Die Nordostschweizer Kulturroute: ideal für eine Velotour mit der ganzen Familie und als erste längere Ausfahrt im Frühling, wenn die Obstbäume blühen.

Velotour im Thurgau: Blütenfahrt

Wenn im Thurgau die Obstbäume blühen, blüht auch der Velotourismus. Dann herrscht auf den vielen Velowegen des Ostschweizer Kantons dichter Verkehr. Auch auf der Kulturroute.

http://www.coopzeitung.ch/Velotour+im+Thurgau_+Bluetenfahrt Velotour im Thurgau: Blütenfahrt

Sie nennt sich Nordostschweizer Kulturroute und führt in drei Tagesetappen durch die Kantone Thurgau, Schaffhausen und Zürich. Auf rund 120 Kilometern zwischen der Kartause Ittingen TG, Stein am Rhein SH, Schaffhausen und Winterthur ZH begegnet man dabei einem runden Dutzend kulturhistorischer Zeitzeugen – Burgen, Schlösser und Klöster.

Aber da ist noch mehr Kultur: Wer im Frühling seine Waden in der Ostschweiz stählt, der kann sich auch an der Obstkultur erfreuen. Die steht jetzt nämlich in voller Blüte. Schon Mitte April blühten Aprikosen-, Zwetschgen- und Kirschbäume, jetzt sind auch Birnen und Apfelbäume hinzugekommen. Obstbauexperten sprechen von einer Jahrhundertblüte dieses Jahr, weil die Dichte und Menge der Blüten aussergewöhnlich hoch seien.

Als Tagestour eignet sich jede der drei Teiletappen der Kulturroute, zum Beispiel die Strecke von Frauenfeld via Stein am Rhein nach Schaffhausen. Sie weist nur an einzelnen Stellen Steigungen auf. Vom Bahnhof Frauenfeld TG folgt man ganz einfach den Schildern Nr. 33 bis Stein am Rhein. Die Radwege sind immer sehr gut gekennzeichnet und führen über verkehrsarme Strassen und Feldwege – wobei sich das «verkehrsarm» auf Autos bezieht, nicht auf Velos, denn davon sind gerade an schönen Wochenenden viele unterwegs. Die Strecke führt an der Kartause Ittingen vorbei und passiert kurz danach die Drei-Seen-Landschaft mit dem Hüttwiler-, dem Nussbaumer- und dem Hasensee. Weiter geht es durch Oberstammheim und Unterstammheim ZH mit ihren markanten Riegelhäusern, bis man schliesslich nach Stein am Rhein gelangt.

Amalia Ida Graf weiss Bescheid

Ihr passt es nicht in den Kram: Béatrice Leuthold alias Krämerfrau Amalia Ida Graf auf ihrer szenischen Stadtführung.

Ihr passt es nicht in den Kram: Béatrice Leuthold alias Krämerfrau Amalia Ida Graf auf ihrer szenischen Stadtführung.
http://www.coopzeitung.ch/Velotour+im+Thurgau_+Bluetenfahrt Ihr passt es nicht in den Kram: Béatrice Leuthold alias Krämerfrau Amalia Ida Graf auf ihrer szenischen Stadtführung.

Das Städtchen am Ausfluss des Bodensees hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine wirtschaftlich schwere Zeit durchgemacht, erzählt Béatrice Leut- hold (66) alias Krämerfrau Amalia Ida Graf. In der Rolle der Amalia führt Leuthold Gäste durch Stein am Rhein und erzählt ganz viel aus dem Nähkästchen. In so einem Nähkästchen konnten die Damen früher Briefe und Andenken von Verehrern vor ihrem Mann verbergen, da sich kein Mann mit Nähkästchen abgab. «Es passt nicht in den Kram» ist der Titel ihrer szenischen Stadtführung. Dazwischen versucht sie, ihr Garn, ihre Kinder-Schlüttli, Häkeldeckeli und was sie sonst noch in ihrer Holztrucke auf dem Rücken mitführt, zu verkaufen. Von irgendwas muss sie ja leben. Als clevere Hausiererin führt sie ihr Weg zuerst ins Waschhaus, wo sie die Frauen des Orts trifft und so nebenbei erfährt, in welchem Haus ein Kind zur Welt gekommen ist, das Unterwäsche braucht.

Auf ihrem Weg durch die Obergasse, in die sich keine Massen von Gästen mehr verirren, berichtet sie von den alten, guten Zeiten von Stein am Rhein, als die unberechenbaren Felsen im Rhein dem Transportgewerbe viel Arbeit bescherten. «Die Schiffer mussten das Transportgut auf kleinere Boote umladen, mit denen sie leichter um die Felsen im Fluss manövrieren konnten», erzählt Amalia Ida Graf. Es entstand eine Umladestation, Stein am Rhein wurde rasch zum blühenden Handelsplatz. Der Verkehrsknotenpunkt verlor jedoch an Bedeutung, als im 16. Jahrhundert die Felsbrocken im Rhein weggesprengt wurden und der Rhein damit auch für die grösseren Lastkähne schiffbar wurde. Um 1800 verlagerte sich der Warentransport immer mehr auf die Strasse und auf die Eisenbahn. Stein am Rhein machte wirtschaftlich schwere Zeiten durch. Das passt Amalia gar nicht in den Kram, denn arme Steiner haben auch kein Geld, um Faden und Schlüttli zu kaufen. Ebenfalls nicht in den Kram passt ihr – und nun wechselt sie ins 21. Jahrhundert –, dass man in Stein am Rhein seit über zehn Jahren vergeblich versucht, einen kundenfreundlichen, in der Höhe anpassbaren Steg zu bekommen.


Prächtig: die Fassade der Weinstube zum Rothen Ochsen in Stein am Rhein.

Bevor Amalia Ida Graf nach Diessenhofen und Schaffhausen weiterzieht, geht sie noch im Gebäude mit dem Namen Lindwurm hausieren. Für die Krämerfrau wartet dort Kundschaft und, wenn sie Glück hat, eine billige Übernachtungsmöglichkeit. Die Gäste, die sie im Ort herumführt, können dabei einen Blick in ein bürgerliches Haus um die Mitte des 19. Jahrhunderts werfen.

Die Kulturroute der Velofahrer folgt ab Stein am Rhein der Nationalen Rheinroute (Nr. 2) auf der rechten Flussseite. Diese durchquert eine der schönsten Flusslandschaften Europas. Über deutsches Gebiet geht es durch die Rhein-Auenwälder und vorbei an Weinbergen. Die Wege sind auch hier gut signalisiert und überwiegend asphaltiert. In Büsingen riecht es am Rheinufer schon am Nachmittag verlockend nach Grill. Nach gut 40 Kilometern endet die Etappe in Schaffhausen, wo die Velofahrer dem Munot begegnen, Festung und Wahrzeichen der Stadt und ein weiterer kulturhistorischer Zeitzeuge.

  

Nordostschweizer Kulturroute

Route: Frauenfeld–Stein am Rhein–Schaffhausen–Bülach–Winterthur–Frauenfeld.

Distanz: 120 km, gemütlich in drei Etappen

Sehenswürdigkeiten: Kloster Ittingen, Munot, Schloss Laufen, Klosterkirche Rheinau, Kyburg, Schloss Frauenfeld, szenische Stadtführungen in Stein am Rhein.

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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Christof Sonderegger, Thomas Compagno, Robert Bösch; Karte: Rich Weber
Veröffentlicht:
Montag 30.04.2018, 04:00 Uhr

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