Johannes Ullrich kennt die Beweggründe des Schenkens. Und macht trotzdem gerne Geschenke.

Vielen Dank: Eine schöne Bescherung

Geschenke zu erhalten macht glücklich. Oder auch nicht. Denn für Fachleute ist klar: Hinter dem Schenken steht mehr als nur ein selbstloses Geben und Nehmen. Es wird immer mit Erwartungen verbunden.

In unserer wirtschaftlich dominierten Zeit steht das Schenken ein wenig schräg in der Landschaft. Denn einmal ehrlich, wer eine Leistung erbringt, erwartet in aller Regel eine Gegenleistung. Das war schon in den Zeiten des Tauschhandels so. Und dann soll ausgerechnet das schöne Weihnachtsgeschenk, dass wir erhalten haben, aus einem reinen Akt der Selbstlosigkeit des Schenkers entstanden sein? Natürlich wird jeder, der jemanden beschenkt, von sich behaupten, keine Absichten damit zu verbinden. Alles andere wäre unschicklich. Doch ganz so einfach verhält es sich nicht. Wäre das Schenken nämlich so selbstlos, würden in der Vorweihnachtszeit im Detailhandel die Kassen kaum derart klingen, dass viele Läden einen Grossteil ihres Jahresumsatzes den Wochen vor Weihnachten zu verdanken haben. Umso mehr, als dass das Besorgen der Geschenke für viele eine ziemlich nervenaufreibende Angelegenheit ist. Warum also tun wir uns das Schenken überhaupt an? Nur um die Wirtschaft am Laufen zu halten? Für Johannes Ullrich (37), Professor für Sozialpsychologie an der Universität Zürich, ist der Fall klar: «Wir schenken, weil wir von den anderen Geschenke erwarten», sagt er und erklärt das mit gelernten Erwartungen der Gegenseitigkeit. Dabei erfüllt das Schenken eine sozial wichtige Funktion. Denn wenn wir jemanden beschenken, zeigt das immer auch, wie wir über die Person denken, die wir mit unseren Gaben beglücken. Mit einem Geschenk zeigen wir im Mindesten, dass wir an den Beschenkten gedacht haben. Oder wir bringen mit einem besonders grosszügigen Geschenk unsere ganz spezielle Wertschätzung zum Ausdruck.

Johannes Ullrich: Schenken ist gut, man muss aber auch mal eine Pause machen.

Johannes Ullrich: Schenken ist gut, man muss aber auch mal eine Pause machen.
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Der Beschenkte sieht sich im Geschenk gespiegelt.»

Johannes Ullrich (37), Professor für Sozialpsychologie

Geschenk als Win-win-Situation

Ganz selbstlos ist Schenken aber nie. «Im idealen Fall freuen wir uns darüber, dass der Beschenkte sich über unser Geschenk freut», erklärt Johannes Ullrich. «Dann haben wir auch etwas davon und das ist ja quasi eine Win-win-Situation.» Schwieriger wird es erst, wenn durch Geschenke beim Empfänger Druck aufgebaut wird. Sprich, verschenkt ein Mann seiner Partnerin Reizwäsche, liegt die Vermutung nahe, dass er auch gewisse Erwartungen damit verbindet. Kann oder will die Frau diese nicht erfüllen, wirds schwierig. Und zwar für beide Seiten. Ähnlich verhält es sich auch mit Geschenken, die derart grosszügig bemessen sind, dass der Empfänger sie kaum zurückvergelten kann. Was übrigens durchaus auch ein Mittel zur Macht sein kann. Und zwar durch alle Zeiten hindurch und über alle Kulturen hinweg, wie Marc-Olivier Gonseth, Direktor des Ethnografischen Museums in Neuenburg, weiss. Er nennt den Brauch des «Potlatch», einem Fest der amerikanischen Indianer der nordwestlichen Pazifikküste. Dabei werden Rivalen Geschenke offeriert, deren Wert derart hoch bemessen ist, dass diese unmöglich erwidert werden können. Der Beschenkte verliert dabei sein Gesicht und auch einen Grossteil seiner symbolischen Macht.

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Schenken, weil wir Geschenke erwarten.»

Johannes Ullrich, Professor für Sozialpsychologie

Erwartungen sind immer dabei

Aber abgesehen von Machtdemonstrationen beim Schenken gibt es auch die kleinen, subtilen Muster, die zwischen dem Schenkenden und dem Beschenkten spielen. Wenn wir schenken, erwarten wir zumindest eine Zufriedenheitsreaktion. Und die bemisst sich natürlich auch an den entsprechenden Erwartungen des Beschenkten, wie Ullrich erklärt: «Der Beschenkte sieht sich im Geschenk gespiegelt. Etwa ‹aha, das denkt der andere also über mich›. Wenn seine Erwartungen erfüllt oder gar übertroffen werden, ist die Situation perfekt.» So oder so: Schenken erfüllt immer wichtige Beziehungsfunktionen, die weit über das Geben und Nehmen von Geschenken hinausgehen. Interessanterweise ist die Frage, ob Frauen, denen eine höhere Sozialkompetenz als Männern nachgesagt wird, beim Schenken im Vorteil sind, nicht schlüssig zu beantworten. Gemäss Ullrich ist dieser Aspekt allerdings noch nicht ausreichend untersucht worden. Eine allfällige Kompetenz im Schenken könnte aber möglicherweise durch ein tendenziell höheres Anspruchsverhalten wieder neutralisiert werden. Sprich, womöglich macht sich eine Frau mehr Gedanken darüber, warum sie nun was geschenkt bekommen hat. Was wiederum Konfliktstoff ins sich birgt. Kein Wunder, wird gerade in der besinnlichen Zeit manchmal gestritten, bis der Christbaum sich biegt. Ausgerechnet!

Quelle: Repräsentative Meinungsumfrage LINK 2013/506 Interviews

Uni Zürich: Studie rund ums Thema Schenken

Die Universität Zürich führt eine Online-Befragung durch, um die Zusammenhänge zwischen Schenken, Vorfreude und Grosszügigkeit zu untersuchen. Professor Johannes Ullrich und sein Team freuen sich, wenn Sie an der Befragung unter dem unten stehenden Link mitmachen. Die Teilnahme dauert maximal fünf Minuten. Die erhobenen Daten werden ausschliesslich für wissenschaftliche Analysen verwendet.

Zur Online-Befragung

Die verrücktesten Geschenke

Brad & Angelina

Angelina Jolie schenkte ihrem Göttergatten Brad Pitt im letzten Jahr die elf Hektar grosse, herzförmige Insel Petra Island im atlantischen Ozean in der Nähe von New York. Anlass war der 50. Geburtstag des Frauenschwarms. Das i-Tüpfelchen: die zwei Häuser auf der Insel wurden von Pitts Lieblingsarchitekten Frank Lloyd Wright entworfen.

100 Kilo Bargeld für die Braut

Eine chinesische Braut und ihre Familie bekamen vom Bräutigam sage und schreibe 8.888.888 Yuan (ca. 1,1 Millionen Euro) geschenkt. Die 8 ist die traditionelle Glückszahl in China und hat dieselbe Aussprache wie die chinesische Übersetzung für «ein Vermögen machen». Der Bräutigam und 17 Freunde überreichten die Scheine in 17 randvoll gefüllten Körben mit rotem Innenfutter – der klassischen Hochzeitsfarbe in China.

Ein sagenumwobenes Ei

Das Azova-Ei aus dem Jahre 1891 ist eines der 57 kaiserlichen Fabergé-Eier und war ein Ostergeschenk des vorletzten Zaren Russlands, Alexander III., an seine Gemahlin, Zarin Maria Fjodorowna. Im Inneren verbirgt das Ei eine Miniaturnachbildung des Kreuzers Pamjat Asowa der Kaiserlich-Russischen Marine. Das kostbare Ei, dessen Schiff auf einem goldfarbenen Aquamarin-Meer schwimmt, hat Russland niemals verlassen. Heute fehlen acht der zwischen 1885 und 1917 gefertigten Fabergé-Eier – ob die verschollenen Kunstwerke wohl jemals wieder auftauchen?

Der Taj Mahal

Kaiser Mughal Shah Jahan liess den Taj Mahal 1632 im nordindischen Agra in Gedenken an seine Lieblingsfrau Arjumand Banu Begum errichten, die bei der Geburt ihres 14. Kindes starb. Das Mausoleum zählt zu den schönsten Bauwerken Indiens, ist seit 1983 Unesco-Weltkulturerbe und seit 2007 eines der sieben Weltwunder.

Ein Geschenk der besonderen Art

Am 4. Dezember durfte sich der Papst über ein vorweihnachtliches Geschenk der besonderen Art freuen: Eine Firma aus der Lombardei, die Eselsmilch produziert, schenkte dem Geistlichen Eselsmilch und zwei kleine Esel: Thea und Noé. Die Initiative fällt mit dem Beginn von klinischen Studien am Turiner Krankenhaus «Regina Margherita» zusammen, die untersuchen, inwiefern Eselsmilch zur Frühgeborenenversorgung geeignet ist. Wissenschaftler interessieren sich heute mehr denn je für die Milch von Eselstuten, da sie in ihrer Zusammensetzung Muttermilch sehr ähnlich ist.

Ich schenk' dir den Mond

2008 – mitten in der Finanzkrise – schenkte Roman Abramowitsch seiner damaligen Verlobten Daria Dasha, die er zum Jahresende vor den Traualtar führen wollte, ein Grundstück auf dem Mond. Wie oft versprechen sich Verliebte von ihren Gefühlen beseelt ein Stück vom Mond – Abramowitsch hat sein Versprechen wahr gemacht und seiner Herzdame ein rund 40 Hektar grosses Mond-Grundstück auf der sichtbaren Mondseite zwischen dem 20. und 24. südlichen Breitengrad und dem 30. und 34. westlichen Längengrad gekauft. Berichten zufolge soll er den Mondstaub vom internationalen Unternehmen «The lunar embassy» erstanden haben. Nehmen Sie die Versprechen Ihres Liebsten beim nächsten Mal also ruhig beim Wort.

Welcher Geschenk-Typ sind Sie?

Machen Sie unseren Selbsttest und finden Sie heraus, welcher Geschenktyp Sie sind. Beantworten Sie die Fragen und tragen Sie bei der Beantwortung der Fragen den für Sie zutreffenden Buchstaben am Schluss des Testes ein. Gleichen Sie Ihr am häufigsten gewähltes Ergebnis mit unseren verschiedenen Geschenktypen ab.

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Stefan Fehlmann

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 22.12.2014, 08:01 Uhr

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