Die Entfernung von Unkraut im Bio-Zuckerohrfeld erfordert viel Handarbeit.

Volles Rohr: 30 Jahre Bio-Zucker aus Brasilien

Seit drei Jahrzehnten bauen die Bauern Emilio Lutz und Regula Baumgartner in Brasilien Bio-Zucker an. Das ist ihr Geschäft – und freut die Vögel.

Das Leben braucht manchmal Schlüsselmomente, damit es die Richtung ändern kann: Einen solchen erlebte der frühere Finanzanalyst und heutige Bio-Bauer Emilio Lutz (70) 1987. Lutz, gerade 40, lebte seit zehn Jahren in Brasilien und genoss mit seiner Frau Regula Baumgartner an diesem Frühlingstag die frische Morgenluft auf seiner neu erworbenen Farm, der Fazenda Jacutinga (sprich: Schakutinga). Auf dem Betrieb wurde Kaffee konventionell angebaut. Und wie Lutz seinen Blick über die Landschaft und über den Hof gleiten lässt, bleiben seine Augen bei fünf toten Vögeln hängen. Da fällt ihm auf, dass man überhaupt keine Vögel mehr hört. Es ist der Tag, nachdem die Kaffeestauden mit Pflanzenschutzmitteln besprüht worden sind.

Emilio Lutz, Brasilianischer Bio-Bauer mit Schweizer Wurzeln.

Emilio Lutz, Brasilianischer Bio-Bauer mit Schweizer Wurzeln.
http://www.coopzeitung.ch/Volles+Rohr_+30+Jahre+Bio_Zucker+aus+Brasilien Emilio Lutz, Brasilianischer Bio-Bauer mit Schweizer Wurzeln.

«Von da an gab es für mich keine Zweifel mehr», erzählt Lutz, als er diesen Sommer bei der grossen Jubiläumsfeier seines Unternehmens die letzten 30 Jahre Revue passieren lässt. «Ich beschloss, auf Bio-Landwirtschaft umzustellen.» Er stellte nicht nur die Anbaumethode um, sondern auch das Produkt. Statt Kaffee wächst nun auf rund 440 Hektaren Zuckerrohr, das Lutz zu Bio-Vollrohrzucker verarbeitet. Das Unkraut wird – wie beim biologischen Anbau häufig – von Hand gejätet. Seit einigen Jahren sind Schafe eine erfolgreiche Unterstützung. Einen Schädling, den Zuckerrohrbohrer, bekämpft Lutz mit Wespen, die die Larven des Bohrers ersticken. «So einfach kann Bio-Landwirtschaft sein», meint Lutz.

In den letzten 30 Jahren ist nicht nur eine wirtschaftlich erfolgreiche Bio-Vollrohrzuckerproduktion entstanden – bei Coop wird der Zucker als Naturaplan- Bio-Vollrohrzucker Jacutinga verkauft –, auch die Vögel sind zurückgekehrt: 64 Arten haben Biologen der Universität Adamantina letztes Jahr katalogisiert. Zudem fühlen sich auf Jacutinga viele andere Tierarten wohl: von Capivara über Tapir und Jaguar bis zu Ameisenbär, Gürteltier und Anaconda.

Viele Zertifikate

Vollrohrzucker enthält einen kleinen Anteil an Mineralien wie Kalzium, Phosphor, Eisen und Mangan – all das, was zwar im Zuckerrohr drin ist, dem weissen Zucker aber durch Raffinieren entzogen wird. Lutz hat die Produktion laufend ausgebaut, um der steigenden Nachfrage Rechnung zu tragen. Sein Bio-Vollrohrzucker erfüllt heute nicht nur die strengen Knospe-Richtlinien der Bio Suisse, damit er bei Coop als Bio-Zucker verkauft werden kann – er ist auch BR-zertifiziert für den brasilianischen Markt, «KOREA ORGANIC»-zertifiziert für Korea, JAS-zertifiziert für Japan, NOP-zertifiziert für die USA, COR-zertifiziert für Kanada, EU-Bio-zertifiziert für den europäischen Markt, Koscher-zertifiziert für jüdische Konsumenten und so weiter.

Lutz will damit nicht nur den Markt für seinen Zucker öffnen. Er will die Idee einer nachhaltigen, biologischen Anbaumethode in die Welt hinaustragen – am Beispiel Vollrohrzucker, denn hier beweist er seit 30 Jahren, dass es funktioniert.

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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 13.11.2017, 15:55 Uhr

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