Und vor zwei Wochen war er doch noch so ein braver und lieber Bub. Was ist bloss mit ihm los?

Vorpubertät: «Wir sind trotzdem für dich da!»

Der Widerstand der Kinder gegen die Eltern hat verschiedene Namen: Trotz, Vorpubertät, Pubertät. Wer meint, die Pubertät beginne immer früher, liegt laut Kinderarzt Remo Largo falsch. Aber sie beginne sehr unterschiedlich.

Dass die Zeit der kindlichen Metamorphose schwierig wird, ist Eltern in der Regel klar und sie stellen sich entsprechend darauf ein. Doch viele Eltern müssen sich heute fragen, wie sie mit Neun- oder Zehnjährigen umgehen sollen, die sich schon in dieser Phase befinden. Beginnt die Pubertät bei Kindern und Jugendlichen heute früher oder täuscht der Eindruck? «Die Pubertät beginnt nicht früher», sagt der Kinderarzt und Buchautor Remo Largo. «Aber sie beginnt sehr unterschiedlich.»

«Wieso bin ich so, wie ich bin, ich will überhaupt nicht so sein.» Die neunjährige Lara verschanzt sich heulend und Türe knallend in ihrem Zimmer und ist erstmals für niemanden zu sprechen. Ein halbe Stunde später kommt sie, angetan mit Hotpants, Schal und kessem Hut und will wissen, wie sie ausschaut. «Innerhalb von wenigen Minuten kann die Stimmung von himmelhoch jauchzend bis zu zu Tode betrübt umschlagen», erzählt die Mutter, «und das mit neun Jahren! Da fragt man sich doch, was kommt noch?»
Auch die Mutter von Marvin stellt fest, dass sich der bald 10-Jährige längst nicht mehr so gut mit sich selbst beschäftigen kann wie früher. «Er hängt viel häufiger rum, ärgert seine Schwester und will vor allem eines, gamen.»

Coopzeitung: Gibt es eigentlich eine Vorpubertät oder beginnt die Pubertät heute einfach früher?
Remo Largo: Die Pubertät beginnt in Bezug auf das Auftreten der Brustentwicklung und der Schambehaarung etwas früher, aber längst nicht bei allen Mädchen. Die Vielfalt ist nach wie vor gross: Es gibt Mädchen, die mit 10 Jahren bereits die Mens haben und andere erst nach dem 16. Lebensjahr.

Sind 9-jährige Mädchen, die sich schmollend und Türe knallend in ihr Zimmer verziehen, zwischen Wutanfällen und Heulkrämpfen wechseln, also bereits in der Pubertät?
Das sind so erste Anzeichen im psychischen Bereich. Die ersten körperlichen Anzeichen werden nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Und wie ist das mit den Jungs? Wann beginnt bei ihnen die Pubertät?
Die Jungs sind als Gruppe etwa anderthalb Jahre langsamer als die Mädchen. Aber auch bei ihnen gibt es sehr grosse Unterschiede: So können die ersten Pubertätszeichen bereits mit 9 oder erst mit 14 Jahren auftreten.

Was passiert mit den Mädchen und Buben, wenn dieser erste Veränderungsprozess einsetzt?
Die wichtigste Veränderung für die Eltern ist, dass ihre Kinder beginnen, sich von ihnen abzulösen. Damit verlieren die Eltern zunehmend die Kontrolle und erleiden auch einen Liebesverlust. Beides kann für die Eltern sehr schmerzhaft sein.

Der Familientherapeut Henri Guttmann sagt, man solle in der Vorpubertät der Kinder die Chance packen, das Familienschiff auf Kurs zu bringen und mit gemeinsamen Erlebnissen und Ausflügen die Bindung stärken. Was halten Sie davon?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Aber der gilt für die ganze Kindheit. Je besser die Beziehungen und das Vertrauen zwischen Kind und Eltern sich entwickeln konnten, desto besser überstehen alle die Pubertät.

Wie kann man als Eltern Kinder in dieser Phase unterstützen?
Das Problem ist, dass die Eltern ihre Kinder nicht mehr gross unterstützen können. Für den Jugendlichen sind die Peers, also ihre Cliquen, am wichtigsten, auf die haben die Eltern keinerlei Einfluss. Das Beste, was die Eltern tun können: Bereit zu sein, wenn ihr Kind in Not ist und Zuwendung braucht, also immer die Türe offen halten, aber nicht versuchen, das Kind zurückzuhalten.

«Ich bin jetzt selber gross und ihr könnt mir nichts mehr sagen. Ätsch!»

«Ich bin jetzt selber gross und ihr könnt mir nichts mehr sagen. Ätsch!»
«Ich bin jetzt selber gross und ihr könnt mir nichts mehr sagen. Ätsch!»
«

Für Kinder sind ihre Cliquen am wichtigsten»

Was sollte man im Umgang mit (vor-)pubertierenden Kindern beachten und was auf keinen Fall tun?
Zu meinen, man könne die Kinder noch kontrollieren und beschützen. Das ist ein Trugschluss. Wenn die Kinder zur Haustüre raus sind, haben die Eltern keine Kontrolle mehr. Deshalb müssen die Eltern ihrem Kind sagen: Jetzt können wir dich nicht mehr beschützen. Von nun an bist du für dich selbst verantwortlich. Wir sind aber jederzeit für dich da, wenn du uns brauchst.

Überstehen bis anhin pflegeleichte Kinder die Pubertät besser als schwierige Kinder?
Würde ich nicht so sagen. Wie gut Jugendliche die Pubertät bewältigen, hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab: Beziehungen zu Peers, verlässliche Freunde und Partner, Erfolg in Schule und Beruf.

Wann ist der Prozess bei Mädchen, wann bei Jungs abgeschlossen?
Bestimmt nicht nur mit der körperlichen Entwicklung. Eigentlich erst, wenn sie existenziell unabhängig sind, sich in die Gesellschaft integriert haben und verlässliche Beziehungen eingegangen sind. Das ist irgendwann zwischen 20 und 35 Jahren.

Die Kinder dünken einen heute frühreifer. Trügt dieser Eindruck oder hat sich die Pubertät tatsächlich vorverlegt?
Nicht wesentlich. Die Medien haben einen Hype daraus gemacht und Ängste geschürt. Weit bedeutsamer ist, wie unterschiedlich die individuelle Entwicklung unter Jugendlichen verläuft.

Der Kinderarzt Remo Largo ist vor allem bekannt durch seine Bücher «Babyjahre», «Kinderjahre», «Schülerjahre» und «Glückliche Scheidungskinder». Seine Forschungsarbeiten und Langzeitstudien zur kindlichen Entwicklung fanden international Beachtung. Sein neustes Buch «Jugendjahre» befasst sich
mit der Pubertät und dem damit verbundenen Ablösungsprozess.

Remo Largo (69) ist Vater von drei Töchtern und hat vier Enkelkinder.

Die Weichen rechtzeitig stellen

Viele Eltern realisieren nicht, wie wichtig die Vorpubertät (Alter von acht bis zehn Jahren) ist, um nochmals Bindungen mit ihren Kindern zu knüpfen, sagt Henri Guttmann, Familientherapeut mit Praxis in Winterthur und Ratgeber-Psychologe bei Radio SRF1. Er gibt die folgenden Ratschläge:

  • In der Vorpubertät werden die Werte der Eltern noch übernommen, nutzen Sie also die Chance, das Familienschiff auf Kurs zu bringen.
  • Packen Sie die Chance, mit Ihren Kindern tolle Sachen zu erleben (Wandern, Biken, Ausflüge etc.), bevor diese Sie doof finden.
  • Fädeln Sie Ihren Erziehungsstil jetzt ein und setzen Sie sich Erziehungsziele. Vertrauen Sie Ihren Kindern und trauen Sie ihnen etwas zu.

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Text:
Martina Gradmann
Foto:
Fotolia, Keystone
Veröffentlicht:
Montag 03.06.2013, 10:00 Uhr

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