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«Normale» Maler werfen ihre Pinsel weg, wenn diese nur noch ein paar wenige Härchen haben. Valentin Roschacher schneidet sie weg, bis maximal vier davon übrig bleiben.


Valentin Roschacher: «Aha-Erlebnis vor der Jungfrau»

Persönlich.  Der ehemalige Bundesanwalt und heutige Kunstmaler Valentin Roschacher über das Buch über ihn, sein Monumentalwerk «Alpenpanorama», den Reiz der Bergmalerei und seine spezielle Einhaarpinsel-Technik.

Coopzeitung: Der Titel des Buches über Sie lautet schlicht «Roschacher». Das zeugt nicht eben von mangelndem Selbstbewusstsein?
Valentin Roschacher:  Nein, aber das wurde mir auch noch nie vorgeworfen.

Sind sie ein Narzisst?
Nein, ich habe ein gesundes Selbstbewusstsein. Und: Würde ich Huber oder Meier heissen, hätte ich nicht allein meinen Namen als Titel verwendet. Aber Roschachers gibt es genau zwei in der Schweiz: meinen Bruder und mich – und mein Bruder malt nicht.

Musste man Sie lange überreden, das Buch zu machen?
Ja. Ja, nein. Aber der Herausgeber kam immer wieder mit dem Vorschlag, jetzt mal ein Buch zu realisieren. Der Aufhänger war dann mein «Alpenpanorama» (klicken Sie hier für eine grosse Anzeige des Panoramas).

Dazu muss man wissen: Das «Alpenpanorama» misst 1,8 auf 4,5 Meter und zeigt Eiger, Mönch und Jungfrau. Ihr Monumentalwerk?
Klar, da stecken 6500 Arbeitsstunden mit meinen Ein-, Zwei-, Drei- und Vierhaarpinseln drin. Es ist das monumentalste Bild, das ich bis jetzt gemalt habe. Ich würde aber gerne noch eines malen, das sechsmal grösser ist.

Sie kommen mir vor wie ein Extremtriathleten: erst olympische Distanz, am Ende Zehnfach-Ironman.
Das «Alpenpanorama» war ein Experiment. Mich reizten zwei Dinge: Erstens die lapidare Frage, ob ich es schaffe, mich über so lange Zeit mit meinen Minipinseln an immer das gleich Bild zu setzen. Zweitens, schaffe ich es, eine Bergdarstellung mit meiner Maltechnik so zu gestalten, dass es am Ende ein stimmiges Bild ergibt. Eine Tagesstimmung in einem kleinen Bild aufzufangen ist, wenn man malen kann, nicht sehr schwierig. Wenn man aber zwei Jahre lang so langsam am selben Bild malt, ist es viel, viel anspruchsvoller die gleiche Stimmung durchzuziehen.

Ihre Malerei hat auch etwas Verbissenes.
Finden Sie?

Ja, Sie kokettieren mit Ihren kleinen Pinseln und welch grosse Leistung es ist, damit ein Bild zu malen.
Sie müssen wissen: Mit dem kleinen Pinsel komme ich elend langsam vorwärts, das Resultat sind elend wenig Bilder, und es ist verbunden mit elend viel Kopfschmerzen, weil es die Augen elend in Anspruch nimmt. Und wenn Sie jetzt sagen, ich kokettiere damit – nein, mir gefällt das Resultat, das ich mit diesem einzelnen Härchen erziele. Aber wenn ich das gleiche Resultat mit einem dickeren Pinsel schneller erzielen könnte – glauben Sie mir, ich würde es machen.

«

Mit dem kleinen Pinsel komme ich elend langsam vorwärts.»

Sie beschränken sich zurzeit auf ein traditionelles, bodenständiges Objekt: Berge.
Ich habe immer gemalt: 35 Jahre lang alles, nur keine Berge, keine Landschaften. In jungen Jahren hat mich der Mensch interessiert, nicht die Landschaft. Das änderte erst 2000, als meine Frau mich in die Berge schleppte, ins Chalet ihres Vaters. Da sass ich dann etwas widerwillig in Gimmelwald im Nebel, und plötzlich teilten sich die Wolken, die Sonne kam und ich sass urplötzlich vor der Jungfrau. Da hatte ich ein richtiges Aha-Erlebnis. Traumhaft, diese Berge, diese Wucht, diese Gewalt, diese Kraft. Und da war für mich klar: Ich musste zurückkommen in die Berge, aber das nächste Mal mit der Staffelei und dem Malkasten – und seither lassen sie mir keine Ruhe mehr.

Ist das auch ein Zeichen von Heimatverbundenheit.
Man darf das nicht patriotisieren. Ich bin ein Schweizer, der in der Schweiz lebt und sich hier mit Landschaftsmalerei befasst. Und wir haben nun mal Berge in der Schweiz. Würde ich in Saudi-Arabien wohnen, würde ich wohl Palmen, Meer und Wüste malen.

Im Rückblick ist das schicksalhafte Jahr 2006, als sie nicht ganz freiwillig als Bundesanwalt zurücktraten, quasi ein Glücksfall.
Ja, das ist genau so. Aber ich wollte schon immer wissen, ob der professionelle Maler Roschacher funktioniert. Früher oder später hätte ich den Schritt so oder so gewagt.

Und, funktioniert er?
Ich denke schon. Ich bin selber überrascht, wie gut er funktioniert und wie schnell er sich entwickelt. Wenn man meine Bilder heute anschaut, hat es schon eine recht massive Entwicklung gegeben. Ich weiss aber nicht, in welche Richtung es weitergehen wird.

Ob Sie als professioneller Künstler funktionieren, hat zwei Seiten: Das eine ist Ihre Schaffenskraft und Ihr Können, das andere, ob Sie als Künstler wahrgenommen werden, denn Sie wollen auch davon leben.
Ja, das hat auch funktioniert. Ich wusste: Ich mach das jetzt mit allem Eifer und mit allem Ernst. Ich hatte so viel Ersparnisse auf der Seite, dass ich das auf jeden Fall eine gewisse Zeit lang machen konnte. Doch irgendwann musste ich dann verkaufen – und das habe ich auch gemacht.

Was, wenn es nicht funktioniert hätte?
Dann hätte ich mir überlegen müssen, ob ich einen Nebenjob annehmen sollte: Irgendwo an einem Kiosk halbtags Ragusa verkaufen und Lottoscheine entgegennehmen, und den Rest des Tages malen. Diese Konsequenzen wäre ich voll eingegangen. Ich hätte nicht irgendwie halbtags als Anwalt gearbeitet.

Da hätten Sie viele Ragusas verkaufen müssen, um sich Ihr Atelier leisten zu können.
Ja, dann hätte ich jetzt halt ein anderes Atelier. Aber meine Frau hätte mich auch unterstützt, sie arbeitet ja auch.

Sind Sie als Maler zufriedener als als Anwalt, als Bundesanwalt?
Ja – obwohl ich jetzt noch mehr arbeite.

Wenn das Ihre Kritiker lesen, werden sie sagen: Der hätte besser vorher mehr gearbeitet.
Klar, kommt dieser Spruch. Aber ich arbeite jetzt 70 bis 80 Stunden pro Woche – und dies mit sehr grosser Lust. Meine Lebensqualität ist bedeutend höher: Es redet mir niemand mehr drein. Wenn ich ein schlechtes Bild male, muss ich die Verantwortung zu hundert Prozent alleine tragen – und umgekehrt. Ich bin nicht mehr für alles verantwortlich, auf das ich kaum Einfluss habe, nur weil ich der Chef bin.

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Ich arbeite jetzt 70 bis 80 Stunden pro Woche – und dies mit sehr grosser Lust. »

Sie beschränken sich zurzeit auf ein traditionelles, bodenständiges Objekt: Berge.
Ich habe immer gemalt: 35 Jahre lang alles, nur keine Berge, keine Landschaften. In jungen Jahren hat mich der Mensch interessiert, nicht die Landschaft. Das änderte erst 2000, als meine Frau mich in die Berge schleppte, ins Chalet ihres Vaters. Da sass ich dann etwas widerwillig in Gimmelwald im Nebel, und plötzlich teilten sich die Wolken, die Sonne kam und ich sass urplötzlich vor der Jungfrau. Da hatte ich ein richtiges Aha-Erlebnis. Traumhaft, diese Berge, diese Wucht, diese Gewalt, diese Kraft. Und da war für mich klar: Ich musste zurückkommen in die Berge, aber das nächste Mal mit der Staffelei und dem Malkasten – und seither lassen sie mir keine Ruhe mehr.

Ist das auch ein Zeichen von Heimatverbundenheit.
Man darf das nicht patriotisieren. Ich bin ein Schweizer, der in der Schweiz lebt und sich hier mit Landschaftsmalerei befasst. Und wir haben nun mal Berge in der Schweiz. Würde ich in Saudi-Arabien wohnen, würde ich wohl Palmen, Meer und Wüste malen.

Im Rückblick ist das schicksalhafte Jahr 2006, als sie nicht ganz freiwillig als Bundesanwalt zurücktraten, quasi ein Glücksfall.
Ja, das ist genau so. Aber ich wollte schon immer wissen, ob der professionelle Maler Roschacher funktioniert. Früher oder später hätte ich den Schritt so oder so gewagt.

Und, funktioniert er?
Ich denke schon. Ich bin selber überrascht, wie gut er funktioniert und wie schnell er sich entwickelt. Wenn man meine Bilder heute anschaut, hat es schon eine recht massive Entwicklung gegeben. Ich weiss aber nicht, in welche Richtung es weitergehen wird.

Ob Sie als professioneller Künstler funktionieren, hat zwei Seiten: Das eine ist Ihre Schaffenskraft und Ihr Können, das andere, ob Sie als Künstler wahrgenommen werden, denn Sie wollen auch davon leben.
Ja, das hat auch funktioniert. Ich wusste: Ich mach das jetzt mit allem Eifer und mit allem Ernst. Ich hatte so viel Ersparnisse auf der Seite, dass ich das auf jeden Fall eine gewisse Zeit lang machen konnte. Doch irgendwann musste ich dann verkaufen – und das habe ich auch gemacht.

Was, wenn es nicht funktioniert hätte?
Dann hätte ich mir überlegen müssen, ob ich einen Nebenjob annehmen sollte: Irgendwo an einem Kiosk halbtags Ragusa verkaufen und Lottoscheine entgegennehmen, und den Rest des Tages malen. Diese Konsequenzen wäre ich voll eingegangen. Ich hätte nicht irgendwie halbtags als Anwalt gearbeitet.

Da hätten Sie viele Ragusas verkaufen müssen, um sich Ihr Atelier leisten zu können.
Ja, dann hätte ich jetzt halt ein anderes Atelier. Aber meine Frau hätte mich auch unterstützt, sie arbeitet ja auch.

Sind Sie als Maler zufriedener als als Anwalt, als Bundesanwalt?
Ja – obwohl ich jetzt noch mehr arbeite.

Wenn das Ihre Kritiker lesen, werden sie sagen: Der hätte besser vorher mehr gearbeitet.
Klar, kommt dieser Spruch. Aber ich arbeite jetzt 70 bis 80 Stunden pro Woche – und dies mit sehr grosser Lust. Meine Lebensqualität ist bedeutend höher: Es redet mir niemand mehr drein. Wenn ich ein schlechtes Bild male, muss ich die Verantwortung zu hundert Prozent alleine tragen – und umgekehrt. Ich bin nicht mehr für alles verantwortlich, auf das ich kaum Einfluss habe, nur weil ich der Chef bin.

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Auch grossen Meistern sind Experimente misslungen.»

Haben Sie etwas gegen Experimente in der Kunst?
Überhaupt nicht. Aber man muss nicht jedes Experiment als geglückt ausgeben und sagen, das sei tolle Kunst. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es Regeln dafür, was gute Malerei ist: die Farben, die Perspektiven, die Formen. Doch mit den Impressionisten fing es an, dass alle diese Gesetze niedergerissen wurden. Zwischen 1850 und 1900 wurden alle Gesetze der Malerei gebrochen, die zuvor Jahrhunderte lang in Stein gemeisselt gewesen waren. Zurecht, das hat auch Spass gemacht. Jetzt leben wir in einer Zeit der grenzenlosen Freiheit, doch viele Künstler können mit dieser Freiheit meines Erachtens nicht umgehen. Immer auf der Suche nach etwas grundlegend Neuem. Es gibt nichts Neues unter der Sonne – es war alles schon mal da.

Auf Ihrer Internet-Seite schreiben Sie, in der Malerei sei die Suche nach der Wahrheit nicht einfacher als in der Strafverfolgung. Was ist Wahrheit in Bezug auf die Malerei: Die möglichst realitätsnahe Abbildung der Natur?
Nein, das meine ich damit ganz entschieden nicht. Die Natur ist etwas so wunderschönes – aber für den Menschen und das menschliche Auge nicht auf einen Blick erfassbar. Als Maler habe ich die Aufgabe – und das ist meine persönliche Intention –, die Natur in einem schöpferischen Akt für den Betrachter mit einem Blick fassbar zu machen. Und zwar den Charakter, dieses Ewig-Wahre, das Ewig-Schöne, nach Platon die Schönheit als Glanz der Wahrheit.

Jetzt werden Sie aber pathetisch.
Nein! – Aber ich habe eine klassische Auffassung, wenn es um Schönheit oder das Ziel der Kunst geht, und die lasse ich mir nicht nehmen.

Warum malen Sie überhaupt?
Hm – vielleicht, weil ich immer gemalt habe …? Mein Vater wollte Maler werde, aber es wurde ihm von seinen Eltern verboten. Das sei brotlose Kunst, sagten sie, und er wurde Jurist. Mir wäre es freigestanden, Maler zu werden, aber ich hatte als junger Mensch schlichtweg den Mut dazu nicht. Da kamen mir halt auch zwanzig Jahre Juristerei dazwischen.

Eine Person, die Ihnen ziemlich nahe steht, sagte mir: Valentins Ziel ist es, dass die Leute in der Bahnhofstrasse ihn als einen der drei wichtigsten Schweizer Maler der Gegenwart nennen. Habe ich das mal gesagt?

Es wurde so kolportiert.
Ja, ja. Es wurde auch schon kolportiert, mein Ziel sei es, der beste Bergmaler des 21. Jahrhunderts zu werden. Das habe ich nie zu einem Journalisten gesagt – aber falsch ist es nicht, ich setze mir hohe Ziele. Ich habe auch das Ziel, einmal das vollkommene Bild zu malen, das absolut perfekte Bild. Vermutlich werde ich es ebenso wenig schaffen wie sehr wahrscheinlich alle Maler vor mir. Aber als Ziel ... Ich hatte immer hohe Ziele und kommunizierte dies auch meinen Mitarbeitern gegenüber. Ich sagte immer: Die Note 4-5 reicht nicht, das ist nicht genügend. Ist es aber doch. Ich weiss, ich kenne das Schulsystem, aber für mich ist 4-5 nicht genügend. Wenn ich etwas mache, dann mit hundert Prozent, sonst lasse ich es lieber bleiben.

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie dieses perfekte Bild aussehen soll?
In meinem Kopf habe ich das perfekte Bild, aber an der Leinwand verzweifle ich manchmal schier, weil mir zum Beispiel der vorgestellte Farbeffekt nicht gelingt, weil sich das nicht so strahlend, so leuchtend umsetzen lässt, wie ich mir das vorstelle. Dann verzweifle ich am Unterschied zwischen den Lichtfarben und den chemischen Farben, die mir zur Verfügung stehen. Ich schaffs einfach nicht – noch nicht, denn das perfekte Bild bleibt mein Ziel.

Valentin Roschacher

Geburtsdatum: 23. März 1960
Wohnort/Atelier: Wollerau SZ
Zivilstand: «vergeben, in wildem Konkubinat lebend»
Berufliche Karriere: Gymnasium an der Stiftsschule Einsiedeln; Studium der Rechte mit Abschluss als Dr. jur., Rechtsanwalt; Bundesanwalt 2000 bis 2006. Danach vollberuflich Kunstmaler.
Aktuell: Das Buch «Roschacher – Die Schweizer Alpen, Ölbilder 2000–2013». Roschachers Monumentalwerk «Alpenpanorama» – Öl auf Leinwand, 180 × 450 Zentimeter – ist (auf Anfrage) zu sehen im Kunsthaus Kaltenherberg in Roggwil BE.

Zur persönlichen Webseite von Valentin Roschacher

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 01.07.2013, 00:00 Uhr

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