Farbig: Bei einer Saftkur darf man kreativ werden.

Voll im Saft: Frühlingsputz

Ob mit Tee, Wasser, Saft oder Reis – die Giftstoffe sollen aus unserem Körper. Doch welche Auswirkungen haben Entschlackungskuren?

Frühling. Wir bringen unser Heim in Ordnung, die Terrasse oder den Garten auf Vordermann. Naheliegend, dass wir das auch mit etwas noch Persönlicherem tun wollen – unserem Körper. «Alles muss raus, was keine Miete zahlt», pflegte schon Bud Spencer selig in seinen kultigen Haudrauf-Filmen mit Terence Hill einen Rülpser oder Pups zu kommentieren. Auf dieses vulgäre, aber einfache Prinzip lassen sich Entschlackungskuren – oder auf gut Neudeutsch «Detox» – reduzieren: Giftstoffe, die im Körper nichts zu suchen haben, sollen raus, der ganze Verdauungsapparat von Magen bis Enddarm gründlich durchgespült werden. Als Ziel lockt ein Gefühl der Leichtigkeit.

Doch ist das überhaupt nötig? Da sind sich Alternativ- und Schulmedizin wie so oft nicht einig. «Die Schulmedizin sagt, in unserem Körper fallen keine Schlacken an – sofern er gesund ist», erklärt Stefanie Bürge, Ernährungsberaterin BSc BFH der Spital Thurgau AG.

Sauer macht unlustig

Stefanie Bürge (28), Ernährungsberaterin BSc BFH

Stefanie Bürge (28), Ernährungsberaterin BSc BFH
http://www.coopzeitung.ch/Voll+im+Saft_+Fruehlingsputz Stefanie Bürge (28), Ernährungsberaterin BSc BFH

Der Körper entgifte sich durch Nieren, Leber und den Darm selbst. «Aber es kann sein, dass man sich aufgrund von übermässigem Stress und falscher Ernährung übersäuert fühlt, weil man beispielsweise zu wenig basische Nahrungsmittel wie Früchte und Gemüse zu sich nimmt», fügt Bürge an. Dem könne man mit so einer Kur durchaus entgegenwirken.

Allerdings empfehlen Bürge und ihre Kolleginnen und Kollegen vom Schweizerischen Verband diplomierter ErnährungsberaterInnen (SVDE) Entschlackungskuren wegen deren kurzfristigen Effekts nicht aktiv. «Es kommt auf die Beweggründe an», relativiert die 28-Jährige. Um abzunehmen, seien solche Kuren absolut ungeeignet. «Das ist ein Frühjahrsputz eher für den Geist als für den Körper. Die Enthaltsamkeit fördert das Bewusstsein fürs Essen und verleiht ein besseres Körpergefühl.» Das Wort «Hunger» wird in unserer Wohlstandsgesellschaft zu schnell verwendet. Wer nicht jedem Gluscht nachgibt, kann seine Beziehung zum Essen neu definieren. Natürlich verliert man während einer solchen Kur automatisch Gewicht, da man weniger Kalorien zu sich nimmt, als man verbraucht, aber das ist ein Nebeneffekt, der meistens rasch verpufft. Ausser natürlich, man stellt seine Ernährung gleich grundsätzlich um.

Erst die Muskeln, dann das Fett

Dennoch gilt es, die Entschlackungskur nicht zu unterschätzen. «Auch beispielsweise eine Saftkur geht ins Fasten», warnt Stefanie Bürge. Deshalb sollten Radikalkuren wie jene mit nur Wasser und Tee nicht ohne fachkundige Begleitung durchgeführt werden. Denn nach ein bis zwei Tagen stellt der Körper auf Hungerstoffwechsel um: Zuerst braucht er die Kohlenhydratspeicher auf. Dann beginnt er, Eiweiss abzubauen und damit Muskelmasse zu reduzieren. Fettreserven werden, wenn überhaupt, erst am Schluss angezapft. Der Blutdruck sinkt, alles läuft auf Sparflamme – ähnlich wie bei Tieren im Winterschlaf. Entsprechend lässt die Energie nach und mit ihr die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit. «Darum ist die Wahl der Kur-Woche wichtig», erklärt Bürge. «Am besten eine einigermassen entspannte, in der man nicht zu stark beruflichem Druck ausgesetzt ist.» Herzchirurgen und Airline-Piloten planen eine solche Kur also besser für ihre Ferien ein.

Die Redaktoren Fabian Kern (41) und Andreas Eugster (43) führten die «Biotta Wellness Woche» durch – absolut freiwillig.

Fabian Kern: «Ich mutiere zu Juice-Man»

Tag 1
Schon im Vorfeld musste ich mir in der Redaktion viele Sprüche anhören, nun wirds Zeit. Den Vorbereitungstag habe ich strikt eingehalten – hungrig. Auch die heutige Frühration ist der Horror für einen passionierten Zmorge-Esser. Mein Startgewicht: 88,2 Kilo. Ich hoffe, ich nehme nicht zu viel ab. Wenig überraschend ist der Hunger stetiger Begleiter. Immerhin meldet Kollege Eugster ähnliche Beschwerden. Geteiltes Leid ist halbes Leid … Leichten Schwindel bekämpfe ich erfolgreich mit dem Saft für zwischendurch. Früh ins Bett hilft.

Tag 2
Im Tram kriege ich Kopfweh. Am Koffeinentzug kanns nicht liegen, denn Kaffee habe ich schon letzte Woche abgesetzt. Ich nenne es vorausschauend, Kollege Eugster «memmenhaft». Dieser meldet heute keine Beschwerden, und auch meine Kopfschmerzen sind weg. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Zudem schmecken die Säfte, das hilft. Mittags im Tram kommt das Kopfweh wieder. Das muss am Tram liegen. Dann aber der Härtetest – ein halber Tag allein mit den Kindern: Kochen – zuschauen. Zvieri machen – zuschauen. Warmen Tomatensaft zum Znacht löffeln und den Kindern zu erklären versuchen, was Essen für ein Privileg ist. Ich bemerke körperliche Veränderungen: 1. Mein Geruchssinn ist empfindlicher (frisches Brot, oje!). 2. Dort, wo mein Magen sein sollte, klafft ein knurrendes Loch.

Tag 3
Das Hungern hat sich ausgewirkt: 86,3 Kilo. Ich tausche Tram gegen Velo, Kopf- gegen Ohrenweh. Ein guter Tausch! Ich fühle mich fit, es lag definitiv am Tram. Heute zögere ich den frei einteilbaren Saft möglichst lange hinaus. Das zahlt sich aus: Der Hunger hält sich dezent im Hintergrund. Nicht, dass ich immer damit leben möchte, aber ich kann. Ich bin stark!

Tag 4
Nach dem Erwachen erst mal kein Gedanke an Essen oder Kur – Geist hat Körper besiegt. Die Waage zeigt 85,5 Kilo, nun reichts! Nach einem morgendlichen Tief fühle ich mich gut – Gelegenheit, den schwächelnden Kollegen Eugster mal zu testen. Ich biete ihm Kuchen an, der im Büro rumsteht, versichere, es sei okay, wenn er aufgibt. Doch er reagiert trotzig. Guter Mann. Abends schaut dann wieder mal spontan der Hunger vorbei, aber das ist ja ein alter Hut. Faszinierend bleibt der Geruchssinn. Ich mutiere zu Juice-Man, dem Superhelden mit der feinen Nase.

Tag 5
Ich fühle mich leicht, obwohl der Gewichtsverlust gestoppt hat. Velofahren ist wie Fliegen. Der beste Tag bisher. Stolz über das Durchhalten gepaart mit Vorfreude auf die Resozialisierung.

Aufbautag
Nochmals ein ganzes Kilo verloren – total 4 Kilo! Zum Zmorge darf ich Zwieback mit Honig essen. Klingt lausig, ist aber ein solcher Schmaus, dass aus den vorgeschriebenen zwei bis drei Stück deren fünf werden. Mit jedem Biss wird der Hunger grösser – das Raubtier Appetit ist wieder hellwach. Und die Verdauung fühlt sich aufgeräumt an. Eine aufschlussreiche Erfahrung: Yes, I can!

Andreas Eugster: «Mann oder Maus?»

Tag 1
Ein wenig ein schlechtes Gewissen habe ich ja schon. Denn während Kollege Kern gross erzählt, wie strikt er den Vorbereitungstag eingehalten hat, war meiner – sagen wir mal – suboptimal. Ich hatte gestern «Bummel». Für alle «Nicht-Basler-Fasnächtler»: Das ist einer von drei Sonntagen nach der Fasnacht, an denen man mit seiner Clique nochmals unterwegs ist und vor allem isst und trinkt! Also nix mit: «den Magen langsam daran gewöhnen, weniger zu essen.» Egal! Dann halt von Hundert auf Null. Was bin ich denn – ein Mann oder eine Maus? Zumindest bis am späteren Nachmittag trifft Ersteres zu. Die Säfte schmecken gut und mein Hungergefühl hält sich in Grenzen. Einzig die zwei Kaffeelöffel mit Leinsamen musste ich runterwürgen. Trotz Hungergefühl schlafe ich erstaunlich gut. Übrigens mein Startgewicht: 75,5 Kilo.

Tag 2
Ausgerechnet diese Woche hat meine Tochter Lara (10 Jahre) ihre Liebe zum «Zmorgerührei» entdeckt. Genüsslich haut sie sich also zwei Eier in die Pfanne. Der Duft treibt mich früher als sonst aus dem Haus – nicht, weil ich ihn nicht mag! Nach dem einen Deziliter Pflaumensaft schwinge ich mich aufs Velo, Bewegung soll ja gut sein. In der Redaktion klagt Kollege Kern über Kopfweh. Und das, obwohl er seinen Kaffeeentzug schon letzte Woche gemacht hat. Hat wohl nichts gebracht …! Über den Tag verteilt dürfen wir heute eine Flasche Gemüsecocktail trinken. Entgegen meiner Befürchtungen mundet dieser richtig gut. Ein Tipp: Warm schmeckt er noch besser. Am Abend habe ich Tennistraining. Ich fliege über den Platz wie ein junges Reh. Mein Übermut verleitet mich danach zu einem Schluck Bier – eine saublöde Idee!


Tag 3
Hunger!!! Und minus 3 Kilo! Der Gewichtsverlust würde sich in Grenzen halten, hiess es. Man würde nicht viel abnehmen, hiess es. Pahh!

Tag 4
Heute fühle ich mich erstaunlich gut. Anscheinend geht es Kollege Kern ähnlich, so süffisant wie er lächelt und mich einlädt, ein Stück Kuchen zu essen, das auf dem Redaktionstisch steht.Ich lehne dankend ab und schenke ihm ebenfalls ein Lächeln, während ich an meinem Früchtesaft nippe. –Easy! Was bin ich denn – ein Mann oder eine Maus? Hunger verspüre ich nicht gross, was mich auf die spontane Idee bringt, die Hälfte meiner Tagesration an Gemüsesaft für den Abend aufzusparen. Ist doch mal was anderes, so ein TV-Abend mit warmer Gemüsebrühe statt Bier und Chips.

Tag 5
Ich schaue in den Spiegel und denke: «Mann, sehe ich gut aus!» – ein wenig Selbstmotivation muss ja sein. Die Waage bestätigts und zeigt 71,5 Kilo an. Doch die Freude ist von kurzer Dauer. Irgendwie will dieser letzte Tag einfach nicht vorübergehen. Aber aufgeben, beim End-spurt? No Way!!

Aufbautag
Heute dürfen wir wieder essen – juhuu! Zum Zmorge zwei Zwieback mit Honig, steht da in der Anleitung. Meine Tochter haut sich wieder zwei Eier in die Pfanne – ich rufe in die Küche: «Mach mir auch ein paar davon, mit Speck garniert am besten.» Was bin ich denn?

Entschlackungskur Geplant? Unsere 6 Tipps

Diese Punkte sollten Sie beachten

  • Machen Sie nur eine Entschlackungskur, wenn Sie gesund und im Vollbesitz Ihrer Kräfte sind. Für Kranke, Schwangere und Kinder sind Entschlackungskuren absolut ungeeignet.
  • Wählen Sie eine Entschlackungskur, die Sie anspricht (z. B. Saft / Suppen / Smoothies, Rohkost, Reis).
  • Suchen Sie sich jemand Gleichgesinntes, der mitmacht. Zusammen gehts viel einfacher.
  • Reduzieren Sie Alkohol- und Kaffeekonsum schon im Vorfeld, um Entzugserscheinungen vorzubeugen.
  • Wählen Sie eine Woche, in der Sie beschäftigt sind, aber nicht unter zu grossem Leistungsdruck stehen.
  • Ziehen Sie die Kur nicht länger als eine Woche durch, sonst baut der Körper zu viele Reserven ab.

Smoothie-hit

Zubereitungszeit: ca. 10 Min.

Zutaten

  • 2 Handvoll Spinat
  • 3 Blätter Federkohl
  • 1 Apfel, entkernt
  • ½ Zitrone (nur Saft)
  • 1 Banane
  • 2 dl Wasser

Zubereitung

  • Zuerst den Spinat mit dem Federkohl und dem Wasser mixen. 
  • Dann die Früchte hinzugeben und nochmals mixen. 
  • Wer es erfrischend mag, gibt ein paar Eiswürfel hinzu. Langsam und schluckweise geniessen.

Hinweis: Als ideale Zutaten für Detox gelten

  • Zitrusfrüchte
  • Bittersalate
  • scharfe Gewürze (Ingwer, Chili, Cayennepfeffer)
  • Algen
  • Kokoswasser.

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Fabian Kern

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Styling:
Claudia Schilling
Veröffentlicht:
Montag 15.05.2017, 10:10 Uhr

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