Wann ist der richtige Zeitpunkt, um zu verzeihen?

Sie:

Möglichst früh. Manchmal bin ich wohl etwas zu früh dran mit Frieden schliessen. Ganz einfach deshalb, weil ich Harmonie viel besser aushalte als Misstöne. Da kann ich mir schon mal sehr rasch einen Schubser geben, um eine Situation zu entschärfen. Denn, ehrlich gesagt: Was soll das, diese langwierige Schmollerei? Davon hat doch niemand etwas. Das weiss doch jeder. Ähm, ausser Schneider in gewissen Situationen, der doch tatsächlich glaubt, stundenlanges Schweigen und grimmiges Blicken würde irgendetwas bewirken.

Er:

Natürlich bin ich froh, dass Schreiber ein Mensch ist, der schnell und gründlich verzeihen kann. Das spricht für ihre innere Grösse und Reife. Problematischer finde ich, dass sie von mir erwartet, im gleichen Affentempo verzeihen zu können. Dabei brauche ich zuerst etwas Zeit, um überhaupt zu verstehen, warum ich mich ärgere. Und wenn ich das weiss, dann soll sie es auch merken, dass etwas definitiv nicht in Ordnung war. Dann muss ich mich wieder beruhigen und die Dinge etwas anders sehen. Das geht alles nicht so schnell. Jedenfalls nicht so schnell, wie sie es gern hätte.

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Sie:

Meine Güte, können Männer kompliziert sein. Wie viele Hürden muss mein armer Gatte überspringen, bis er über etwas lächeln kann. Ob ihm das Spass macht? Dabei weiss er theoretisch, was es braucht: Innere Grösse, sagt er ja selber. Ich nenne das Grosszügigkeit. Wer grosszügig ist, nimmt alles weniger ernst, vor allem sich selber. In der Regel mag es Schneider ja, wenn etwas schnell geht. Deshalb gibt’s nur eines, was er schleunigst lernen sollte: Denn um körperlich zu wachsen, ist er ja bereits zu alt, aber nicht, um grosszügiger zu werden.

Er:

Glaubt irgendjemand, dass stundenlanges Schweigen und grimmiges Blicken Spass macht? Natürlich nicht! Es ist die Hölle. Schreiber meint, ich wolle ihr damit etwas mitteilen. Dabei liegen die Dinge ganz anders: Ich leide. Ich stecke in einem Loch, aus dem ich mich erst wieder befreien muss. Ich muss mir einen Weg zurück in die Harmonie bahnen. Das ist nicht immer so einfach. Deshalb ist der richtige Zeitpunkt zum verzeihen dann, wenn man mit sich selber im Reinen ist – nicht, wenn man etwas ins Reine bringen will, obschon man selber noch nicht weit genug dafür ist.

Wer konnte Sie überzeugen?

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