Médecins sans Frontières Schweiz-Präsident Thomas Nierle ist oft in Afrika unterwegs, hier im Hauptsitz in Genf. 

Thomas Nierle: «Wir sind keine Stuntmen»

Engagiert Er sieht sich nicht als Weltverbesserer, stellt aber sein Leben seit Jahren in den Dienst von Médecins sans Frontières. Heute als Präsident.

Die Hilfsorgansiation Médecins sans Frontières MSF/Ärzte ohne Grenzen leistet auch 2015 Ausserordentliches. Wo immer auf der Welt Katastrophen passieren, Epidemien oder Kriege ausbrechen, sind MSF-Teams im Einsatz. Die heute weltweit grösste medizinische Hilfsorganisation wurde 1971 von französischen Ärzten und Journalisten gegründet. 1999 erhielt sie den Friedensnobelpreis. Der Arzt Thomas Nierle (49) ist seit 2014 Präsident von MSF Schweiz.

 
Jede Woche die neusten Themen im Newsletter! Hier abonnieren »
 

Wann waren Sie letztmals in einem MSF-Auslandseinsatz?
2015 war ich im Sudan, 2014 im Niger, in Swaziland und Mexiko. Zudem besuchte ich Ebola-Zentren in Liberia und Guinea.

In Ihrer Funktion als Präsident?
Ja, auch, ich verhandelte mit Gesundheitsministerien. Aber natürlich legte ich auch medizinisch Hand an.

Im Schutzanzug? Hatten Sie nicht Angst?
Wenn man sich wie bei MSF vorgesehen strikt an alle Sicherheitsmassnahmen hält, ist das Ansteckungsrisiko sehr gering. Es war auch nicht mein erster Ebola-Einsatz. 2002 gab es schon in Uganda eine Epidemie.

Aus Liberia und Guinea kann sich MSF nun wieder zurückziehen?
Wir kümmern uns dort und in Sierra Leone um Ebola-Überlebende, die grosse Probleme haben, da die Krankheit sehr stigmatisiert. Und wir helfen, die Gesundheitssysteme in den drei Ländern wieder anzukurbeln.

Wie kamen Sie mit MSF in Kontakt?
Nach dem Medizinstudium in Deutschland arbeitete ich drei Jahre in Kliniken. Auf einer Bergsteiger-Expedition traf ich 1997 das MSF-Team im tibetischen Lhasa und war so fasziniert, dass ich beschloss mitzuarbeiten. Ich gab meine Stelle auf, drei Monate später begann mein erster Einsatz: in Afghanistan.

Das Vogelkunde-Buch «Le guide ornitho» ist seit vielen Jahren sein ständiger Begleiter, den er nunmehr fast auswendig kennt.

Das Vogelkunde-Buch «Le guide ornitho» ist seit vielen Jahren sein ständiger Begleiter, den er nunmehr fast auswendig kennt.
Das Vogelkunde-Buch «Le guide ornitho» ist seit vielen Jahren sein ständiger Begleiter, den er nunmehr fast auswendig kennt.

Sind Sie ein Weltverbesserer?
Nein, ich wollte das, was ich gelernt habe, anderen sinnvoll zur Verfügung stellen. Das verändert nicht die Welt.

Wird man als Held gefeiert als MSF-Arzt?
Nein, wir sind ja keine Stuntmen, die unglaubliche Risiken auf sich nehmen. Klar, man ist willkommen. Gerade in Afghanistan beeindruckte mich die enorme Gastfreundschaft. Dies in einem Land, das seit 1979 fast immer im Krieg ist. Die lokalen MSF-Angestellten waren sehr bemüht, die ausländischen Helfer zu schützen – wo wir doch da waren, um die Einheimischen zu unterstützen.

Waren Sie auch dort, wo jetzt im Oktober das MSF-Spital bombardiert wurde?
Ja, genau dort, in der Gegend von Kunduz. Die Bombardierung beschäftigte mich sehr. Es war das einzige funktionierende Spital mit der Kapazität, Kriegsverletzte zu behandeln und dies für eine Million von Afghanen.

Nun haben die Amerikaner erklärt, welche Fehler zur Bombardierung führten.
Dass es die Amerikaner waren, stand rasch fest. Präsident Obama entschuldigte sich auch bei MSF. Doch wir fordern eine internationale Untersuchung. So etwas darf nie mehr passieren.

Kamen Ihnen schon einmal Zweifel an Ihren MSF-Engagement?
Als Programmdirektor Schweiz musste ich ab 2002 in Dagestan 20 Monate lang für die Freilassung eines gekidnappten MSF-Mitarbeiters verhandeln, das war sehr zermürbend. Dafür hatte ich nicht Medizin studiert. Nach sieben Jahren humanitärer Hilfe entschied ich, in die klinische Medizin zurückzukehren und meinen Facharzttitel zu machen.

«

Berührt hat mich die Gastfreundschaft der Afghanen.»

Sehr gern mag Nierle auch das Schneemann-Anhängerli. Es hat seine Tochter gebastelt und erinnert ihn an viele, schöne Momente mit seiner Tochter, zum Beispiel Weihnachten, Schnee und die Berge rund ums Val d'Anniviers. 

Sehr gern mag Nierle auch das Schneemann-Anhängerli. Es hat seine Tochter gebastelt und erinnert ihn an viele, schöne Momente mit seiner Tochter, zum Beispiel Weihnachten, Schnee und die Berge rund ums Val d'Anniviers. 
Sehr gern mag Nierle auch das Schneemann-Anhängerli. Es hat seine Tochter gebastelt und erinnert ihn an viele, schöne Momente mit seiner Tochter, zum Beispiel Weihnachten, Schnee und die Berge rund ums Val d'Anniviers. 

Doch dann fanden Sie zu MSF zurück?
Ja, seit 2010 bin ich im MSF Schweiz-Vorstand, seit 2014 Präsident. Es ist eine Teilzeitstelle, denn ich arbeite auch als medizinischer Direktor des Spitals in Moutier und St. Imier.

Ergänzt sich das?
Ja, das Spital profitiert, da ich hier strategisch arbeite, MFS weil ich Komponenten der westlichen Medizin miteinbringe.

Wo war MSF 2015 besonders aktiv?
Natürlich sind wir stark mit der Migrationskrise beschäftigt. Wir haben drei Schiffe auf dem Mittelmeer, um Flüchtlinge zu retten. Auf der Balkanroute sind wir ebenfalls präsent und helfen.

Ist MSF auch in Syrien tätig?
Ja. Im Rebellengebiet gibt es noch Möglichkeiten zu arbeiten. Im Gebiet der Assad-Truppen ist es schwieriger, im Gebiet der ISIS unmöglich.)

Sind Sie stolz darauf, wie die schwierigen Anforderungen 2015 gemeistert wurden?
Ich dränge immer zu weiteren Verbesserungen, bin aber auch stolz, Teil dieser Familie zu sein und auf das Engagement unserer Mitarbeiter.

Wie werden die Projekte finanziert?
MSF hat 30 000 Mitarbeiter und in 70 Ländern Projekte. Unser Budget von 1,2 Milliarden Franken generieren wir zu 90 Prozent durch private Spenden. Das macht uns sehr unabhängig.

Wirken sich die Anschläge von Paris auf MSF aus?
Wir leben in einer Welt, die immer polarisierter wird. Das Exportieren von Gewalt in Länder, die eigentlich eine gewisse Stabilität haben, verheisst nichts Gutes für die Zukunft.

Was kann man hier in der Schweiz ausser Spenden noch tun um zu helfen?
Am wichtigsten finde ich das Prinzip, dass man Menschen in Not unterstützt. Wie, ist unwichtig. Die einen engagieren sich politisch, andere nehmen Flüchtlinge auf, und ja, viele spenden Geld.

Sie haben ein volles Programm. Wie erholen Sie sich?
Wenn ich Vögel fotografiere, vergesse ich die Welt und ihre Krisen.

Jahresrückblick 2014-2015 MSF Schweiz

Daten im Leben von Thomas Nierle

11. März 1966 Geburt in Frankfurt/Main (D)
1985-1986 Mehrere, längere Aufenthalte in Paris/Frankreich - Entdeckung der Francophilie
1993-1997 Weiterbildung Innere Medizin
Mai/Juni 1997 Expeditionsarzt Tibet (Cho Oyu 8221m), in Tibet MSF kennengelernt
1997-1999 MSF-Projekte in Afghanistan, Madagascar, Burundi, Mozambique
2000-2001 Verantwortlicher Nothilfeprojekte MSF-Schweiz
2001-2004 Nach diesen Einsätzen wird er Programmdirektor MSF-Schweiz, heiratet und wird Schweizer (Doppelbürger)
11.04.2004 Freilassung eines über 20 Monate gekidnappten MSF-Mitarbeiters in Dagestan – nach 7 Jahren humanitärer Hilfe Entscheidung in die klinische Medizin zurückzukehren
2004-2008 Innere Medizin Schweiz (Sion/Sierre), Facharzttitel FMH Innere Medizin 2007
22.07.2005 Geburt Joana (Tochter)
2008-2009 Oberarzt Notfallmedizin HUG Genf, Zusatzbezeichnung: klinische Notfallmedizin
2009- 2014 Chefarzt Innere und Notfallmedizin Spital Moutier
2014-2015 Medizinischer Direktor Spital des Berner Juras
2010-2014 Vorstandsmitglied und Vizepräsident MSF-Schweiz
2014-2015 Präsident MSF-Schweiz

Zur Webseite von «Ärzte ohne Grenzen »

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Eva Nydegger

Redaktorin der Coopzeitung

Foto:
Darin Vaselow
Veröffentlicht:
Montag 21.12.2015, 16:59 Uhr

Weiterempfehlen:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?