Im Aufwind: Timea Bacsinszky am Ufer des Genfersees in ihrer Heimatstadt Lausanne.

Timea Bacsinszky: «Ich bin einfach glücklich!»

Gelöst Erst galt sie als Wunderkind, doch vor zwei Jahren gab sie ihre Karriereträume auf. Nun feiert sie ein fulminantes Comeback.

Mit elf war sie Juniorenmeisterin, mit 14 spielte sie ihr erstes WTA-Turnier. Der Traum von der Karriere als Tennis-Profi war für Timea Bacsinszky aber eher ein Albtraum mit vielen Verletzungen. 2009 hatte sie als 20-Jährige in Luxemburg ihr erstes WTA-Turnier gewonnen, vier Jahre danach den Rücktritt erklärt. Nun spielt sie wieder und startete mit zwei Turniersiegen ins 2015.

Haben Sie selbst eine Erklärung für dieses eindrückliche Comeback?
Ich bin einfach glücklich! Ich habe an den Verletzungen der Vergangenheit gearbeitet und habe nun ein Team, das ich mir ausgesucht habe.

Also vor allem eine Sache der Einstellung?
Ich wusste vorher gar nicht mehr, warum ich überhaupt Tennis spiele. Nach meiner Verletzung 2011 brauchte ich einige Zeit, bis ich merkte, dass ich kurz davor war, völlig durchzudrehen. Ich hatte nichts mehr im Griff und ging darum zu einer Psychologin, um das wieder in Ordnung zu bringen.

Was mussten Sie dafür ändern?
Meine Kindheit war nicht so, wie sie hätte sein sollen. Ich wurde als Wunderkind zur Karriere gezwungen. Erst sehr spät wurde mir klar, dass ich nicht für den Lebensunterhalt meines Vaters zuständig bin. Er wollte durch mich seinen Traum leben – so sehr, dass er den Bezug zur Realität verlor. Dass die Beziehung zerbrochen ist, war nicht meine Schuld. Ich hatte mich wahrlich nicht danach gesehnt, mit fünf Jahren angeschrien zu werden, wenn ich eine Vorhand ins Aus setzte. Heute weiss ich, dass ich niemandem gehöre und Fehler machen darf. Das hätte ich früher lernen sollen, aber ich bin überglücklich, dass ich es überhaupt gelernt habe. Mit meiner Mutter verstehe ich mich sehr gut, aber mit dem Vater rede ich schon seit Jahren nicht mehr. Jetzt habe ich diese Situation endlich akzeptiert.

Wie kam es dann zu Ihrem Comeback?
Auslöser war eine E-Mail, die Einladung zu den French Open. An dem Tag wurde mir klar, dass ich die Wahl hatte: Wenn ich will, kann ich ins Auto steigen, in sechs Stunden nach Paris fahren und am nächsten Tag spielen, egal, mit welchem Resultat. So wurde ich auf einen Schlag erwachsen. Wir müssen im Leben das machen, was uns glücklich macht. Das ist keine Frage des Rankings. Andererseits, wäre es finanziell nicht aufgegangen, hätte sich die Frage anders gestellt.

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Wir müssen im Leben das machen, was uns glücklich macht.»

«Das Mitbringsel meines Freundes hielt nicht lange – ich bin schusselig …»

«Das Mitbringsel meines Freundes hielt nicht lange – ich bin schusselig …»
«Das Mitbringsel meines Freundes hielt nicht lange – ich bin schusselig …»

Hatten Sie sich einen Zeitplan für Ihr Comeback gesetzt, eine Deadline?
Nein. Meine Mutter hat mir finanziell enorm geholfen, als ich wieder mit dem Tennis anfing, wofür ich ihr unendlich dankbar bin. Anfangs glaubte ja niemand an mein Comeback. Swiss Tennis stellte gratis einen Fitnesstrainer und gab mir eine finanzielle Unterstützung, dank der ich einige Monate Ruhe hatte, bis ich wieder genug auf dem Tenniscourt verdiente. Wenn du dann im Ranking aufsteigst, dreht sich plötzlich alles wieder sehr viel schneller. Zum Glück haben die Menschen in meinem persönlichen Umfeld dafür Verständnis.

Ist das die Kehrseite der Medaille?
Ja. Wenn ich hier in Lausanne bin, bemühe ich mich immer darum, die alten Freunde wieder einmal zu treffen. Aber ich kann mich auch nicht immer teilen: Ich bin Freundin, Schwester, Tochter, Tante von drei Neffen, habe ein Gottenkind … Später, wenn ich einmal nicht mehr Tennis spiele, werde ich Zeit für viele andere Dinge haben.

Was bedeutet Ihnen Lausanne?
Lausanne ist für mich meine 50-Quadratmeter-Wohnung mit den alten backsteinfarbigen Bodenfliesen und dem einmaligen Charme. Ich bin gerne in der Altstadt, kaufe Gipfeli in einer kleinen Bäckerei und gehe zu Fuss nach Hause. Es ist genial, im Zentrum zu wohnen. Andererseits habe ich jetzt wieder alle Pflanzen zu meiner Mutter gebracht. Während der Tennis-Pause hatte ich viele Pflanzen und Kräuter, vor allem Basilikum, denn ich koche sehr gerne.

Was kochen Sie am liebsten?
Ich bin Expertin für Pastasaucen. Ich koche aber nie nach Rezept, sondern improvisiere lieber. Zum Geburtstag meiner Mutter habe ich ein ganzes Menu gekocht, mit gebratenen Jakobsmuscheln,  Rucolasalat mit Parmesan, marinierter Goldbrasse mit Spargeln und zum Dessert einer Karamell-Nuss-Torte. Leider schneite es an dem Tag dermassen, dass meine gar Mutter nicht kommen konnte. Also habe ich alles selber gegessen. Und gestern Abend habe ich mit Freunden ein Fondue gemacht.

Dürfen Sie als Sportlerin überhaupt Fondue essen?
Ich hatte frei. Man kann sich nicht immer einschliessen, das ist kontraproduktiv. Man muss sich auch etwas gönnen. Zum Glück muss ich nicht allzu stark auf meine Ernährung achten.

«… und ein Super-Nintendo-Kind»

«… und ein Super-Nintendo-Kind»
«… und ein Super-Nintendo-Kind»

Haben Sie schon eine Idee, was Sie nach der Tenniskarriere machen wollen?
Ich werde sicher noch mindestens fünf Jahre spielen. Danach sehen wir weiter. Ich will mich jetzt noch nicht festlegen, sondern die Türen offen lassen. Ich spreche fünf Sprachen, dazu noch ein wenig Spanisch. Ich mag das Hotel- und Gastgewerbe, den Kontakt zu Menschen. Wer weiss – werde ich mit 35 noch studieren? Werde ich Kinder haben? Werde ich Tennis-Stunden geben? Was wird mein Freund machen, werden wir dann noch zusammen sein? Derzeit hat meine Karriere Vorrang vor der seinen. Später werde ich Kompromisse machen müssen. Gut, bin ich ein offener Mensch – ich werde sicher etwas finden, für das ich mich begeistern kann.

Gibt es ein Motto, das Sie durchs Leben begleitet?
Ja, es ist ein Satz aus Eric-Emmanuel Schmitts Buch «Vom Sumo, der nicht dick werden konnte», das mir mein Coach einmal geschenkt hat – den habe ich mir sogar auf den Fuss tätowieren lassen: «Hinter den Wolken hat es immer einen blauen Himmel.» Dieser Satz zeigt recht gut, worum es im Leben geht. Jedes Mal, wenn ich ganz unten war, habe ich mir gesagt, dass ich nicht immer nur Pech haben kann, sondern dass ich auch wieder glücklich sein werde. Du darfst nie aufgeben!

Vier Daten im Leben von Timea Bacsinszky

1989 Sie kommt am 8. Juni in Lausanne zur Welt. «Es gibt Leute, die mir schreiben, dass sie ihre Tochter Timea getauft haben. Das berührt mich.»

2013 Die Karriere war schon abgehakt, als die Einladung an die French Open kam. «Das waren intensive Stunden. Das hat mir einen Kick gegeben»

2014 Erster Sieg über eine Top-5-Spielerin: Sie gewinnt gegen Maria Scharapowa. «Ich schlug Maria Scharapowa im Achtelfinal des Turniers von Wuhan, in China.»

2015 Nach Turniersiegen in Acapulco und Monterrey ist sie aktuell auf WTA-Rang 23. «Ich weiss nicht, wo meine Grenzen liegen.»

Mehr über Timea Bacsinszky auf ihrer Website »

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Text:
Mélanie Haab
Foto:
Charly Rappo/Arkive.ch
Veröffentlicht:
Montag 06.04.2015, 12:00 Uhr

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