Die Temperaturen steigen, die Schneefallgrenze verschiebt sich immer mehr nach oben und die Gletscher schmelzen. Bald schon grasen die Schweizer Kühe im Schatten von Palmen. Wenn wir nichts unternehmen, könnte ein solches Szenario in Zukunft tatsächlich eintreffen.

Unser Klima im Wandel

Was beim Wetterbericht im Frühling Freude macht, macht beim Klima Kummer: Es wird warm. Die Schweiz ist ausgesprochen stark vom Klimawandel betroffen, weil auch die Gletscher schmelzen. Rasches Handeln tut not.

Die Schweiz spürt schon heute die Folgen des Klimawandels: Hitzesommer, extreme Niederschläge und schneearme Winter sind nur Beispiele. Diverse Untersuchungen belegen diese Folgen, sagt Patrick Hofstetter (52), Leiter Klima und Energie beim WWF Schweiz. Seit 1864 ist die Durchschnittstemperatur in der Schweiz um zwei Grad gestiegen. Das ist mehr als das Doppelte des weltweiten Temperaturanstiegs von 0,9 Grad Celsius.

Gletscher und Permafrost
Der Grund dafür liegt in unserer Lage. «Wir sind ein Alpenland mit Gletschern und Permafrost. Beide wirken regulierend auf die lokale Temperatur», erklärt Hofstetter, «und beide schwinden». Dazu fehlt ein Meereseinfluss. Beides zusammen sorgt dafür, dass wir stärker vom Klimawandel betroffen sind.

Historische Messungen und Klimaprognosen zeigen, dass wir momentan in einer Erwärmungsphase sind, die menschengemacht ist. «Will man vermeiden, dass die globale Erwärmung zwei Grad übersteigt, müssen wir von Erdöl und Erdgas wegkommen», sagt Hofstetter. «In Schweden ist Heizen ohne Öl und Gas bereits Realität. Das sollten wir auch schaffen.» Ab 2038 werden in Schottland, Norwegen und Indien mit Benzin und Diesel betriebene Neufahrzeuge verboten sein. 2040 folgen Frankreich und England dem Beispiel.

«Die Folgen des Klimawandels und die Herausforderungen, die uns erwarten, sind gigantisch», sagt Hofstetter. Die kürzeren Perioden mit Naturschnee zwingen die Wintersportorte, mit Kunstschnee nachzuhelfen, was wiederum unerwünschte ökologische Nebenwirkungen hat. Betroffen seien aber alle Wirtschaftsbereiche, weil sie den Umbau auf die CO2-freie Produktionsweise wirtschaftsverträglich schaffen müssen. In den Hitzesommern 2003 und 2015 kam es ausserdem zu ungewöhnlich vielen vorzeitigen Todesfällen.

  • Gegen 1855: Vor rund 150 Jahren breitete sich der Rhonegletscher noch bis ins Tal aus.
  • Heute: Und so sieht der Rhonegletscher 2017 aus – kaum mehr sichtbar. Vor allem im vergangenen Jahr war die Gletscher-schmelze in der Schweiz rekordverdächtig.
  • Beim Tourismus zeigen sich die Auswirkungen des Klimawandels am deutlichsten in den immer kürzeren Perioden mit Naturschnee.
  • Klimawandel und Umweltverschmutzung setzen den Bienen stark zu – aber nicht nur ihnen. Die ganze Biodiversität in der Schweiz ist in Gefahr.
  • Auch im Wald ist das natürliche Gleichgewicht fragil geworden. Die Föhre droht zu verschwinden.
 

Problem Gletscherschmelze
Augenscheinlich wird der Temperaturanstieg bei den Gletschern. Oder eher: bei deren Abschmelzen. Der Rückgang ist alarmierend. Die Wissenschaft ist sich einig, dass bis Ende dieses Jahrhunderts 80 bis 90 Prozent unserer Gletscher verschwunden sind.

Die Gesamtfläche der Gletscher in der Schweiz hat sich seit 1850 von 1735 auf 890 Quadratkilometer halbiert. Der Gornergletscher ist seit 1882 um 2,6 Kilometer zurückgegangen, der Untere Arollagletscher seit 1856 um 1,8 Kilometer und der Zinalgletscher seit 1891 um 1,7 Kilometer. «Hinzu kommt, dass das Schmelzen des Permafrosts die Gefahr von Bergstürzen und Murgängen erhöht», erklärt Hofstetter.

Ein Temperaturanstieg führt mittelfristig auch zu einer radikalen Veränderung der Biodiversität. Die Folgen: Immer mehr invasive Arten – wie die Tigermücke, die bereits im Tessin vorkommt –, und aus dem Lot geratene Ökosysteme. «Gewisse Pflanzen- und Tierarten werden sich in höheren Gegenden ansiedeln und dort bereits vorhandene Arten konkurrieren wie beispielsweise das Edelweiss.» Oder: Die Meisen finden nicht mehr genug Nahrung für ihre Jungen. Bisher war die Brutpflege abgestimmt auf die Blütezeit der Pflanzen. «Viele Blüten, viele Insekten», erklärt Hofstetter. «Weil die Pflanzen nun früher blühen, wird das in Zukunft vermutlich zeitlich auseinanderfallen.» Die Wissenschaft spricht vom Dominoeffekt.

Aus für «Alpärooosä»?
Auch die Alpenrosen könnten bis Ende des 21. Jahrhunderts verschwinden, und der Fichte droht das gleiche Schicksal. Um dem entgegenzuwirken, «müssten wir heute 30 Prozent unserer Energie aus erneuerbaren Quellen gewinnen und bis 2030 sogar 60 Prozent», sagt Hofstetter. Zurzeit sind wir bei 22 Prozent: «Es ist dringend nötig, dass wir schrittweise aus den fossilen Energien aussteigen.»

Einsatz zum Schutz der Bienen

Nicht weniger als 40 Prozent der Insekten in der Schweiz sind heute bereits vom Aussterben bedroht. Besonders die Bienen sind seit mehreren Jahren stark gefährdet. Klimawandel, für den sie empfindlich sind, frühe Blüte, die ihren Kreislauf stört, chemische Verschmutzung: Die Gründe dafür sind vielfältig. Bienen sind für die Landwirtschaft und für die Nahrungsmittelproduktion äusserst wichtig. Rund 80 Prozent aller Pflanzen werden von Wild- und Honigbienen bestäubt. Damit Kinder und Jugendliche wissen, wie nützlich Bienen für uns und unsere Natur sind, fördert Coop zusammen mit ihren Partnern Bio Suisse, Weleda, Biotta, Ramseier und A. Vogel zehn Bienen- und Imkerprojekte.

Tat Nr. 82

Weniger wird mehr sein

Patrick Hofstetter (52) Leiter Klima und Energie beim WWF Schweiz

Patrick Hofstetter (52) Leiter Klima und Energie beim WWF Schweiz
http://www.coopzeitung.ch/Unser+Klima+im+Wandel Patrick Hofstetter (52) Leiter Klima und Energie beim WWF Schweiz

Wird sich die Landwirtschaft dem Temperaturanstieg anpassen müssen?
Ja natürlich. Sie wird wahrscheinlich gewisse Kulturen bevorzugen und die am besten geeigneten Sorten wählen müssen. In der Schweiz wird es sicher schwieriger werden, Kartoffeln anzubauen, während Mais besser gedeihen dürfte. Auch den Reben wird es besser gehen, sofern sie genügend Wasser bekommen. Der Wassermangel vor allem im Sommer wird die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Verwendungen, insbesondere der Landwirtschaft, verstärken.

Welche Lösungen hat der WWF im Kampf gegen die Klimaerwärmung?
Wir plädieren seit jeher für Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Konkreter: Wir müssen bis 2038 von fossilen Energieträgern wegkommen. Entscheidend für den Erfolg sind die rechtlichen Rahmenbedingungen. Und natürlich braucht es auch die persönlichen Bemühungen jedes Einzelnen. Null-
energiehäuser müssen zur Norm werden. Die aktuellen Bauten müssen besser isoliert werden und Öl- und Gasheizungen müssen durch Wärmepumpen, Solarheizungen, Holzheizungen oder Fernwärme ersetzt werden. Der Freizeitverkehr muss reduziert werden und die Schweizerinnen und Schweizer müssen auf Autos umsteigen, die weniger Kraftstoff verbrauchen, denn unsere aktuelle Flotte hat den höchsten Energieverbrauch ganz Europas. Wir müssen auch weniger Fleisch essen und weniger fliegen.

Wie kann die Wirtschaft die Herausforderung meistern?
Gewisse Branchen werden von dieser Entwicklung profitieren – je nachdem, wie sie die Herausforderungen angehen: der Ökostrom-Sektor, die Sektoren im Bereich der Energieeffizienz, zum Beispiel die Baubranche, aber auch der Tourismus. Der Finanzsektor ist mit grossen Klimarisiken konfrontiert. Wird er beispielsweise die Geldflüsse im Kohlebereich Richtung erneuerbarer Energien lenken? Seine Haltung wird entscheidend sein.

Kein Skisport mehr in tiefen Lagen, kein unbegrenzter Zugang mehr zu Wasser: Der Klimawandel bedroht die Berggebiete. Der Tourismus von morgen sollte heute beginnen.

Auch der Tourismus wird von der Klimaerwärmung betroffen sein. In einem Land wie der Schweiz, in der die Natur der Hauptgrund ist, weshalb Gäste aus der ganzen Welt sie besuchen, werden die Veränderungen besonders stark zu spüren sein. Die Schneegrenze wird steigen, die hohen Temperaturen im Flachland werden zur Norm, Naturkatastrophen wie Bergstürze und Waldbrände werden zu einer Gefahr für Bahnen, Wanderwege, Hotels und Berghütten. Ausserdem werden die Wasservorräte abnehmen, erklärt Rafael Matos-Wasem (56), Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Tourismus der Fachhochschule Westschweiz in Siders: «Der Tourismus verbraucht grosse Mengen an Wasser. Zudem benötigen auch Schwimmbäder, Golfplätze und Gärten viel Wasser.»

Vor diesen Überlegungen drängt sich der Ökotourismus laut Matos-Wasem geradezu auf, der die Umwelt schützt und für die Bevölkerung eine nachhaltige Einnahmequelle ist. Das beste Beispiel dafür sei eine Wanderung in einem Schweizer Park, in den man ohne Auto reist und wo man bei den Einheimischen übernachtet. «Nach Neuseeland zu fliegen und mit dem Velo quer durchs Land zu fahren, wäre zwar Naturtourismus, aber keinesfalls Öko- oder nachhaltiger Tourismus», sagt Matos-Wasem.

  

So reduzieren Sie Ihren persönlichen CO2-Ausstoss

Im Durchschnitt verursacht jeder Schweizer, jede Schweizerin CO2-Emissionen von rund 13 Tonnen im Jahr. Das ist zu viel. Damit die Schweiz ihren Anteil am Ziel des Pariser Klimaabkommens einhalten kann, müssen wir jedes Jahr eine halbe Tonne weniger CO2 ausstossen. Ein grosser Teil dieser Emissionen lässt sich durch das persönliche Verhalten beeinflussen.

  • Die 20 Kilometer zwischen Wohnort und Arbeitsort mit dem Zug statt mit dem Auto zurücklegen verbraucht 1,7 Tonnen weniger CO2 pro Jahr.
  • Die Ölheizung durch eine Wärmepumpe ersetzen vermeidet vier Tonnen CO2 pro Jahr – pro Person also rund eine Tonne.
  • Pro Woche 300 Gramm Fleisch statt 1 Kilogramm (Durchschnittskonsum in der Schweiz): 0,34 Tonnen weniger CO2 pro Jahr.
  • Seine Ferien in der Schweiz oder im benachbarten Ausland verbringen. Wer eine Woche Ferien in Scuol statt in Hurghada verbringt, spart fast 2,5 Tonnen CO2. Wer mit dem Auto nach Sardinien fährt statt nach Hurghada zu fliegen, spart immerhin noch 1,5 Tonnen.
  • Auch wichtig: Sein Geld unter Berücksichtigung von Umweltaspekten nachhaltig investieren. Das ist allerdings etwas schwierig zu quantifizieren: Zum Vergleich: Betrachtet man spezifisch die Pensionskassen und deren ausländische Aktien, so sind Emissionen von rund 6,4 Tonnen pro versicherte Person damit verbunden.

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Text:
Sophie Dürrenmatt
Foto:
Buch «Glaciers – Passé-présent du Rhône au Mont-Blanc», Keystone, Geri Born; Illustration: Bruno Muff
Veröffentlicht:
Dienstag 02.01.2018, 09:44 Uhr

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