Die Hightech-Ausstellung mit dem begehbaren Nest.

Vogelschau: Zu Besuch in der Vogelwarte

Das neue Besuchszentrum setzt auf Hightech. Und ermittelt unter anderem, welchem Vogel Sie am ähnlichsten sind.

Interaktiv: Die Besucher können mit Zugvögeln telefonieren.

Interaktiv: Die Besucher können mit Zugvögeln telefonieren.
http://www.coopzeitung.ch/Vogelschau_+Zu+Besuch+in+der+Vogelwarte Interaktiv: Die Besucher können mit Zugvögeln telefonieren.

Sie sind eine Goldammer», steht auf dem postkartengrossen Zettel. «Ihr Haus liegt idyllisch im Grünen, und Ihre Familie umsorgen Sie liebevoll. Ihre Ernährung ist vielfältig, im Sommer eher auf Fleisch ausgerichtet, im Winter etwas stärker auf Getreide.» – Zugegeben, das habe ich bis jetzt nicht gewusst. Aber: Passt schon! Obwohl ich mich auch als anderen Vogel hätte vorstellen können – zum Beispiel als Wiedehopf. Doch diese Art ist schon vom Fotografen besetzt.

Und um Neues zu erfahren geht man ja schliesslich ins Museum. Wobei mir der museale Begriff «Museum» in diesem Fall etwas irreführend scheint. Denn das Museum ist im Fall der Vogelwarte Sempach ein modernes, interaktives Hightech-Besuchszentrum, in dem der Gast in die Rolle eines Vogels schlüpft. Im Mai 2015 öffnete es seine Tore; seither begehren im Durchschnitt 100 Personen pro Tag Einlass. «Das Zentrum ist ein P-eco-zertifizierter Minergie-Lehmbau», sagt dessen Leiter Felix Tobler.

Diverse Leibspeisen der unterschiedlichen Vogelarten dürfen bestaunt werden.

Diverse Leibspeisen der unterschiedlichen Vogelarten dürfen bestaunt werden.
http://www.coopzeitung.ch/Vogelschau_+Zu+Besuch+in+der+Vogelwarte Diverse Leibspeisen der unterschiedlichen Vogelarten dürfen bestaunt werden.

«Nicht nur das Gebäude, auch die Ausstellung selber kommt mit einem Minimum an Energie aus.» Die interaktiven Bildschirme und die stromsparenden Leuchten befinden sich im Grundzustand im Sparmodus. Deshalb werden die Besucher, wie es sich für einen Vogel gehört, am Eingang beringt. Mit dem Ring erwecken sie dann die einzelnen Stationen der Ausstellung zum Leben, und der Ring merkt sich auch die Aktivitäten seines «Vogels» während des Rundgangs; beispielsweise, für welches Futterangebot er sich interessiert. «Aufgrund dieser Hinweise erstellt der Computer am Ende des Rundgangs das Vogelprofil», sagt Tobler. Zum Beispiel: Goldammer. Oder Wiedehopf. 

Ob am Anfang der Vogel oder das Ei war, ist nach wie vor eine unbeantwortete wissenschaftliche Frage. Die Ausstellungsmacher von Sempach haben sich entschieden: das Ei. Und so lassen sie die Gäste aus einem Riesenei in die Ausstellung schlüpfen. 

Auch eine räuberische Krähe darf nicht fehlen.

Auch eine räuberische Krähe darf nicht fehlen.
http://www.coopzeitung.ch/Vogelschau_+Zu+Besuch+in+der+Vogelwarte Auch eine räuberische Krähe darf nicht fehlen.

Viele Jungvögel überleben nicht

Im begehbaren Nest liegen die Eier in ihrem vollen Grössenspektrum, vom Wintergoldhähnchen- bis zum Höckerschwanei. Die Unterschiede sind eklatant. Und dann die Frage: Warum legt eine Blaumeise pro Saison um die zehn Eier? Die Antwort: Weil durchschnittlich nur eines das erste Jahr überlebt: zwei Junge werden von Katzen gefressen, zwei von grösseren Vögeln, zwei fallen dem Verkehr zum Opfer, eines knallt gegen eine Fensterscheibe, zwei rafft die Winterkälte darnieder.

Sind die jungen Vögel geschlüpft, beginnt das grossen Fressen beziehungsweise Füttern. Wussten Sie, dass ein Tannenhäher im Sommer bis zu 100 000 Arvennüsse sammelt, diese vergräbt und im Winter auch unter dicken Schneedecken wieder findet – jedenfalls die meisten? Wie viele das sind, sieht man in der Ausstellung. Wunderbar dargestellt und auf schicken Tellern präsentiert ist auch das breite Nahrungsspektrum der Vogelwelt: Samen und Getreide, Schnecken und Würmer, ganze Fledermäuse und Kleinvögel und vieles mehr.

Federn machen Vögel – auch dies veranschaulicht die Ausstellung wunderschön. Der Unterschied zwischen einer nackten Waldohreule und dem gleichen Tier in vollem Federkleid ist mehr als erstaunlich. Federn machen aber auch Männchen oder Weibchen, die Unterschiede sind zum Teil frappant. Beeindruckend ist auch die Wand, an der sämtliche Federn eines Eichelhähers fein säuberlich drapiert sind: 4000 sollen es insgesamt sein.

Die Schweiz wie ein Vogel sehen

Das aus Lehm gebaute Minergie-Besuchszentrum.

Das aus Lehm gebaute Minergie-Besuchszentrum.
http://www.coopzeitung.ch/Vogelschau_+Zu+Besuch+in+der+Vogelwarte Das aus Lehm gebaute Minergie-Besuchszentrum.

Und dann ist da noch die Eigenschaft, die einen Vogel abheben lässt: die Fähigkeit zu fliegen. 50 Muskeln sind dabei aktiv, lassen die Tiere enorme Leistungen vollbringen und zum Überwintern teils Tausende von Kilometern zurücklegen. Mit ihnen kann der Besucher der Vogelwarte telefonieren und die Tiere erzählen bereitwillig von ihrer Motivation und ihren Erlebnissen.

Mit dem Flug befasst sich auch der Film «Vogelschau». Der Zuschauer betrachtet die Schweiz von oben, fliegt vorbei an allerhand charakteristischen Monumenten wie dem Matterhorn oder dem Zürcher Hauptbahnhof. Auch hier: beeindruckende Aufnahmen. 

Wer nach all den Bildschirmen und Vogelpräparaten noch ein paar lebenden Vögeln zuschauen will, macht einen Spaziergang durch den naturnahen Garten vor dem Besuchszentrum, oder aber er setzt sich in die Cafeteria und wirft einen Blick in die Grossvoliere. «Darin geben Vögel den Ton an, die im Kulturland leben», erklärt Tobler. «Sie bekommen in der Natur die massiven Veränderungen durch die Landwirtschaft am stärksten zu spüren.» Kiebitze zum Beispiel, Rebhühner, Distelfinken, und – Goldammern. Wiedehopfe sucht man dagegen vergeblich.

Ein Goldammer-Männchen - ob es sich wohl gerade nach einem Weibchen umsieht?

Ein Goldammer-Männchen - ob es sich wohl gerade nach einem Weibchen umsieht?
http://www.coopzeitung.ch/Vogelschau_+Zu+Besuch+in+der+Vogelwarte Ein Goldammer-Männchen - ob es sich wohl gerade nach einem Weibchen umsieht?

Zeigen, was sie drauf haben

Nach der Kaffeepause dürfen die Elektroflitzer zeigen, was sie drauf haben: Hoch geht’s in Gegenden, die der per pedes die Stadt erkundende Tourist in der Regel nicht aufsucht. 1. weil zu grosser Höhenunterschied und 2. weil zu grosse Distanz. Hoch gehts also, mit Zwischenstopp beim Kapuzinerkloster Wesemlin und Dreilinden, auf den Dietschiberg mit dem eingangs geschilderten Ausblick auf Stadt und See. Und die emporragenden Luzerner Kultberge: Pilatus, Rigi, Bürgenstock. Und auf einmal erscheint das Dach des KKL gar nicht mehr so mächtig. Wie auch, sein Bau kostete kurz vor der Jahrhundertwende mit 226 Millionen Franken nur etwa die Hälfte dessen, was zurzeit in den Bau des neuen Resorts auf dem Bürgenstock fliesst; dieses soll im nächsten Jahr seine Tore öffnen.

http://www.coopzeitung.ch/Vogelschau_+Zu+Besuch+in+der+Vogelwarte Vogelschau: Zu Besuch in der Vogelwarte
«

Die Ausstellung kommt mit einem Minimum an Energie aus.»

Felix Tobler (59), Leiter Besuchszentrum

Das Besuchszentrum der Vogelwarte Sempach ist nominiert für den Europäischen Museumspreis. Dieser wird am 6. Mai in Zagreb vergeben.
Vom 5. bis 7. Mai findet in der Schweiz die Stunde der Gartenvögel statt. Jedermann kann mitmachen. Man setzt sich in einen Garten oder einen Park, schreibt eine Stunde lang alle beobachteten Vogelarten auf und meldet diese an Birdlife Schweiz. So wird offensichtlich, welche Arten gegenüber den vergangenen Jahren zu- und welche abgenommen haben.

Besuchen Sie die Webseite der Vogelwarte

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 24.04.2017, 10:11 Uhr

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