Die jüngeren Leute fahren wieder auf die Musik von früher ab. Das freut niemanden mehr als Peter Kraus: «Da kann ich helfen.»

Unermüdlich: Peter Kraus geht wieder auf Tour

Peter Kraus (78) pfeift auf den Ruhestand: Lieber gibt er abends Konzerte. Und am Morgen geht er Trampolin springen.

Peter Kraus in seiner Wahlheimat Morcote im Tessin: «So lange interessant zu bleiben, braucht Biss und Ideen.»

Peter Kraus in seiner Wahlheimat Morcote im Tessin: «So lange interessant zu bleiben, braucht Biss und Ideen.»
http://www.coopzeitung.ch/Unermuedlich_+Peter+Kraus+geht+wieder+auf+Tour Peter Kraus in seiner Wahlheimat Morcote im Tessin: «So lange interessant zu bleiben, braucht Biss und Ideen.»

Peter Kraus wäre gerne mit dem Motorboot zum Interview in Morcote am Lago di Lugano gekommen. «Dann hätte ich sicher einen Parkplatz gehabt», sagt der österreichische Entertainer, der seit einer Ewigkeit im Tessin lebt. Doch starker Regen machte den Plan zunichte. Nun sitzt uns Peter Kraus im Ristorante della Posta gegenüber. «Jetzt brauche ich erst einmal einen Espresso.»

Peter Kraus, sind Sie ein unvernünftiger Mensch?
Ich finde es unvernünftig, darüber nachzudenken … aber wenn Sie darauf beharren, dann antworte ich: Nein, ich glaube nicht, dass ich unvernünftig bin.

Nach der letzten Tournee sagten Sie aber: Es ist vernünftig, wenn ich jetzt kürzertrete. Nach einer Pause geben Sie nun wieder Einzelkonzerte wie jenes im KKL Luzern am 13. Oktober. Also doch unvernünftig?
Ja, und es wird noch unvernünftiger: Nächstes Jahr gibts wieder ab März eine Tournee, allerdings in kleineren Sälen bis 2000 Zuschauer, und dies in vielen Städten, wo ich nur selten oder überhaupt noch nicht aufgetreten bin. Ich freue mich riesig darauf und wenn etwas so viel Spass macht – ist es dann unvernünftig, wenn man das auslebt? Nein, im Gegenteil.

Als Sie aufhören und vernünftig sein wollten, sagten Sie: Ich will mich jetzt den Frauen und den Autos widmen.
Habe ich wirklich von Frauen gesprochen? Dann wäre es ja kein ruhiges Leben! (Lacht.) Nein, es ist doch so: Ich befinde mich jetzt in einem Alter, in dem es rapide abwärtsgehen könnte. Was aber bis jetzt zum Glück nicht der Fall war. Vielleicht weil ich so aktiv bin. Warum soll ich daran etwas ändern? Kommt hinzu, dass ich merke, wie sehr die jüngeren Leute wieder auf die Musik von früher abfahren. Da kann ich helfen, deshalb habe ich für die kommende Tournee ein Programm mit den Kulthits der wilden 50er- und 60er-Jahre entworfen.

Wie ist es denn so, wenn man jahrzehntelang Vollgas gibt und dann plötzlich aufhört?
Es war nie mein Ziel, nichts mehr zu machen. Ich habe nur gesagt, dass ich mehr Zeit für meine Familie haben möchte. Auch nach Tournee-Ende hatte ich weiterhin genug zu tun. Zum Beispiel mit meinem Weingut in der Südsteiermark. Mittlerweile haben wir einen eigenen Wein mit 640 Flaschen herausgebracht. Nächstes Jahr sollen es dann bereits 2000 Flaschen sein.

640 Flaschen reichen knapp für den Eigenbedarf.
Ein befreundeter Gastronom hat mir fast alles abgekauft, sodass mir nur noch 30 Flaschen blieben. Bei mir gehört jeden Tag ein Glas Wein zum Essen dazu. Aber um zu Ihrer Frage zurückzukehren: Langweilig wurde mir bis jetzt noch nie.

Hat der Tod von Udo Jürgens dazu beigetragen, dass Sie kürzertreten wollten?
Nein, aber er hat mir nochmals bewusst gemacht, dass für mich auch anderes neben der Musik wichtig ist. Bei Udo war alles ganz auf die Bühne ausgerichtet. Ich habe ihm auf meiner letzten Tournee das Lied «Jede Menge Leben» gewidmet, das unsere Freundschaft beschreibt. Wir sind in jungen Jahren in München um die Häuser gezogen, auch wenn sich unsere Karrieren unterschiedlich entwickelten. Er hat früh tolle Sachen gemacht, musste aber viel länger warten, bis er den Durchbruch schaffte. Ich hätte ihn gerne in meiner Gruppe, den James Brothers, dabeigehabt Das kam aber nicht zustande.

Was machen Sie, damit Sie so fit sind?
Jeden Morgen zehn Minuten Trampolin springen vor dem Frühstück. Das lockert die Glieder und Gelenke. Und bringt die Gedärme wieder an die Stellen, wo sie sein müssen. (Lacht.) Dann ziehe ich regelmässig an einem Gummiband, das kann ebenfalls nicht schaden. Und ich habe grossen Spass am Kanufahren. Aber auch wenn ich all das nicht machen würde, wäre ich genug fit, weil ich den ganzen Tag immer auf Trab bin. Dazu gehört auch, dass ich lieber die Treppe nehme als den Lift. Wenn ich am Abend einen Moment vor dem Fernseher ausspannen möchte, bin ich so müde, dass ich einschlafe. Was aber auch nicht so schlimm ist, weil das Fernsehen ohnehin immer schlechter wird

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Es war nie mein Ziel, aufzuhören. Ich wollte einfach nur mehr Zeit für die Familie.»

Warum waren die Fünfziger- und Sechzigerjahre so besonders?
Weil die Jugend mit der Musik plötzlich ein Mittel in der Hand hatte, um rebellieren zu können. Heute klingt das für die Jungen lächerlich, aber damals war das nicht selbstverständlich. Die Jugend war unterdrückt, die Eltern sagten, wo es langgeht. Umso aufregender fand ich es, dass ich für viele ein Vorbild war, wobei ich eher als der positive Rebell galt, den sich insgeheim auch die Schwiegermütter wünschten. Das ist heute ganz anders. Da kannst du nur auffallen, wenn du Negativschlagzeilen produzierst.

War die Zeit damals unbeschwerter?
Ich finde ja. Nach dem Weltkrieg hatten wir alle die riesige Hoffnung: Es kann alles nur besser werden. Das ist der grosse Unterschied zu heute, wo es leider nur noch schlechter werden kann. Das sieht man in den Nachrichten. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin kein Nostalgiker, der nur in der Vergangenheit lebt und sagt, dass früher alles besser war. Ich finde die heutige Zeit auch schön. Man sollte stets das Beste aus einer Epoche herausholen.

Waren Sie damals für die Beatles oder die Rolling Stones?
Ich habe sie beide gehasst. Als sie aufkamen, wurde es für die Solisten schwierig. Damit war ich nicht alleine. Auch Tom Jones beklagte sich: «Da kommen diese vier langhaarigen Typen aus Liverpool und für uns bleibt nichts mehr übrig!» Mich interessierte Musik für eine Zeit lang nicht mehr wirklich, ich hatte genug von diesem Wischiwaschi-Schlagerzeugs. Ich habe dafür viel Fernsehen gemacht, was auch eine sehr interessante Erfahrung war. Nie hätte ich es damals für möglich gehalten, dass der Rock’n’Roll ein solches Comeback erlebt.

Wie erklären Sie sich dieses?
Es war ja nicht nur die Musik, die den Rock’n’Roll ausmachte. Auch die Mode, die Filme oder die Kunst waren stilbildend und so beeindruckend, dass sie heute noch interessant sind. Und so stehe ich im reifen Alter auf der Bühne und mache Rock’n’Roll. Eine unglaubliche Geschichte, die mich natürlich freut.

«Verzichtet hätte ich gerne auf Auftritte in Bierzelten.»

«Verzichtet hätte ich gerne auf Auftritte in Bierzelten.»
http://www.coopzeitung.ch/Unermuedlich_+Peter+Kraus+geht+wieder+auf+Tour «Verzichtet hätte ich gerne auf Auftritte in Bierzelten.»

Was erfüllt Sie mit besonders viel Stolz, wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken?
Stolz kann ich sein, dass ich es geschafft habe, während sechs Jahrzehnten interessant zu bleiben. Es gibt nicht viele, die es auf diese lange Zeit bringen. Dafür braucht es Biss und Ideen. Ich habe mir immer viele Gedanken gemacht, was ich anstellen könnte und weshalb es bei anderen nicht funktioniert.

Ja, weshalb?
Viele haben zu oft darauf geschaut, was das Publikum von ihnen erwartet. Und ihre ganze Musik und Auftritte danach ausgerichtet. Irgendwann wird das aber langweilig. In einem Gourmetlokal kannst du auch nicht immer das Gleiche kochen. Ja, ich bin stolz darauf, dass ich mein Publikum immer wieder mit etwas Neuem überrascht habe. Das wird auch bei meinem kommenden Programm der Fall sein, wo ich eine geballte Ladung an Hits aus den Fünziger- und Sechzigerjahren präsentiere. Von Bill Ramsey, Vico Torriani, Elvis und vielen anderen.

Nervt es Sie immer noch, wenn Sie der deutsche Elvis genannt werden?
Nein, nein, es gibt Schlimmeres als diesen Übernamen. Früher nervte mich jedoch, wenn jemand behauptete, ich würde Elvis kopieren. Das ist Stumpfsinn. Wir haben verschiedene Stimmen, da ist es gar nicht möglich, dass ich ihn nachmache. Ich habe meinen eigenen Stil. Dazu gehört, dass ich eher swinge als den harten Rock’n’ Roll einzuspielen. Little Richard beispielsweise war für mich immer ein Schreihals, der nur plärrte. Das gefiel mir nicht.

Worauf hätten Sie lieber verzichtet in Ihrer Karriere?
Auf nichts. Man lernt aus allem. Ich sagte schon früher: Ich schaue mir auch gerne schlechte Filme an oder höre schreckliche Lieder. Da lernt man genauso viel. Ich habe viele Fehler gemacht, die im Nachhinein aber wichtig waren. Verzichtet hätte ich gerne auf jene Zeit in den Siebziger-, Achtzigerjahren, als ich in Bierzelten auftrat. Auslöser war Roberto Blanco. Den hätten wir gerne in der Fernsehshow gehabt. Er hatte aber nie Zeit: «Ich bin an einer Gala.» Als ich dann von seinen Gagen hörte, dachte ich: Das mache ich auch. Ich hatte ohnehin grosse Lust, wieder vor richtigem Publikum aufzutreten und nicht nur für ein paar gelangweilte Kabelträger im Fernsehen. Das war dann aber nicht meine Welt.

Weshalb nicht?
Gelernt habe ich viel, das schon. Wer es auf einer Gala schafft, das Publikum zu erobern, der kann etwas. Der ist eine Rampensau. Es ist aber richtig harte Arbeit.

Warum?
Bei einem Konzert kommen die Zuschauer nur wegen dir, auf einer Gala hingegen nicht. Schlimmstenfalls haben die überhaupt keinen Bock, dir zuzuhören. Da ist einer am Flirten und gerade auf gutem Wege bei einer Frau und dann wird er unterbrochen, weil es heisst: Jetzt singt Peter Kraus. Da ist doch klar, dass der schon mal verärgert ist. Ich habe grossen Respekt vor jenen, die das tun, aber meine Welt ist dieses Stimmungsgetue nicht. Ich halte nichts davon, auf die Bühne zu stürmen und, noch bevor ein einziger Ton gesungen wurde, ins Publikum zu schreien: «Wo sind die Hände? Klatschen! Klatschen! Gibs ihm!» Früher mussten wir stundenlang singen und am Ende hat das Publikum getobt. In der modernen Unterhaltungsindustrie ist es heute genau umgekehrt, viel Schall und Rauch und wenig dahinter.

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