Trinkrituale

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Schneider: Sonntagmorgen, die Kinder kommen verpennt in die Küche. Die Grössere winkt, die Kleinere verteilt Küsse, beide setzen sich zu uns an den gedeckten Tisch, blicken verschlafen und verträumt in die Welt. Schreiber freilich ist voller Tatendrang. Sie räumt unsere beiden leeren Teller weg, denn wir haben längst gefrühstückt und lesen nur noch die Zeitung. Sie kehrt mit zwei Gläsern Wasser zurück. «Hier, ihr Süssen. Trinkt zuerst mal was.»

«

Trinken soll man, wenn man Durst hat.»

Die zerzausten Köpfe unserer Töchter bewegen sich in Zeitlupe in die Richtung, aus der die Aufforderung kam. Schreiber stellt die Gläser hin und strahlt. «Das tut euch gut.» Unsere Töchter regen noch immer keinen Gesichtsmuskel.

Ich entscheide, die Idylle dieses Sonntagmorgens aufs Spiel zu setzen und dieses mütterlicherseits verordnete Kampfwassertrinken zu kontern. «Wacht erst mal in aller Ruhe auf», sage ich, «denn trinken soll man, wenn man Durst hat.» Das ist die Aufgabe des Durstes – und nicht etwa der Mutter, die, sobald die Mädels in die Küche kommen, ihnen ein Wasserglas unter die Nase hält. Ich hingegen verfechte: «Freies Wassertrinken für freie Töchter» und fahre fort: «Erinnert eure Mutter immer wieder mal daran, wie alt ihr seid.»

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Schreiber: Ein Sonntagsfrühstück ist vorüber, das schöner begonnen als geendet hat, denn Schneider brach eine unnötige Debatte vom Zaun. Als ob Wassertrinken etwas wäre, worüber man überhaupt reden muss! Als die Kinder wieder in ihren Zimmern sind, sage ich zu ihm: «Diese Diskussion war jetzt ziemlich daneben.» – «War sie nicht. Man muss dich nämlich immer wieder daran erinnern, dass unsere Töchter keine Babys mehr sind.»

«

Diese Debatte war ziemlich daneben.»

«Wasser kann man nie genug trinken! Ist nachgewiesene Expertenmeinung!» Schneider knurrt: «Woher wissen Experten, wann unsere Töchter durstig sind? Nein! Durst haben ist eine Erfahrung, und Durst löschen etwas Schönes. Auf Vorrat trinken ist seltsam.» – «Kinder denken halt oft nicht dran.» – «Und wenn du nicht da wärst, würden sie verdursten?» – «Natürlich nicht, aber das Gehirn muss schwimmen, wenn es einsatzfähig sein soll.» «Man braucht es deswegen nicht gleich zu ertränken», kontert Schneider. 

Er übertreibt kolossal! Na warte: «Übrigens ist auch erwiesen, dass ältere Menschen häufig vergessen zu trinken.» – «Was hat das damit zu tun?» – «Ich übe für später. Vergesslich bist du ja jetzt schon. Und zudem wirst auch du nur noch älter.»

«Mein Leben als Paar» – die besten Kolumnen der letzten drei Jahre als Buch. Infos auf der Website von Schreiber und Schneider.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 12.06.2017, 09:09 Uhr

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