Majestätisch wacht der männliche Hirsch über seine zwei erwachsenen Kühe und das Junge aus dem letzten Jahr. 

Hirschpirsch

Er ist intelligent, doch die Liebe macht ihn verwundbar. Porträt des grössten wildlebenden Huftiers der Schweiz. 

Der Rothirsch ist der König der Wälder und wurde von Pro Natura zum Tier des Jahres gewählt. Ihn zu entdecken ist ausgesprochen schwierig. Trotz seiner imposanten Statur; denn er tarnt sich ausgezeichnet und kann sich schnell davonmachen – ein faszinierendes, diskretes und intelligentes Tier.

Nicole Imesch, Biologin und Jägerin

Nicole Imesch, Biologin und Jägerin
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Nicole Imesch, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Wildtierbiologie, ist der Meinung, dass der Hirsch überall in der Schweiz leben sollte, wo er einen idealen Lebensraum findet. «Wir müssen seine Verbreitung unterstützen, indem wir die unterbrochenen Wildtierkorridore sanieren und über die Autobahnen Brücken für Wildtiere errichten», sagt sie. Es müssten jedoch auch Lösungen gefunden werden für die Probleme, die der Rothirsch dem Wald mache. «Dort, wo die Gefahr besteht, dass er den Wald im Allgemeinen und insbesondere den Schutzwald durch das Fressen junger Bäume gefährdet, muss die Jagd den Rothirschbestand unter Kontrolle halten, damit die Baumartenvielfalt erhalten bleibt», sagt Nicole Imesch. «Einen weiteren Beitrag könnte auch der wachsende Raubtierbestand leisten, zum Beispiel die Luchse in den Zentral- und Westalpen oder das Wolfsrudel am Calanda.»

«

Für uns Wildbiologen gilt: Lebensrecht wo Lebensraum.»

Nicole Imesch, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Wildtierbiologie.

Das Ökosystem im Auge

Kampf zweier erwachsener Hirsche.

Kampf zweier erwachsener Hirsche.
http://www.coopzeitung.ch/Tier+des+Jahres Kampf zweier erwachsener Hirsche.

Nicole Imesch ist nicht nur Biologin, sondern auch Jägerin – zwei Funktionen, die sich perfekt ergänzen, findet sie. «Als Wildtierbiologin sehe ich das Ökosystem als Ganzes: Es um Wildpopulationen und nicht um das einzelne Tier», sagt sie. «Und die Rothirschjagd leistet einen wichtigen Beitrag, den Druck zu verringern, den Wildtiere auf das Ökosystem des Waldes ausüben.» Allerdings könne die Jagd allein das Problem nicht lösen. Dafür benötige man einen interdisziplinären Ansatz. Wenn sich Förster, Jäger, Landwirte, Touristiker und Behörden an einen Tisch setzten, sei die Chance gross, dass eine Lösung gefunden werde, sagt Imesch. «Das zeigt mir die Erfahrung in meinem Beruf immer wieder.»
Für sie bedeutet die Jagd nicht nur die Regulierung des aktuellen Wildbestandes, sondern auch lange Stunden im Freien – allein, im Einklang mit der Natur, im Bewusstsein, ein Teil von ihr zu sein. Für Imesch ist die Jagd aus ökologischer und ethischer Sicht die beste Art der Fleischbeschaffung.
1850 galt der Rothirsch (Cervus elaphus) auf schweizerischem Boden als ausgestorben. Etwa zwanzig Jahre später überquerte er die nationalen Grenzen wieder und besiedelte vom Kanton Graubünden her weitere Gebiete der Schweiz. Die Kantone mit den meisten Exemplaren sind Graubünden mit 16 000, das Tessin mit 6500 und das Wallis mit 5200 Tieren. Und der Bestand steigt. Gab es 2010 landesweit etwa 28 500 Rothirsche, so sind es heute bereits über 35 000.
Doch in vielen Gegenden in den Voralpen, im Mittelland und im Jura ist es dem Rothirsch noch nicht gelungen, sich niederzulassen. Obwohl die Habitate für ihn vielerorts ideal wären. Darum unterstützen Wildbiologen dort seine Verbreitung.

Drei Schritte zum Glück

Gemäss Luca Plozza, Regionalforstingenieur des Kantons Graubünden, sind drei grundlegende Schritte wichtig, damit der Rothirsch im Einklang mit der Natur leben kann, ohne im Wald, auf Agrarflächen oder in Weingütern grö-bere Schäden anzurichten.
Der erste Schritt besteht darin, dass der Mensch die Wildtiere so wenig wie möglich stört. Erreichen kann man dies, indem beispielsweise Ruhezonen eingerichtet werden. Diese Zonen sind für den Rothirsch überlebenswichtig, um mit den zunehmenden Störungen ausserhalb dieser Gebiete durch den Menschen umgehen zu können. Eine plötzliche Flucht im Schnee kann für einen Rothirsch tödlich enden, da er den plötzlichen Energieverlust angesichts der winterlichen Nahrungsknappheit nur schwer aufholen kann. In der Ruhezone bliebe er von solchen Störungen verschont und könnte Energie für den winterlichen Überlebenskampf sparen.
Zweitens muss das Verbreitungsgebiet des Rothirschs mit aktiven Massnahmen gepflegt werden, indem das Wild etwa von den Jägern in gewissen Bereichen geschont wird. So könnte es Weideflächen in den Wäldern weiter ungestört nutzen und müsste nicht auf Kulturflächen ausweichen. Auch sein Lebensraum muss gefördert werden. Zum Beispiel durch eine Aufwertung der Auengebiete und anderen bevorzugten Habitaten des Hirschs.

Keine Fütterung im Winter

Abgeworfenes Geweih eines fünf- bis zehnjährigen Hirschs.

Abgeworfenes Geweih eines fünf- bis zehnjährigen Hirschs.
http://www.coopzeitung.ch/Tier+des+Jahres Abgeworfenes Geweih eines fünf- bis zehnjährigen Hirschs.

Der dritte Schritt besteht darin, die Anzahl der Rothirsche zu regulieren. Zum einen geschieht dies durch die Jagd, in die aber nicht nur die bis zu 150 Kilogramm schweren und zwei Meter langen männlichen, sondern auch die wesentlich kleineren, weiblichen Tiere miteinbezogen werden müssen. Zum andern dürfen Rothirsche nicht gefüttert werden, denn die Futterknappheit im Winter sorgt für eine natürliche Auslese und eine Begrenzung des Wildbestands.
Gemäss Daten des Schweizerischen Versicherungsverbands gibt es in der Schweiz jährlich rund 20 000 Unfälle mit mittelgrossen bis grossen Wildtieren – und zwar das ganze Jahr über. Dabei wurden 60 Personen verletzt, und es entstand ein Sachschaden in der Höhe von rund 25 Millionen Franken. Das Problem: Tiere erkennen Strassen und Verkehr nicht als Gefahr. Vor allem in der Dämmerung frühmorgens und am Abend sollten Automobilisten Waldränder und Hecken deshalb mit erhöhter Vorsicht passieren.

Versperrte Wege

Der Rothirsch ist von Natur aus ein Wandertier, das auf der Suche nach idealen Umweltbedingungen viele Kilometer zurücklegt. Während er sich im Winter auf der Futtersuche bewohnten Orten am Rande des Waldes nähert, zieht er im Sommer hinauf in die Berge. Auf seinen Wanderungen trifft er oft auf unüberwindbare Hindernisse – vor allem Strassen und Autobahnen, die sein Territorium durchqueren. Aus diesem Grund spielen Wildtierüberführungen eine fundamentale Rolle (dies sind erhöhte Passagen, die durch Strassen getrennte Waldgebiete miteinander verbinden).
Gemäss Bundesamt für Umwelt (BAFU) sind in der Schweiz 49 von 305 Wildtierkorridoren unterbrochen, allein mindestens 40 durch Nationalstrassen. Laut dem Bundesamt für Strassen waren 2016 ein Viertel der betroffenen Wildtierpassagen saniert oder in Sanierung, für 40 Prozent war eine Sanierung geplant und für etwa ein Drittel der Korridore gab es noch keine Sanierungs-projekte. Die geschätzten Kosten für die Sanierung aller Wildtierpassagen über Bundesstrassen belaufen sich auf rund 276 Millionen Franken. Darin eingeschlossen sind Brücken, Unterquerungen und Massnahmen zur ökologischen Kompensation.
Der Rothirsch sei ein beeindruckendes Tier, sagt Nicole Imesch. «Je besser ich ihn kenne, desto mehr fasziniert er mich.» Tatsächlich verfügt er über eine bemerkenswerte Intelligenz und lernt schnell durch Erfahrung. «So weiss er genau, in welchen Gebieten die Jagd verboten ist und zieht sich dann in die entsprechenden Schutzgebiete zurück.»
Nur die Liebe macht ihn im Herbst verwundbar. Für einige Zeit vergisst er dann seine versteckte Lebensweise. Dann ertönt sein mächtiges Röhren im Wald: Der Zeitpunkt ist gekommen, sich seinen Rivalen zu stellen. Nur der Sieger darf sich mit den Weibchen paaren.

Wenn das Weibchen nicht will …

«Aber die Weibchen wählen das Männchen, mit dem sie sich paaren wollen, aus», erzählt Nicole Imesch, die ihre Diplomarbeit über die Beobachtung der Verhaltensweise der Weibchen in der Paarungszeit im Schweizerischen Nationalpark im Kanton Graubünden geschrieben hat. «Wenn die Brunftzeit beginnt, werden die Weibchen untereinander aggressiv. Und wenn sich eines entscheidet, das Rudel auf der Suche nach einem besseren Männchen zu wechseln, kann der dominante Platzhirsch nichts dagegen tun.»

Coop fördert Wirtschaft und Landwirtschaft in vielen regionalen und stadtnahen Naturpärken. 

http://www.coopzeitung.ch/Tier+des+Jahres Hirschpirsch

Neben dem historischen Nationalpark im Bündnerland existieren in der Schweiz weitere 17 regionale und stadtnahe Naturpärke, die teilweise gerade errichtet werden. Coop und das Netzwerk Schweizer Pärke sind eine enge Zusammenarbeit eingegangen, welche die Wirtschaft und die ökologische Aufwertung dieser Gebiete fördern soll. Dank dieser Partnerschaft gibt es in ausgewählten Supermärkten Spezialitäten aus den Naturpärken.

Das Sortiment kann sich durchaus sehen lassen: Milchprodukte, Öle, Kräutertees, Wurst, Pasta und Backwaren, die alle das grüne Logo tragen. Am Freitag, 12. Mai, findet auf dem Bundesplatz in Bern der 3. Nationale Pärke-Markt statt.

Die Wahl des Hirsches zum Tier des Jahres hat für Pro Natura auch einen symbolischen Wert.

Martina Spinelli, Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit und Projektleiterin Pro Natura Tessin.

Martina Spinelli, Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit und Projektleiterin Pro Natura Tessin.
http://www.coopzeitung.ch/Tier+des+Jahres Martina Spinelli, Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit und Projektleiterin Pro Natura Tessin.

Warum hat Pro Natura den Hirsch zum Tier des Jahres gewählt?
Wir wählen immer exemplarisch ein Tier aus, um eine Sensibilisierungskampagne zu starten. Dieses Jahr ist es der Hirsch, da es sich um ein Wandertier handelt, das sich zwischen den verschiedenen Lebensräumen seines Territoriums frei bewegen muss. Diese Eigenschaft macht ihn zu einem hervorragenden Botschafter der Kampagne «Freie Bahn für Wildtiere!». Ausserdem ist er allseits bekannt, wird von vielen geschätzt und vermittelt ein Gefühl von Stolz und Noblesse.

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Der Rothirsch: Symbol für die ökologische Wende?
Für uns ist die Symbolik der Tiere sehr wichtig. Mit der Wahl des Rothirsches haben wir beschlossen, auch diesen Aspekt auszureizen. Der Rothirsch verliert ja jedes Jahr sein Geweih. Es scheint fast so, als würde er ein Opfer bringen müssen, damit es zu einem Neuanfang kommen und er einen neuen Lebensabschnitt beginnen kann. Der König muss seine Krone ablegen, um wieder neu zu beginnen. Diese Idee, sich selbst Grenzen zu setzen, um weiterzukommen, hat uns dazu bewegt, den Rothirsch zum Symbol für die ökologische Wende zu machen.

Sport in der freien Natur gibt ein Gefühl von Freiheit und Erholung. Er ist aber oft eine Störung für Wildtiere. Vier einfache Regeln helfen, Rücksicht auf die Tiere zu nehmen!

www.wildruhezonen.ch
 

Wildtiere sind für harte Winter gut gerüstet. Sie sind wahre Überlebenskünstler. Doch der Winter sorgt auch für eine natürliche Auslese, damit der Wildbestand im Gleichgewicht bleibt.

www.stop-fuetterung.ch

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Text:
Amelia Valsecchi Jorio
Foto:
Peter Mosimann, Keystone, Alamy, Getty Images, Pro Natura
Veröffentlicht:
Montag 17.04.2017, 16:00 Uhr

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