Nein, den Fremdwörterduden müssen Sie nicht bemühen: «Primitiv» bedeutet wörtlich «einfach, dürftig» und wird abwertend verwendet für «von geringem, geistig-kulturellem Niveau». Die ersten Menschen waren zweifellos primitiv.
Steinzeitmenschen zum Beispiel. Die hockten im Endstadium der letzten Eiszeit in Höhlen und brieten Rentiere. Primitiv, eben. Und dann reisen Sie vielleicht ins Périgord (wie bei unserer neuen Leserreise) und besuchen die Höhle von Lascaux.
Vor über 17 000 Jahren haben Steinzeitmenschen diese Höhle mit Darstellungen von Pferden, Auerochsen und Rentieren ausgemalt. «Wir haben nichts dazugelernt!» hat Pablo Picasso ausgerufen, als er die Höhlen von Lascaux besichtigte. Angesichts der kraftvollen Bilder kommt man ins Grübeln. Primitiv?
Mir kommt Erich Kästner und sein Gedicht von der Entwicklung der Menschheit in den Sinn. Das endet mit der Feststellung: «So haben sie mit dem Kopf und dem Mund / Den Fortschritt der Menschheit geschaffen. / Doch davon mal abgesehen und / bei Lichte betrachtet sind sie im Grund / noch immer die alten Affen.» Das lässt sich, angesichts von Lascaux, durchaus als Kompliment verstehen.