Völlig verbummelt

Sie vergisst sich, er vergisst es. 

Steven Schneider: Früher musste ich Schreiber schubsen, damit sie mal ihr Nest verlässt. Diesmal lief alles viel lockerer, sie scheint dazugelernt zu haben. Vor der Abreise mit ihrer Freundin legte sie mir noch einen Zettel hin, mit wichtigen Eckdaten. Die Gute denkt aber auch an alles, ich lese: «Mittagstisch – 10 Franken mitgeben. Chorprobe. Viecher füttern. Brombeerblätter für die Stabschrecken. Zahnarzt. Grüntonne rausstellen. PS: Ich liebe Euch und geniesst es!» Das haben wir getan. Wir schauten bis spät in die Nacht Harry Potter, spielten Ligretto, ich habe Pizza bestellt, die Kinder machten ihre Hausaufgaben auf dem Boden und wir waren richtig locker drauf. Schreiber hat nur ein paar Mal angerufen und nicht wie früher im Stundentakt. Ich bekam nur zwei SMS statt pausenlos, und zwischendurch haben wir uns wohl gegenseitig fast ein bisschen vergessen.

«

Die Kinder und ich waren richtig locker drauf.»

Apropos: Bevor sie heute Abend heimkehrt, blicke ich nochmal kurz auf ihren Zettel. Mist! Ist mir doch was durch die Lappen: der Zahnarzttermin von Alma. Nun, dann werde ich rasch einen grossen Entschuldigungs-Strauss besorgen – schliesslich bin ich kein An-alles-denkender-Supermann. Den kann Schreiber echt vergessen.

Sybil Schreiber: Einem runden Geburtstag sei Dank war ich mit einer Freundin in einem schönen Hotel in Como. Wir sind durch die Gassen gebummelt, haben gut gegessen. Hat gutgetan, ein paar Tage ohne Familie zu verbringen. Auch die anderen scheinen es genossen zu haben, denn bei jedem Anruf riefen mir die Kinder durch die Leitung zu, dass es viel lockerer sei, wenn ich nicht daheim wäre. Schön für sie – aber auch für mich. Denn ich kann mich unterdessen wirklich drauf verlassen, dass Schneider den Laden im Griff hat. Nun komme ich zurück nach Hause, spaziere unsere ruhige Strasse hinunter, von Weitem sehe ich schon unsere beiden Töchter. Sie winken, rennen auf mich zu und werfen mich fast um. Dann rauscht Schneider um die Ecke mit einem kunterbunten Blumenstrauss in der Hand.

«

Hat gutgetan, ein paar Tage ohne die Familie.»

Wir umarmen uns und ich bin echt gerührt. Als wir uns alle beruhigt haben, merke ich, dass etwas fehlt. Etwas, das sonst komplett durchdreht, Luftsprünge macht und hektisch Slalom läuft: unser Hund. «Wo ist Lilla?», frage ich. Die Kinder schütteln ihre Köpfe, keine Ahnung sagen sie leise, Schneider stutzt, dann haut er sich mit der Hand an die Stirn: «Die ist immer noch vor dem Blumenladen angebunden.»

(Coopzeitung Nr. 43/2013)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 21.10.2013, 08:37 Uhr

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