Tol(l)eranz

Sie: Wir haben in Klosters vor rund hundert Leuten gelesen und mischen uns danach unters Publikum, als ein Mann auf mich zusteuert: freundliches Gesicht, silbrig glänzende Haare. Er reicht mir seine grosse Hand und sagt: «Danke.»

«Danke? Wofür?»
«Danke, dass Sie über die Liebe schreiben.» Er lächelt mich an. «Wissen Sie, ich war 62 Jahre verheiratet – und dann passiert auf einmal das, was der Pfarrer an unserer Hochzeit angekündigt hatte: ‹… bis dass der Tod euch scheide›.»

«

… dann geht er, dankbar blicke ich ihm nach.»

Er blickt traurig, seine Augen glänzen feucht. Ich halte seine warme Hand. Hinter ihm sehe ich Schneider. Er plaudert und lacht mit einigen Gästen. Glücklich sieht er aus, locker, kraftvoll. Der alte Mann legt mir seine andere Hand auf den Arm, und auch wenn ich ihn nicht kenne, so ist er mir doch vertraut. «Damit eine Liebe glücklich ist, ist aber nicht allein die Liebe wichtig. Viel wichtiger ist etwas anderes.»

Ich blicke ihn fragend an. Vermutlich sagt er nun Vertrauen. Oder Achtsamkeit.
Er blinzelt mich weise an, sagt ernst und leise: «Toleranz. Toleranz ist das Allerwichtigste.»
Er drückt meine Hand, ich drücke zurück. Dann geht er. Dankbar blicke ich ihm nach.

Toleranz.Das sollte doch zu schaffen sein.

Er: Was für ein wunderbarer Abend! Toll, dass die Leute uns hören wollen und dabei auch noch so viel lachen.
Jetzt geniesse ich das wohlige Gefühl der Entspannung nach dem Auftritt und klopfe zwischen einer Gruppe von Frauen Sprüche an der Kulturschuppen-Bartheke.

Eine sagt: «Also, wenn ich euch zuhöre, dann habe ich das Gefühl, dass ihr direkt aus dem Alltag von meinem Mann und mir schreibt.»

Die anderen nicken, eine weitere lacht und bekennt, dass ich ihrem Mann ein grosser Trost sei. Manchmal lege er ihr eine der Kolumnen hin mit dem Kommentar: «Genau so geht es mir auch.

«

Sie wirken sehr vertraut. Kennen sie sich? »

Schon speziell, denke ich, die einen Männer erforschen das Weltall und ich bin ein Trostspender. Ich schiele zu Schreiber, die in ein Gespräch mit einem älteren Herrn verwickelt ist. Die beiden wirken sehr vertraut. Ich sehe, wie er ihren Arm drückt, wie sie einander freundlich anschauen.
Kennen sich die beiden?

Auf dem Heimweg durch die Nacht frage ich Schreiber, wer der Mann gewesen sei.
«Keine Ahnung. Auf jeden Fall  jemand, der sehr geliebt hat, und von dem man lernen kann.»
«Was denn?», frage ich, doch statt einer Antwort stellt sie eine Frage: «Bin ich dir tolerant genug?»

 (Coopzeitung Nr. 15/2016) 

Infos: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Donnerstag 14.04.2016, 16:00 Uhr

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