Was lange gärt …

Er weiss alles, ausser alles.

Sybil Schreiber: Wir treffen den Schreiner in unserem Garten, denn Schneider wünscht sich eine Eckbank im Gartenhäuschen. «Ich will so dasitzen können, wie es dein Vater immer bei sich zu Hause getan hat: die Zeitung in der Hand, die Beine ausgestreckt auf der Bank und alles mit dem schönen Blick in den Garten», erklärt Schneider. Also sehr zufrieden. Sehr gemütlich. Sehr allwissend. Unser Schreiner denkt lange nach, reibt sich das Kinn und sagt schliesslich, die Ecke sei heikel: «Da muss ich die Gärung einzeln anpassen, das ist aufwendig.» Schneider nickt, allwissend wie mein Vater, reibt sich ebenfalls das Kinn und schweigt.

«

Hoffentlich wissen die Männer, worüber sie reden.»

Ich reibe mal erst gar nichts, sondern suche nach der Bedeutung von Gärung. Hat was mit Bier zu tun, das ist mir als gebürtige Münchnerin klar. Hoffentlich wissen die Männer, worüber sie reden. Sie fachsimpeln weiter und kommen zum Schluss, dass man erst mal in Ruhe Ideen sammeln müsse, dann in Ruhe alles ausmessen würde, um dann in Ruhe eine wirklich perfekte Garteneckbank zu fertigen. Als unsere Besprechung vorbei ist, frage ich Schneider, was denn eine Gärung sei. Er schaut mich an, reibt sich das Kinn und sagt: «Keine Ahnung!» Mein Vater hätte es gewusst.

Steven Schneider: Als der Schreiner weg ist, der in unserem Gartenhaus eine Eckbank bauen soll, sagt Schreiber zu mir: «Was lange gärt, wird endlich gut», und dehnt dabei das «ä» übertrieben lang. «Wie bitte?» «Dir kann man ja alles erzählen. Hast du Angst, dich blosszustellen, wenn du zugibst, etwas nicht zu verstehen?» «Nein.» «Wieso fragst du dann nicht, was er mit Gärung meint?» Also, so was! Meine Frau kann sich aber auch aufregen.

«

Was für Gezeter wegen eines Buchstabens.»

«Das hat doch nichts mit Gärung zu tun.» «Womit dann?» «Mit etwas anderem.» «Ja? Ich warte?» «Unser Schreiner hat nicht Gärung gemeint, sondern vielleicht etwas wie Gehrung. Mit ‹e›, das hat man doch gehört.» «Na, gut. Und was bitte schön ist Gärung mit ‹e›?» «Er wird es schon wissen.» «Aber du weisst es nicht. Und hast trotzdem besserwisserisch genickt.» «Mein Gott, es hat halt etwas mit der Ecke zu tun. Da treffen Hölzer aufeinander. Wüsste ich alles selber, wozu bräuchte ich dann einen Schreiner?» Schreiber schweigt nun. Auch gut. Was für ein Gezeter wegen eines einzigen Buchstabens. Hauptsache, die Eckbank wird so gemütlich wie die meines Schwiegervaters, in der er stundenlang räsonierte, erzählte, erklärte und auf charmante Art und Weise tat, als wüsste er alles.

(Coopzeitung Nr. 40/2013)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 30.09.2013, 11:25 Uhr

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