Dieser Leuchtturm gibt Orientierung, wo Orientierung nur selten gesucht wird.

Von der Küste auf den Berg – oder ein Leuchtturm auf Abwegen

Eigentlich gehört er da nicht hin. Und doch: Seit 2009 steht ein Leuchtturm auf dem Oberalppass, auf 2046 Metern über Meer, und soll den Weg zur Rheinquelle weisen.

Ein Anblick, der verwirrt. Ein Leuchtturm in den Bergen.

Ein Anblick, der verwirrt. Ein Leuchtturm in den Bergen.
http://www.coopzeitung.ch/Von+der+Kueste+auf+den+Berg+_+oder+ein+Leuchtturm+auf+Abwegen Ein Anblick, der verwirrt. Ein Leuchtturm in den Bergen.

Der Wind stösst, drängt und zieht von allen Seiten. Wahrscheinlich Orkanstärke. Die Schneeflocken fliegen quer, brennen in den Augen und verpassen dem Gesicht ein Hardcore-Peeling. Einziger Lichtblick: eine rote, blinkende Lampe, die uns den Weg weist. Und doch wohl nur ein müder Abklatsch des Hochgefühls, das einst Seefahrer verspürten, wenn sie bei stürmischer See das rettende Signalfeuer am Horizont erblickten – den Leuchtturm. Dieser hatte die Aufgabe, den Schiffen bei Nacht und/oder Nebel den Weg zu weisen – sie (nicht nur sprichwörtlich) in den sicheren Hafen zu führen.

Uns führt er zumindest auf den Oberalppass auf 2046 Metern über Meer – zur Quelle des Rheins. Doch was beim Klabautermann macht ein Leuchtturm hier oben? Der Anblick verwirrt und lässt einen gleichzeitig in der Vergangenheit schwelgen. Denn der Durchbruch der Radartechnik kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs besiegelte doch das Dienstende dieser blinkenden Wegweiser und deren Wärtern. Eigentlich schade! Sie waren mehr als nur ein Farbtupfer in den oft schroffen und kargen Küstenlandschaften. Doch auch wenn die meisten Lampen der mystischen Signaltürme nicht mehr brennen, fand immerhin der Begriff seinen sicheren Hafen im 21. Jahrhundert. So bezeichnet man heute Vorhaben mit Vorbildfunktion als «Leuchtturmprojekte».

Otto Jolias Steiner, Inhaber der Kreativagentur Steiner Sarnen Schweiz, ist stolz auf sein Projekt: «Der Leuchtturm auf dem Oberalppass ist bei den Besuchern extrem beliebt, weil er so absurd ist».

Otto Jolias Steiner, Inhaber der Kreativagentur Steiner Sarnen Schweiz, ist stolz auf sein Projekt: «Der Leuchtturm auf dem Oberalppass ist bei den Besuchern extrem beliebt, weil er so absurd ist».
http://www.coopzeitung.ch/Von+der+Kueste+auf+den+Berg+_+oder+ein+Leuchtturm+auf+Abwegen Otto Jolias Steiner, Inhaber der Kreativagentur Steiner Sarnen Schweiz, ist stolz auf sein Projekt: «Der Leuchtturm auf dem Oberalppass ist bei den Besuchern extrem beliebt, weil er so absurd ist».

Am falschen Ort

Ein solches realisierte Otto Jolias Steiner (62) mit seiner Kreativagentur Steiner Sarnen Schweiz vor sieben Jahren hier auf dem Oberalppass. Hoch über dem Meeresspiegel steht seit 2009 nämlich ... eben ein Leuchtturm. Der steht wirklich da (kein Hirngespinst und auch kein Anflug von Höhenkrankheit) – ein paar Hundert Meter unterhalb der Rheinquelle. «Die Gemeinde Sedrun GR gab uns den Auftrag, der Region ein Merkmal zu verschaffen», erklärt Steiner und muss sich dabei immer wieder ein paar nasse Haarsträhnen aus dem Gesicht wischen. Manchmal stürmt es eben auch auf dem Oberalppass und der Schneeregen peitscht einem mehr als nur die vornehme Röte ins Gesicht. Die Sicht über die Reling bei wilden Gezeiten lässt sich zumindest erahnen.

Und trotzdem: Dieser Leuchtturm mutet hier oben etwas seltsam an. «Das ist genau das, was wir wollen», sagt Steiner und ergänzt: «Der Effekt und die Symbolkraft des Leuchtturms am falschen Ort sind doch verblüffend.» Er ist übrigens das visuelle Pendant des Leuchtturms, welcher einst in Hoek van Holland an der Mündung des Rheins thronte und heute das Aushängeschild des Maritimen Museums in Rotterdam ist. Hier schliesst sich dann auch der Kreis und die Idee erhält einen Sinn: Leuchtturm Quelle, Leuchtturm Mündung – alles klar? Nein? Zur Verdeutlichung: Die Bündner Gemeinden Sedrun und Tujetsch haben ein Problem. Die besten Zeiten im Tourismus liegen in der Vergangenheit. Als Standortgemeinden der Rheinquelle wollen sie die 55 Millionen Rhein-Anwohner aus sechs Ländern anlocken. Es soll der Wunsch entstehen, einmal im Leben zur Quelle des Rheins zu reisen. Und der Leuchtturm auf dem Oberalppass wird ihnen den Weg weisen. Das Objekt am falschen Ort hat seine Signalwirkung nicht verfehlt. Und immer wieder taucht sein Bild in der europäischen Presse auf. Jüngster Erfolg: Aktuell ist eine Fotografie des Leuchtturms das offizielle Kampagnenbild des Bilbao Mendi Filmfestivals (E). Während zweier Wochen im Dezember ist es nun in Bilbao auf Bussen, Flyern, Billboards, Postern, in jeder U-Bahn-Station und auf einer ganzen Hausfassade in der Grösse von zehn mal acht Metern zu sehen. Und spricht so ein Publikum von rund drei Millionen Menschen an.

Dürfen wir vorstellen? Der höchstgelegene Leuchtturm der Welt.

Dürfen wir vorstellen? Der höchstgelegene Leuchtturm der Welt.
http://www.coopzeitung.ch/Von+der+Kueste+auf+den+Berg+_+oder+ein+Leuchtturm+auf+Abwegen Dürfen wir vorstellen? Der höchstgelegene Leuchtturm der Welt.

Jetzt fehlt nur noch das Schiff 

Otto Jolias Steiner und sein Kreativ-Team sind mit ihren Ideen aber noch lange nicht am Ende. Denn wo ein Leuchtturm steht, soll auch ein Schiff nicht fehlen. Ein ziemlich grosses wird es werden. 100 Meter lang – aus Schnee und Eis erbaut. Im Innern ein Container mit Speis und Trank. Klingt abwegig und hat doch einen tieferen Sinn. Steiner klärt auf: «Wenn im Frühling die Eisschmelze einsetzt, wird auch unser Schiff auf ganz natürlichem Wege den Rhein hinab fliessen.» Und man wird nie erfahren, ob es noch im Bodensee oder bereits durch die Loreley gefahren ist. Die Realisation des Eisschiffprojektes soll – mit etwas Glück und monetärem Beistand (siehe Box) – bereits 2018 in Angriff genommen werden. Spätestens 2019 aber realisiert sein.

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.










Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Andreas Eugster

Redaktor

Foto:
Thomas Andenmatten
Veröffentlicht:
Montag 11.12.2017, 10:00 Uhr

Neuste Familien-Artikel:

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:




Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?