Von Menschen und Meisen

Er: Ich habe im Garten den Nistkasten so aufgehängt, dass ich vom Arbeitstisch freie Sicht darauf habe. Vögel sind spannende Gesellen, und je älter ich werde, desto lieber beobachte ich sie. Allerdings interessieren sie sich nicht für meinen edlen Nistkasten – entweder habe ich diesen am falschen Ort aufgehängt, oder ich bin nie da, wenn die Vögel vorbeischauen.

Doch jetzt sitze ich zufällig mal zur rechten Zeit am Tisch und sehe, wie eine Meise den Brutkasten untersucht. Sie steht auf dem Stab unter dem Einflugloch, blickt hi-nein und nach einer halben Sekunde wieder raus, dreht den Kopf zurück und wieder vor. Das wiederholt sich zwanzig Mal. Hin-her-hin-her. Nun endlich schlüpft sie in den Kasten rein, guckt nach zwei Sekunden hinaus, verschwindet wieder. Eine zweite Meise sitzt auf dem Holunder und schaut zu. Gemeinsame Wohnungssuche? Ein Ritual, um zu zeigen: Wir gehören zusammen?

«

Ich habe freie Sicht auf den Nistkasten.»

Ich frohlocke. Vielleicht legt das Weibchen in einem Monat tatsächlich seine Eier in meinen Kasten. Und ich kann dann dem Männchen zuschauen, wie es pausenlos Futter anschleppt.

Was mich daran erinnert, dass ich nicht länger aus dem Fenster schauen, sondern weiterarbeiten sollte.

Sie: «Komm schnell mal her, das musst du sehen», sagt Schneider. Ich kurve um unsere Pulte herum und folge seinem Finger, der nach draussen weist und wo er vor Kurzem einen Nistkasten an die Schopfwand aufgehängt hat. Oh, wie niedlich! Eine Blaumeise macht sich am Vogelhäuschen zu schaffen. «Meinst du, die legen Eier?»
«Würde mich freuen, ja.» «Ich weiss was: Ich bürste Lilla und lege die Haare draussen hin.» «Was haben Hundehaare mit den Meisen zu tun?» «Na, dann können sie ihr Nest damit schön auspolstern.» «Das meinst du nicht im Ernst, oder?» «Eigentlich schon, aber vielleicht eignet sich eins unserer Schaffelle besser. Das lege ich raus und sie können sich daran bedienen.» «Die brauchen deine Hilfe nicht. Vögel können ihr Nest selber bauen!» «Musst ja nicht gleich gereizt sein. Ich machs ihnen doch nur einfacher.»

«

Oh, wie niedlich, ist ja eine Blaumeise.»

«Ich will aber sehen, wie sie mit Moos im Schnabel heranfliegen, nicht mit Haaren von unserem Schaffell!»
«Dann hänge ich halt einen Meisenknödel auf.»
«Nein! Ich will kein Disneyland-Vogel-erlebnis! Das sind Tiere, die brauchen deine Hilfe nicht!»
«Ach ja? Ich hätte nichts dagegen, wenn 
es mir jemand im Alltag ein bisschen 
gemütlicher machen würde.»

 (Coopzeitung Nr. 14/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 30.03.2015, 08:33 Uhr

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