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Wie neu: Roland Schibli mit einem  Chevrolet Pickup 3100 von 1950.



US Classic Cars: Kunstwerk auf Weisswandreifen

Klassiker Einen «Ami» zu fahren, das war einst unerhörter Luxus, oft ein wenig verrucht und – wie heute immer noch – Ausdruck von Individualität. Rock’n’Roll auf Rädern.

Damit sich die Leute nach ihm den Kopf verdrehen, müssen sie ihn noch nicht einmal im Blick haben – allein schon das Leerlauf-Brummeln sorgt für Aufsehen. Der Sechszylinder-Reihenmotor, der beim roten Chevrolet Pickup unter der Motorhaube arbeitet, tönt ganz anders als das, was Autos von heute bewegt – da schwingt Geschichte mit.

Der kernige Sound grossvolumiger Motoren ist einer der Gründe dafür, dass diese Fahrzeuge so viele Fans haben. Mit dem magischen Kürzel «V8» verbinden sich Träume, die oft auf das Quartettspiel der Kindheit zurückgehen, als mit der Corvette Sting Ray jeder andere Wagen auszustechen war. Oder auf Filme wie «Smokey and the Bandit» («Ein ausgekochtes Schlitzohr»): Wenn Burt Reynolds im Pontiac Trans Am über die Highways brauste, presste man sich fest in den Kinositz und hielt den Atem an.

Country-Klänge
Kein Wunder, kommen Schaulustige zu Tausenden, wenn solche Bijous zu sehen sind wie Anfang Mai in Luterbach SO: «American Live» ist das grösste Treffen dieser Art in der Schweiz. Angefressene Fans sind immer dabei, selbst wenn es regnet wie bei der 32. Ausgabe in diesem Jahr. «Bei vielen verbindet sich die Liebe zu den Autos mit einer Neigung zum US-typischen Lebensstil», sagt der Präsident des Organisationskomitees, Peter Voser (63). «Die Motoren klingen ja auch eher nach Countrymusik …» Oder nach Rock 'n' Roll – manche Fans stimmen das persönliche Outfit auf ihren Wagen ab, von der Lederjacke und der Rockabilly-Frisur mit langen Koteletten bis zum Pettycoat der Begleitung.

Die «Friday Night Cruisers», die das Ami-Treffen in Luterbach organisieren, sind einer der Clubs, die in der FAAS («Föderation Amerikaner Autoclubs Schweiz») vereint sind. Die Szene ist besonders aktiv im Mittelland und in der Ostschweiz, aber auch im Wallis oder im Tessin. Wie viele Besitzer klassischer US-Autos es hierzulande gibt, lässt sich aber nicht genau sagen. «Die Bandbreite reicht von vermögenden Sammlern mit Dutzenden von Fahrzeugen bis zu Leuten, die lange sparen müssen, um sich ihren Traum erfüllen zu können», meint Roland Schibli (38). Er hat seine Passion zum Beruf gemacht und führt in Trimbach SO eine Garage, die auf klassische US-Fahrzeuge spezialisiert ist.

«

Da hört man noch, wo etwas zu tun ist.»

Am eigenen «Muscle Car» findet der passionierte Schrauber stets noch etwas zum Nachbessern.

Am eigenen «Muscle Car» findet der passionierte Schrauber stets noch etwas zum Nachbessern.
Am eigenen «Muscle Car» findet der passionierte Schrauber stets noch etwas zum Nachbessern.

Vom Fieber gepackt
Ähnlich wie Peter Voser, dessen Eltern früher in Zürich ein Taxi-Geschäft und daher immer US-Limousinen hatten, ist auch Schibli «erblich vorbelastet»: Er kann sich noch gut an die Autos seines Grossvaters erinnern, Plymouth Fury oder Dodge Dart beispielsweise. Zum Ausbruch kam der «Virus» während der Lehre zum Maschinenmechaniker: Mit 16 kaufte sich Schibli für 300 Franken einen Ford Fairlane, den er komplett zerlegte. Als ihm klar wurde, dass er etwa 20 000 bis 30 000 in das Auto hineinstecken müsste, um es auf die Strasse zu bringen, sank das Fieber vorübergehend ein wenig.

Mit 22 ging er für ein Jahr in die USA. Der Versuch, die Reise an den künftigen Arbeitsort im Bundesstaat Virginia vom Flughafen mit einem Mietwagen fortzusetzen, drohte daran zu scheitern, dass er dafür drei Jahre zu jung war. Doch der Agent änderte das Geburtsjahr – so erlebte Schibli vom ersten Tag an das «Land der unbegrenzten Möglichkeiten». Freundschaften, die damals entstanden sind, halten bis heute. Und Schibli kann auf die alten Kollegen zählen, wenn er immer wieder einmal in die USA fliegt, um geeignete Autos für den Import in die Schweiz zu finden oder Ersatzteile aufzutreiben.

Kraft und Komfort
«Für jeden Modelljahrgang wurde früher das Design verändert, für die Karossereie ebenso wie beim Interieur», schwärmt Schibli. «Dagegen findet man heute oft sogar bei Autos verschiedener Marken immer dieselben Elemente». Der Wunsch nach Individualität spielt bei vielen Liebhabern der alten Amis eine wichtige Rolle. «Nicht zum Plagieren, aber um sich abzusetzen von der Masse», erklärt Peter Voser von den »Friday Night Cruisers». Früher war es fast anrüchig, einen «dicken Ami» zu fahren: «Da galt man schnell einmal als Lebemann», erzählt Roland Schibli. Doch heute passen diese Autos zum Retro-Trend. Die Nachfrage nach US-Klassikern lässt sich grob in zwei Lager teilen. Auf der einen Seite sind es «Muscle Cars», mit viel Hubraum und Leistung. So einen hat Roland Schibli auch privat: Der Dodge Coronet R/T – das Kürzel steht für «Road and Track», also Strasse und Rennstrecke – steht derzeit mit demontierter Haube in der Garage, denn immer wieder gibt es da etwas, das man noch verbessern kann.

Das andere Lager sind Limousinen mit barockem Kühlergrill, plüschigen Sitzbänken und chromglänzendem Armaturenbrett. Mit einem Kofferraum, der manche Studentenbude mickrig aussehen lässt, und mit traumhaftem Komfort: «Die Amis hatten schon Klimaanlage und Autoradio, als das in Europa noch Luxus war», sagt Andi Lüthi. Er teilt die Begeisterung für US-Autos mit seinem Jugendfreund Roland Schibli und arbeitet bis heute mit ihm zusammen in der Garage. Ein Teil dieser Faszination ist die robuste Mechanik, die ohne viel Elektronik und Computersteuerung auskommt: «Bei diesen Autos hört man noch, wo etwas zu tun ist», sagt Schibli.

Darum sind die klassischen US-Autos auch gar kein so teures Hobby, sondern zuweilen sogar alltagstauglich. «Meine Tochter hat einen Pontiac Grand Am und fährt damit immer zur Arbeit», erzählt Peter Voser. Das bestätigt auch der Garagist Roland Schibli: Ist der Wagen gut restauriert, sind die Kosten für den Unterhalt überschaubar, dann braucht es nur Öl und Benzin. Und schönes Wetter, damit die Ausfahrt auch richtig Spass macht.

Impressionen

US-Car-Szene Schweiz

Dachverband
Die FAAS ist die Dachorganisation für alle US-Car-Clubs der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. Auf ihrer Website findet man auch die Termine der US-Car-Treffen.

FAAS im Internet »


Friday Night Cruisers
Der Club organisiert jedes Jahr Anfang Mai das grösste US-Car-Treffen «American Live» in der Schweiz.

FNC und «American Live» im Internet »

Diesen Dodge Charger kann man mieten.

Diesen Dodge Charger kann man mieten.
Diesen Dodge Charger kann man mieten.

Selber ausprobieren
Wer einen US-Klassiker kaufen will, braucht nicht besonders viel Geld, aber Platz – die wenigsten  Garagenboxen sind für Strassenkreuzer geeignet – und Geduld. Wenn das «Fieber» ausgebrochen ist, raten Peter Voser und Roland Schibli, sich erst gut zu informieren und lieber abzuwarten, als ein vermeintliches «Schnäppchen» zu kaufen, das sich hinterher als Schrott herausstellt.

Manche Garagisten wie Schibli bieten auch US-Fahrzeuge als Mietwagen an, so dass man auf diese Weise das spezielle Fahrgefühl in einem «Ami» ausprobieren kann.

Roland Schiblis Garage V8Bros »

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Martin Winkel

Redaktor

Foto:
Patrick Lüthy
Veröffentlicht:
Montag 18.05.2015, 17:49 Uhr

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