Tiefe Wurzeln

Sie: Ab und zu frage ich mich, was mir als Viertelschwedin und Restdeutsche, die mit einem Halbitaliener in der Schweiz lebt, Heimat bedeutet. Meine Antwort: Glück, Geborgenheit, Sicherheit. Als wir zu meiner Mutter fahren, fällt mir diese Heimatfrage wieder ein: Sie lebt in Umbrien, inmitten eines verwilderten Olivenhains mit einem zweihundertjährigen Steinhäuschen ohne Zentralheizung, aber mit Strom. Nachts graben Wildschweine die Erde um, Giftschlangen verstecken sich im blühenden Ginster und in den heissen Sommermonaten drohen verheerende Macchiabrände.

 
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Sie meistert ihr Leben, ohne jegliches Gejammer.»

Seit meine Mutter 50 ist, lebt sie dort. Heute ist sie 80. Jahrelang habe ich geglaubt, ich müsse sie in unsere Nähe holen. In meine Heimat, die dann auch ihre werden sollte. Einige Male sagte sie tatsächlich, wenn der Winter zu nass und zu neblig war, sie komme zu uns. Dann jedoch brach schon bald, wie immer, der Frühling an, der Rosmarin duftete und so blieb meine Mutter in ihrem Olivenhain. Tief verwurzelt wie die knorrigen, uralten Olivenbäume neben ihrem Häuschen. Also reisen wir nach Umbrien, in die Wahlheimat meiner Mutter. Und zwar so oft wir können und so lange, wie sie dort noch alleine leben will und glücklich ist.

Er: Jeder Mensch ist anders. Auch meine Schwiegermutter ist anders, eigentlich sehr anders als ich. Nun ja, nicht weiter schlimm, geheiratet hab ich ja ihre Tochter. Und die Tochter, zumindest in meinem Fall, hat extrem viel von meinem Schwiegervater, Gott hab’ ihn selig, und mit ihm konnte ich es aber so etwas von gut … Wie habe ich ihn gemocht!

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Heimat? Glück, Geborgenheit, Sicherheit.»

Und es ist ja nicht so, dass ich meine Schwiegermutter nicht mögen würde. Ich genüge in ihren Augen zwar nicht ganz für ihre Tochter, und das lässt sie mich auch öfters spüren. Aber sie ist die Grossmutter meiner Kinder, und das ist, was zählt. Zudem schätze ich es, dass meine Schwiegermutter in Italien Wurzeln geschlagen hat und nicht etwa bei uns um die Ecke. Sie wohnt in einer wunderschönen Gegend mit freundlichen Menschen, wohin wir jeden Sommer mindestens einmal fahren. Noch höher rechne ich ihr an, dass sie trotz ihres Alters ohne jegliches Gejammer ihr Leben selber meistert, im Winter mit Holz heizt, im Sommer ihr Grundstück pflegt und im Herbst Olivenöl produziert. Das beeindruckt mich. Und in diesem Punkt will ich deshalb kein bisschen anders als meine Schwiegermutter sein, sondern am liebsten sogar genau so wie sie: stark.

 (Coopzeitung Nr. 29/2016) 

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 18.07.2016, 00:00 Uhr

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