Typisch: Herr und Frau Schweizer

Der Durchschnittsschweizer – oder wenn Zahlen, Daten und Fakten romantische Vorstellungen widerlegen.

Der Schweizer trägt Bart und ein besticktes Sennenkäppi. Er spielt Alphorn und jasst mit Leidenschaft – am liebsten beim gemütlichen Fondue oder Raclette. Sein weibliches Pendant trägt eine Pippi-Langstrumpf-Frisur, ein Trachtengwändli mit Alpenrosen bestickt und die roten Bäckchen leuchten auch ohne künstliches Rouge. Und selbstverständlich hat jeder Schweizer (einfachheitshalber beschränken wir uns ab jetzt auf die maskuline Personenbezeichnung) auch seine eigene Kuh, die ihm Milch für seine Schokolade gibt. Und natürlich …: reich ist er, gut situiert (würde er wohl eher sagen) – wenn er denn überhaupt darüber spricht. Denn über Geld redet er ja eigentlich gar nicht.
So oder ähnlich stellt man sich einen Klischee-Schweizer wohl vor. Doch ist das eben ein Klischee – ein Vorurteil, eine festgefahrene Vorstellung, nicht die Realität. Denn diese sieht anders aus. Da begegnet man Hipstern mit schwarzrandigen Hornbrillen, Hausfrauen in Jeans und T-Shirts, Handwerkern in schweren Arbeitskleidern und/oder Business-Ladies im chicen Hosenanzug. Sie sind blond, braun- oder schwarzhaarig, haben mal eine hellere, mal eine dunklere Hautfarbe, sind gross, klein, dick und dünn.
Trotz der Unterschiede haben wir den Schweizer Nationalfeiertag zum Anlass genommen und uns auf die Suche nach «dem Durchschnittsschweizer» gemacht. Wie gross ist er, wie viel wiegt er? Wie viele Stunden in der Woche arbeitet er und was macht er in der Freizeit? Wie gross ist seine Familie und wo verbringt er seine Ferien? Wir wissen: Das sind nur Daten- und Zahlenspielereien – interessant sind sie trotzdem.

Ohne Ecken und Kanten? 

Vom Durchschnitt fasziniert ist auch Pia Fischer. Die 24-Jährige studiert an der Zürcher Hochschule für Künste «Style und Design». Für ihre fotografische Bachelor-Arbeit betrachtete sie das Schweizer Mittelland, genauer: dessen Vorgärten und die darin häufig vorkommenden Objekte. Dazu gehören beispielsweise die Schweizerfahne oder Rattan-Möbel. «Meine Arbeit soll ein Denkanstoss sein, sich mit dem Normalen und dem Durchschnittlichen auseinanderzusetzen, das uns täglich umgibt», sagt sie. Fischer liess sich dabei von Fragen leiten wie «Wie viele Wiederholungen braucht es, damit eine Form als normal wahrgenommen wird?» oder «Muss etwas möglichst ohne Ecken und Kanten sein, um durchschnittlich zu sein?». 
Dabei habe sie bewusst keine Statistiken und Verkaufszahlen beigezogen, sondern ihre Beobachtungen, die sie auf Spaziergängen oder aus dem Zugfenster gemacht hat, in Zähllisten eingetragen. 
Es gab auch Erkenntnisse, die sie zum Schmunzeln brachten, etwa «wie viele Thuja-Hecken es gibt – auch in der Stadt» und dass man diese im Internet sogar gebraucht ersteigern könne. 
Entspricht Pia Fischer dem Durchschnitt? «Sagen wir es so: Ich besitze keines der untersuchten Objekte.», sagt sie lächelnd und erklärt: «Ich habe aber auch keinen Vorgarten. Hätte ich eine andere Form von Durchschnitt untersucht, sähe es vielleicht anders aus.» Für die junge Frau ist der Durchschnitt keineswegs etwas Schlechtes. «Ich finde es spannend, dass der errechnete Durchschnitt in Wirklichkeit vorkommen kann, aber nicht muss.» Dabei sei ihr aufgefallen, dass sich Leute angegriffen fühlen, wenn es um den Durchschnitt geht. Anders als Pia Fischer haben wir Zahlen aus diversen Umfragen, Statistiken und Studien gesammelt und uns so dem Durchschnittsschweizer angenähert. Fest steht: Niemand von uns entspricht diesem immer genau, aber wir alle tragen dazu bei, dass es ihn gibt.

 

Das steht im Pass

Alter: Im Schnitt sind wir 42 Jahre alt.

Grösse und Gewicht:
Die Frau ist im Schnitt 1,66 m gross und wiegt 66,5 Kilo, der Mann ist 12 Zentimeter grösser (1,78 m) und wiegt 75,6 Kilo.

Namen:
Die häufigsten Vornamen sind Maria und Daniel, der häufigste Nachname ist Müller.

Haarfarbe:
47 % aller Schweizer haben braune Haare, 45 % sind blond, nur 4 % sind schwarzhaarig und knapp 4 % rothaarig. Aber: 60 % aller Schweizer färben sich die Haare. Die Haarfarbe von 83 % aller Frauen ist nicht ganz «echt».

 

Was wir essen

Lieblingsessen: Bei den Schweizern steht Pasta ganz hoch im Kurs. 93 % mögen Pasta sehr gerne oder gerne. Gefolgt von Grilliertem (91 %), Pizza (87 %), Risotto (85 %), Rösti (82 %), Käsefondue (76 %) und Polenta (66 %).

 

Unsere News 

Internet: 85 % aller Schweizer sind mindestens einmal pro Woche online. 91 % aller Haushalte haben Internetzugang.

TV: Wir sitzen im Schnitt täglich 124 Minuten vor dem Fernseher. Dabei ist «Meteo» mit über 50 % Marktanteil die zuschauerstärkste Sendung.

Mobiltelefon:
In der Schweiz gibt es 11,4 Millionen Mobilfunkanschlüsse. Jeder Schweizer besitzt damit im Schnitt 1,3 Handys.

Zeitung:
Die Coopzeitung liegt in 2,5 Millionen Haushalten und wird von rund 3,5 Millionen Menschen gelesen. Sie ist die grösste Zeitung der Schweiz.

 

So sind wir

Tätowierungen: Rund 10 % sind tätowiert, dabei 25 % der 25- bis 34-Jährigen überdurchschnittlich stark.

Brillenträger:
5 Millionen, also zwei Drittel der Bevölkerung, tragen eine Brille oder Kontaktlinsen.

Libido:
Jeder Schweizer hat dreimal pro Woche Sex (ob da wohl der Wunsch der Vater des Gedankens ist?).

 

Wenige Absenzen

Krankheit: Die jährliche Absenz beträgt im Schnitt 58 Stunden (Krankheit, Mutterschutz, Militär etc.).

Mutterschutz:
Mit 75,7 % nehmen drei Viertel aller Mütter nach der Geburt ihres ersten Kindes wieder aktiv am Arbeitsmarkt teil.

 

Wir arbeiten viel

Arbeitszeit: Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit beträgt in der Schweiz 41 Stunden und 10 Minuten.

Überstunden:
Im Jahr leistet jeder Schweizer rund 45 Überstunden.

Teilzeit:
34 % aller Erwerbstätigen arbeiten in Teilzeit (Frauen: 59 %, Männer: 16 %).

Ferien:
Im Schnitt haben wir 5,12 Wochen Ferien.

 

Dann ists genug

Pension und Rente: Frauen gehen derzeit mit 63,1 Jahren in Pension, Männer mit 63,5 Jahren. 29 % gehen in Frühpension. Die jährliche AHV-Rente beträgt im Schnitt 21 000 Franken, die berufliche Vorsorge 24 000 Franken. 

 

Arbeiten im Büro

Anzahl Erwerbstätige: Insgesamt haben 4 970 000 Personen eine Arbeit, 3 % in der Landwirtschaft, 21 % in Industrie und Gewerbe und 75 % im Dienstleistungssektor.

Arbeitslosigkeit:
Die Erwerbslosenquote liegt derzeit bei 5,3 %, die Arbeitslosenquote bei 3 %. Derzeit sind knapp 197 000 Menschen auf Stellensuche.

Selbstständige:
15 % aller Erwerbstätigen sind selbstständig.
Lehrberufe: Bei Mädchen und bei Jungen steht Kauffrau/Kaufmann an der Spitze der Beliebtheitsskala.

 

Ein Volk von Pendlern

Arbeitsweg: 3,9 Millionen Schweizer pendeln zur Arbeit. Der durchschnittliche Arbeitsweg beträgt 14,5 Kilometer. 20 % aller Pendler pendeln zwischen Kantonen, 51 % zwischen verschiedenen Gemeinden, aber im Wohnkanton, 30 % innerhalb der Wohngemeinde.

Transport zur Arbeit: 52 % der Pendler fahren mit dem Auto, 17 % mit der Eisenbahn, 13 % mit dem Öffentlichen Strassenverkehr, 9 % gehen zu Fuss, 7 % fahren Velo, 2 % mit motorisiertem Zweirad.

 

So leben wir

Kosten: 10 % des Einkommens geben wir für Lebensmittel und 3 % für Alkohol und Tabak aus sowie 4 % für Kleider. Mit 25 % sind die Wohn- und Energiekosten der grösste Posten.
15 % gehen für die Gesundheit drauf und 11 % für den Verkehr. 9 % geben wir in Restaurants und Hotels aus.

 

Über Stock und Stein

Liebste Freizeitbeschäftigung: Wandern ist die Freizeitbeschäftigung Nummer eins. Über das Jahr kommt ein typischer Schweizer Wanderer auf ca. 60 Wanderstunden. Auch beliebt: picknicken und Ausflüge machen.

Feriendestinationen:
Die beliebtesten Reiseziele: Schweiz (34 %), Deutschland (13 %), Italien (12 %), Frankreich (10 %). Nur 7 % reisen in die weite Ferne.

Flugziele:
Wer weiter weg fliegt, legt im Schnitt 9 000 Kilometer zurück.

 

Das Radio rockt

Radionutzung: 9 von 10 Personen in der Schweiz hören täglich Radio – im Schnitt 114 Minuten pro Tag (Westschweiz: 97 Minuten, Tessin: 112 Minuten).

Musikinstrument:
Das Klavier ist das meistgespielte Musikinstrument der Schweiz. Auf den Plätzen folgen Akustische Gitarre, Violine und Blockflöte.

Musik:
Am liebsten hören wir Pop und Rockmusik (26 %), gefolgt von Klassik (24 %), Jazz/Soul/Country (20 %) und Schweizer Volksmusik (18 %).

 

Kultur ist Trumpf

Museumsbesuche: Das Verkehrshaus in Luzern ist das beliebteste Museum. Es zählt jährlich etwa 600 000 Eintritte. Generell besuchen 72 % mindestens einmal pro Jahr ein Museum oder eine Ausstellung.

Kulturkosten: Im Monat gibt jeder Haushalt 49 Franken für gedruckte Inhalte aus, gefolgt von Internetzugang (19 Franken), Theater und Konzerten (18 Franken), Musik und Tanzkurse (13 Franken) und Museen (5 Franken).

 

Klick, klick

Kreativität: Unter den kreativen Hobbys ist Fotografieren besonders beliebt. 21,7 % machen das am liebsten, gefolgt von Malen und Bildhauen (21,4 %) sowie Singen (18,9 %).

 

Einzelsport dominiert

Beliebteste Sportarten: Wandern ist auch bei Sportlern beliebt (44 %). Es folgen: Velofahren (38 %), Schwimmen (35 %), Skifahren (35 %), Laufen (23 %), Fussball ist mit 8 % abgeschlagen.

Interesse für Sportarten:
Dagegen interessieren sich 46 % aller Schweizer für Fussball, gefolgt von Ski Alpin (34 %), Tennis (28 %), Eishockey (20 %).

Ausgaben:
Pro Person geben wir im Jahr 2500 Franken für Sport aus.

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Text:
Noëmi Kern, Markus Kohler, Andreas Eugster, Sohpie Hollenstein
Foto:
Nicolas Bischof
Veröffentlicht:
Montag 31.07.2017, 06:00 Uhr

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