«Der Rennsport ist in der Schweiz nicht sonderlich populär.»

Töfflibueb

Mit 19 Jahren war Tom Lüthi erstmals Motorrad-Weltmeister. Mit 30 will er nochmals zuoberst stehen und noch höher hinaus.

«Zwöite Stock», ruft jemand von oben, als die Türklingel verhallt. Tom Lüthi beugt sich mit einem breiten Grinsen im Gesicht über seinen Balkon und weist uns den Weg. Als wir seine Wohnung betreten, fühlen wir uns nicht unbedingt wie bei einem Motorrad-Weltmeister zu Hause. Vielmehr erinnert die Bleibe an eine Junggesellen-Bude – die Turnschuhe nehmen dabei den meisten Platz im Schuhregal ein, die gewonnenen Pokale grüssen aus einer Vitrine hinter dem Esstisch.

Tom Lüthi, obwohl Sie mit dem Motorrad-Zirkus den halben Globus bereisen, treffen wir Sie zu diesem Interview in Ihrer Wohnung in Oberdiessbach. Noch nie den Koller gehabt oder den Drang verspürt, das beschauliche Emmental zu verlassen?
Nein, definitiv nicht. Ich bin hier aufgewachsen, fühle mich zu Hause. Auch wohnen alle meine Schulkollegen noch hier.

Mit diesen ziehen Sie immer noch um die Häuser?
Klar, wenn ich zu Hause bin. Cool ist dabei, dass die meisten von ihnen, wie auch ich, Motocross als Hobby haben. Über Ostern beispielsweise waren wir zu viert und mit unseren Töffs in Italien. Ich war also mit meinen Kollegen unterwegs und konnte erst noch trainieren – perfekt!

Und wie ist denn das so im Ausgang mit dem Tom Lüthi?
Waaas? (lacht … etwas verschmitzt)

Geben Sie da auch manchmal neben der Piste Gas?
Jaaa …, ich glaube, das gehört auch dazu. Ich meine, ich bin Sportler, das ist klar. Aber trotzdem: Ein bisschen leben darf man doch auch neben der Rennstrecke. Diesen Ausgleich brauche ich. Das lüftet mir den Kopf.

Als Ausgleichssport gehen Sie in der Winterpause Kitesurfen. Also noch etwas, das den Kopf sprichwörtlich durchlüftet.
Das ist aber nur ein Hobby von mir. Wobei ich auch da ziemlich angefressen bin. Es kommt schon vor, dass ich meine Feriendestinationen nach den besten Kite-Spots auswähle.

Dann verraten Sie uns jetzt sicher auch gleich noch Ihre Lieblingsferiendestination.
In Ägypten war ich ziemlich viel. Das hat aber auch damit zu tun, dass einer meiner Freunde dort eine Kite-Schule besitzt. Diesbezüglich ist auch die Dominikanische Republik zu empfehlen.

Vier Podestplätze nach den ersten fünf Rennen – Tom Lüthi ist noch nie so gut in eine Saison gestartet.

Vier Podestplätze nach den ersten fünf Rennen – Tom Lüthi ist noch nie so gut in eine Saison gestartet.
http://www.coopzeitung.ch/Toefflibueb Vier Podestplätze nach den ersten fünf Rennen – Tom Lüthi ist noch nie so gut in eine Saison gestartet.

Und dort steht Ihnen wenigstens nicht immer einer vor der Sonne, im Gegensatz zur Rennstrecke. Letztes Jahr wurden Sie WM-Zweiter, diese Saison sind Sie im Moment wieder Zweiter …
Wobei ich in den ersten fünf Rennen viermal auf dem Podest stand. Schaue ich nur auf meine Leistung, dann ist das top! So gut bin ich noch in keine Saison gestartet, auch nicht, als ich 2005 in der 125er-Kategorie Weltmeister wurde. Aber es ist schon so. Einer (Franco Morbidelli, d. Red) ist momentan noch etwas stärker. Aber zum Glück gibt es dieses Jahr noch viele Rennen. 2016 hatte ich beispielsweise einen ziemlich schlechten Saisonstart und trotzdem wurde es am Ende ganz knapp.

Ihr Manager Daniel Epp hat kürzlich gesagt, dass Sie nur dann eine Chance auf den Titel haben, wenn Sie mehr riskieren. Bedeutet dies nun alles oder nichts?
Kopf ausschalten und los bringt sicher nichts. Es ist aber nicht so, dass mir mein Manager diese Vorgabe machte. Vielmehr war das meine eigene Erfahrung, gekoppelt mit der Analyse des Cheftechnikers. Aber klar, an der Aggressivität musste ich arbeiten und das habe ich auch gemacht.

Wie trainiert man Aggressivität?
Das ist eine Einstellungs-, eine Kopfsache. Ein Vertrauen, das man sich aufbauen muss. Nicht nur zu sich als Person, sondern auch zum Motorrad. Ich muss das Limit spüren. Denn es ist auch immer eine Gratwanderung zwischen zu wenig und too much.

Keine Frage der Mentalität? Das Feld wird ja von italienischen und spanischen Fahrern dominiert.
Ob jemand aggressiv Töff fährt oder nicht, hat nichts damit zu tun, ob er nun aus Italien, Spanien oder der Schweiz kommt. Klar sind das unterschiedliche Charaktere, doch wenn das Visier runter geht, muss jeder einfach seinen Job machen. Nicht zu vergessen, dass im Rennsport auch ruhige Typen ihre Vorteile haben.

Ist für Sie ein Wechsel in die Königsklasse – die MotoGP – noch ein Thema?
Auf jeden Fall. Aber nur wenn ich konkurrenzfähiges Material erhalte.

Wie gross ist die Chance, solches zu erhalten?
Nicht sehr gross. Und im Gegensatz zur vorherigen Frage spielt hier die Nationalität sicher eine Rolle. Als Schweizer ist man da im Nachteil.

Warum?
Weil der Rennsport in der Schweiz nicht sonderlich populär ist. Für mich ist ein Wechsel in die MotoGP also nur über den Erfolg möglich. 

«

Ob jemand aggressiv Töff fährt oder nicht, hat nichts mit der Nationalität zu tun.»

Die Schweiz legt enormen Wert auf Umweltschutz, besitzt keine eigene Rennstrecke – keinen Rundkurs. Wie schwierig war das für Sie, unter diesen Voraussetzungen den Sprung zum Profi-Rennfahrer zu schaffen?
Sehr schwierig! Ich habe früher auch nie daran geglaubt, dass ich das einmal schaffen würde. Mit Umwegen über Deutschland hat es dann aber trotzdem geklappt. Mein Beispiel zeigt, dass es möglich ist und das hat in der Schweiz dann auch Einiges ausgelöst.

Hat es auch ausgelöst, dass in der Schweiz nun mehr in den Nachwuchsbereich investiert wird?
Es gibt in der Schweiz zwar einen Motorradsport-Verband, aber die Nachwuchsförderung ist da nicht so, wie man es von anderen Sportarten her kennt. Da sind wir meilenweit davon entfernt.

Wäre das ein Wunsch von Ihnen, dass mehr in diesen Bereich investiert wird?
Klar! Und vielleicht wäre das etwas, das ich nach meiner Aktivkarriere anpacken will.

Gibt es dazu schon ein konkretes Projekt?
Nein, nein … das ist noch viel zu weit weg. Momentan konzentriere ich mich noch voll auf meine Karriere als Rennfahrer. Ich habe noch grosse Ziele.

Trotz aller Vorsichtsmass-nahmen ist und bleibt der Rennsport ein Risikosport. Was machen Sie, wenn Sie sich verletzen und Ihre Karriere beenden müssen? Gibt es einen Plan B?
So aus dem Ärmel geschüttelt … nein! Möglichkeiten gäbe es aber sicher. Angst, dass ich dann unter einer Brücke wohnen werde, habe ich keine. Das ist eben eine typische Schweizer Mentalität. Alles muss immer abgesichert sein. Hätte ich, als ich den Schritt in den Profisport gewagt habe, so gedacht, der Misserfolg wäre vorprogrammiert gewesen. Mit meinen Eltern habe ich es damals so vereinbart: Wenn ich den Durchbruch bis 20 nicht schaffe, dann muss ich zurück auf die Schulbank, um eine Lehre zu machen.

Das war dann wohl Motivation genug …
Ja klar (lacht), für mich war das ein Traum, vor allem, weil ich dann mit 19 Jahren Weltmeister wurde.

Motivierend sind wohl auch die halbnackten Grid-Girls, die am Start jeweils neben Ihnen stehen. Wie können Sie sich da überhaupt noch konzentrieren?
Näbedüre luege (lacht). Nein … das gehört halt zum Rennsport dazu. Es wäre ja schade, ohne die ganzen Girls. Im Ernst. Ich nehme das nicht wahr, dazu bin ich viel zu fokussiert und in meiner eigenen Welt. Da gibt es keinen Platz, um Frauen nachzuschauen.

Und nach dem Rennen? Es gibt da ja ein paar berühmte Beispiele, die ihre Grid-Girls sogar geheiratet haben …
… und die jetzt schon wieder geschieden sind.

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