Theorie und Praxis

Sie: Wie ich es liebe, den Garten auf Winter vorzubereiten. Ich entdecke tatsächlich noch gelbe Ringelblumen im Laub, stecke Lavendel dazu und ein Zweiglein Eisenkraut. Ein letzter duftender Blumengruss im Jahr. Die verblühten Stauden in den Beeten binde ich etwas zusammen, damit die Vögel Winterfutter finden. Es wird immer dunkler. Ich sammle mit der Taschenlampe leere Schneckenhäuser in der matschigen Erde und lege sie in einen Korb. Auf einmal läuten die Kirchenglocken. Himmel, schon sechs! Die Kinder brauchen dringend etwas zu essen, sie müssen nachher ins Training. Ich selbst habe keinen Hunger und was soll ich überhaupt auftischen? Bin komplett kochmüde.

«

Er sollte spüren, was ich mir jetzt wünsche. »

Aus dem Arbeitszimmer strahlt plötzlich Licht in den Garten. Aha, Schneider ist nach Hause gekommen. Eigentlich könnte er ganz spontan spüren, was mein Bedürfnis ist. Das wär was! Ich beobachte ihn durchs Fenster, er startet den Computer und setzt sich ans Pult. Nicht wirklich das, was ich will. Darum stelle ich mich direkt vor die Scheibe. Er bemerkt mich, die Blümchen, meine dreckigen Hände und meinen unmissverständlichen Blick. Das sollte doch reichen, damit er kapiert, was ich mir grad jetzt wünsche: einen Mann am Herd.

Er: Schreiber steht im Dunkeln vor dem Fenster des Arbeitszimmers, in der erdverschmierten Hand einen kleinen Strauss. Ach, meine Freizeitgärtnerin! Ich öffne das Fenster. «Du, wegen Essen …», beginnt sie. «Ja, ich bin sehr hungrig.» «Die Mädchen müssen ja noch ins Volleyball …», sagt sie. «Ich weiss.» «… sollen wir schon jetzt oder erst nachher essen, oder ist das zu spät …» «Also, von mir aus so wie immer.»  «… wir könnten Spaghetti mit Pesto …» «Gute Idee. Und vielleicht noch einen feinen Salat dazu?», schlage ich vor. «Ach! Salat will der Herr auch noch!», schnaubt sie auf einmal wütend. Ich erschrecke. Habe ich etwas Falsches gesagt? Sie legt los: «Weisst du, dass ich pro Woche zehnmal Salat mache und zwanzigmal koche und eigentlich sehr gerne mal nicht kochen würde!»

«

Habe ich etwas Falsches gesagt?»

«Theoretisch wüsste ich das schon. Aber praktischer wäre es, wenn du das sagen tätest.» «Und am schönsten wäre es, wenn du das einfach spüren könntest!», fährt sie fort. Tja, ich finde es nicht einfach, aus dem Nichts etwas zu spüren. Aber ehrlich gesagt habe ich durchaus Lust zu kochen, Musik zu hören, ein Glas Wein zu trinken, Pinienkerne anzurösten. «Alles klar», sage ich deshalb, «ich spüre dich jetzt.»

 (Coopzeitung Nr. 49/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 30.11.2015, 14:38 Uhr

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