Ungenügende Bestnote

Sie: Die Schule fordert unsere Töchter. Was sage ich: die ganze Familie. Nicht, dass wir viel mit ihnen lernen müssten, das bekommen sie gut alleine hin.

Aber dieses Mitfiebern, Mitfühlen, Mitbibbern. Hat unsere Grössere eine Mathe-Prüfung, drücke ich dauernd die Daumen. Hält unsere Jüngere einen Vortrag, kann ich es kaum erwarten, bis sie uns von der Reaktion ihrer Lehrerin erzählt.

«

Ich lernte immer auf den letzten Drücker. »

Ich bilde mir zwar ein, nicht ehrgeizig zu sein, aber wichtig sind mir Erfolgsmeldungen trotzdem. Vielleicht, weil ich als Teenie eine lausige Schülerin war? Weil meine Eltern sich vor allem mit ihrer Trennung statt mit mir beschäftigten? Weil ich mich mehr fürs Leben als für die Schule interessierte? Ich lernte nur auf den letzten Drücker, immer haarscharf genügend. Zuweilen auch nicht – was ich meinen Töchtern natürlich verschweige.

Dafür frage ich heute als Erstes: «Und, wie liefs?»

Klar, gibts auch Enttäuschungen. Bei einer Note unter Vier schiebe ich schon die Krise und mahne streng, weniger ins Handy, dafür mehr in die Bücher zu schauen. Das macht mich nicht beliebter – muss aber sein. Denn ich will nicht, dass unsere Mädels in meine Fussstapfen treten. Jedenfalls nicht, wenn es um Schulnoten geht.

Er: Unsere Grössere beichtet soeben eine 3–4 in Mathe. Schreiber seufzt und ich erinnere mich, wie ich litt, wenn ich mit schlechten Noten nach Hause kam. Lügen ging nie. Meine Taktik war stattdessen, eine Lösung mitzuliefern, wie ich nächstes Mal ganz sicher brillieren würde. Natürlich war das in Mathe nur selten der Fall, aber mein «Ungenügend» war mit meinen Versprechungen zumindest hübsch eingepackt.

«

Wie wichtig sind denn gute Noten?»

Auch unsere Tochter redet sich um Kopf und Kragen, während ich sie mir ansehe. Hübsch ist sie, mit ihren blonden langen Locken. Sie backt fantastische Torten und macht mittlerweile so eine gute Lasagne wie ihre italienische Grossmutter. Sie singt, sie ist kreativ und vor allem ist sie eine wunderbare grosse Schwester für ihre kleine Schwester.

Also, wie wichtig sind gute Noten?

«Siehst du es nicht auch so?», fragt mich Schreiber. Hoppla, ich habe nicht zugehört. «Äh, wie, was?»
«Na, dass sie mehr lernen sollte.»

«Ach so. Nun, äh, wenn am Schluss im Zeugnis in Mathe eine Vier steht, reicht das doch völlig», sage ich, schau zu meiner Tochter, und ergänze: «Eine 3–4 reicht mir eigentlich auch.»
Schreibers Blick zeigt mir, dass sie mit einer anderen Antwort gerechnet hat.

 (Coopzeitung Nr. 16/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 18.04.2016, 16:00 Uhr

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