Verzapft!

Sie: Er reisst den Stutzen raus, blickt blass und sagt: «Das ist Benzin.» In meinem Kopf rattert es: Benzin statt Diesel - also keinesfalls den Motor starten; hinter uns eine Schlange Autos - also schieben; Theater beginnt in 90 Minuten - also Tempo.

 

 
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Während ich mich frage, wieso ums Himmels willen jemand nach zehn Jahren Diesel auf einmal Benzin tankt, rufe ich auf dem Handy meinen Schwager an. Vielleicht ist er mit seinem Auto grad in der Nähe? Während es klingelt, erteile ich Schneider Anweisungen, der zur Tanksäule erstarrt da steht und nur guckt. «Um die Ecke ist eine Garage. Geh’ doch mal hin!»

«

Wir sprinten los. Es reicht auf die Minute.»

Das Projekt «Theater vs. Treibstoff» läuft: Mechaniker schleppen flott unseren Bus ab. Schneiders Bruder leiht uns sein Auto. Mit 40 Minuten Verspätung fahren wir nach Zürich. Im Auto sind wir beide still. Ein bisschen zu still. Hätte ich nicht so rasant das Problem gelöst, ständen wir immer noch an der Tanke. Endlich sagt Schneider: «Danke, du bist eine gute Krisenmanagerin.» Der Abend ist gerettet! Dann sprinten wir vom Park- ins Schauspielhaus. Es reicht auf die Minute. Und als die Leute nach dem ersten Akt lange und warm klatschen, nehme ich das irgendwie persönlich.

Er: Im Eiltempo rase ich nach Hause, dusche, rasiere mich, schlüpfe in schwarze Schuhe und in die edle Anzugsjacke. Jetzt sitze ich startklar im Auto und warte auf Schreiber. Sie sass schon mal neben mir, doch dann beschloss sie, den Jupe erneut zu wechseln. Ich drehe die Musik voll auf, trommle aufs Lenkrad und nach einer gefühlten halben Stunde tritt sie wieder aus dem Haus. «Gell, ist viel besser so?»

«

Das ist sehr beunruhigend, was da grad passiert.»

«Viel besser.» Hauptsache, wir können endlich los und gleich zur nächsten Tankstelle, denn bis ins Schauspielhaus Zürich reicht der Treibstoff nicht. Schreiber plaudert unentwegt, ich halte an der Tanke, steige aus und sie fragt: «Sollen wir zum Apéro in die Kronenhallenbar oder ins Schiller? Hach, ich freu mich so!» Ich folge höflich ihrem Monolog, sage zwischendurch «ja» und beobachte die Ziffern an der Tanksäule.

Das hat etwas sehr Beruhigendes. Als Schreiber endlich Luft holt und nur noch das Brummen der Tankanlage zu hören ist, blicke ich auf meine Hand, schlucke, erwache schlagartig aus der Lethargie und mir wird klar, dass grad definitiv etwas sehr Beunruhigendes geschieht: In unserem Auto steckt nämlich der grüne Benzinstutzen. Dabei fahren wir doch einen Diesel!

 (Coopzeitung Nr. 24/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 08.06.2015, 00:00 Uhr

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