spiess gestohlen habe. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, was mit «Spiess» gemeint war.

Bereits der Blick ins Körbchen verriet mir, dass es ernst war. Eine kleine Katze hatte ein hölzernes Fleischspiesschen im Hals stecken. Sie war bewusstlos und atmete stossweise. Während meine Assistentin der Katze Sauerstoff zuführte, versuchte ich, eine Vene zu punktieren. Nur mit einem Zugang zu einem Blutgefäss konnte ich der Katze Narkosemittel injizieren, was wiederum Voraussetzung für einen Operationsversuch war. Erst am dritten Bein, nach unzähligen geschorenen und vergebens angestochenen Venen konnte ich einen Katheter sicher setzen. Diesen fixierte ich mit Klebeband und hängte als Erstes eine Infusion an mit einem speziellen Mittel für solche Verletzungsarten.

In dieser Zeit berichteten die besorgten Besitzer, was geschehen war. Sie hatten zum erstem Mal in diesem Sommer grilliert. Ihre junge Katze, frech und unerzogen, wollte immer auf die Grillablage und auf den Grill selbst. Der Vater musste immerzu die Katze vor dem heissen Grill schützen. Endlich war das Fleisch serviert. Da wollte sie auf den Balkontisch hüpfen, wurde aber von der gesamten Familie immer wieder hinunterbefördert. Dann, als alle fertig gegessen hatten, stand der Vater auf und wollte die Katze füttern. Auf diesen Moment hatte die Kleine gewartet. Blitzschnell sprang sie auf den leer gewordenen Stuhl, von dort auf den Tisch, um ebenso schnell mit dem Holzspiess im Maul hinunterzuhüpfen. Beim Landen aber stiess sie sich den Spiess in den Hals. Dies ging so schnell, dass keiner reagieren konnte. Offensichtlich hatte sich die kleine freche Katze während des gesamten Mittagessens diesen Plan ausgeheckt.

Beim Stecken der Infusion bemerkte ich, dass die Katze immer schwächer wurde. Langsam und schonend bereitete ich die Familie darauf vor. Kurz bevor ich den Spiess lösen konnte, verstarb sie. Sie hatte sich das Holzteil geradewegs in die Wirbelsäule gestossen und wäre zeitlebens gelähmt gewesen.

(Coopzeitung Nr. 27/2013)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Fotolia
Veröffentlicht:
Montag 01.07.2013, 12:10 Uhr

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