Was tun mit all den Ferien?

Kinder haben 13 Wochen Ferien, die berufstätigen Eltern vier oder fünf. Das ist für viele ein Problem, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Abhilft schaffen zum Beispiel Ferienlager oder Tagesausflüge zu einem bestimmten Thema – etwa «Schmetterlinge».

Coopzeitung: Sie haben sich auch viel mit unserem gesellschaftlichen System und der Kindererziehung befasst. Sind Schulferien für Eltern ein organisatorisches Problem?
Margrit Stamm: Ich glaube, es ist für berufstätige Eltern ein Problem, 13 Schulferienwochen zu überbrücken. Allerdings hört man vergleichsweise wenig Klagen. Die meisten haben sich eingerichtet und eine Lösung für sich gefunden.

Was tun alle diese Eltern?
Wie kann man Kinder in den Ferien beschäftigen? Wir haben in einer Studie festgestellt, dass 70 Prozent der Kinder Eltern haben, die beide arbeiten, zumindest Teilzeit. Aber die Betreuungsverhältnisse sind sehr unterschiedlich. Die wenigsten geben die Kinder nur in die Krippe. Die meisten Familien haben Mischformen von Betreuung mit Grosseltern, Nachbarn, Tagesmüttern. Das macht es schwierig, allgemein gültige Tipps zu geben. Abgesehen davon gibt es in vielen Gemeinden Ferienlager oder Kursangebote. Solche bieten etwa der WWF an oder auch Pro Juventute. Sie sind aber immer schnell ausgebucht. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Eltern gemeinsam ein Netzwerk aufbauen, um eine Ganztagesbetreuung während der Ferien anbieten zu können.

Kann man Kinder nicht auch einmal alleine zu Hause lassen?
So lernen sie, selbständig zu sein. Das ist eine Möglichkeit, wenn es sich um grössere Kinder und einen Einzelfall handelt. Sonst würde ich davon abraten. Primarschulkinder sollten nicht regelmässig unbeaufsichtigt sein, auch wenn sie das gerne hätten. Wir wissen, dass schon 4.- und 5.-Klässler relativ schnell in Einkaufszentren oder Bahnhöfen herumhängen.

Andere Ideen?
In einer unserer neuen Studien zeigt sich sehr deutlich ein riesiges Potential bei älteren Menschen, das heisst, bei solchen, die auf dem Weg in die Pensionierung sind. Viele von ihnen möchten sich in Bereichen engagieren, die gut mit einem Projekt zur Ferienbetreuung von Kindern und Jugendlichen vereinbar wären. Mit Sicherheit wäre dies eine Idee, die man weiter entwickeln könnte. Wir sprechen ja immer von „Generationenhäusern“. Das Projekt könnte ein „Generationenhaus Ferienbetreuung“ werden.

Tun hier auch die Unternehmen etwas?
Es gibt einen wachsenden gesellschaftlichen Druck, nicht zuletzt aufgrund des herrschenden Fachkräftemangels. Das führt dazu, dass Firmen beginnen, zumindest in den Sommerferien etwas für die Kinder ihrer Angestellten anzubieten – eben um diese in diesem Betreuungsengpass zu entlasten. In Deutschland gibt es das schon, der Trend zeigt sich zunehmend auch in die Schweiz.

Was macht man mit älteren Kindern? Die brauchen keine Tagesbetreuung, aber dennoch eine sinnvolle Beschäftigung?
Es gibt schon in einigen Orten Ferieninseln oder Ferienpässe. Das sind Tagesangebote zu bestimmten Themen. Die laufen sehr gut, sind aber meist schnell ausgebucht. Entwicklungspsychologisch betrachtet kann man sagen, Vorschulkinder brauchen eine umfassende Begleitung als Betreuung, Primarschulkinder brauchen eine, bei der das Erlebnis im Vordergrund steht, und Jugendliche brauchen inhaltliche Anregung. Was ich nicht empfehlen würde, ist, dass ein 14-Jähriger einfach eine Woche lang nichts zu tun hat. Das ist ungünstig.

Sollen Ferien auch dazu verwendet werden, den Schulstoff zu wiederholen?
Generell in den Ferien: nein. Kinder sollten unbedingt schulische Lernpausen einlegen können. In den Sommerferien empfiehlt sich hingegen, die letzte Ferienwoche sanft als ‚Vorbereitungswoche‘ zu nutzen. Damit meine ich aber weniger, dass man Schulstoff wiederholen, sondern sich wieder eher auf die Schule einstellen sollte und für jedes Fach in etwa weiss, wo man stehen geblieben ist. Für Kinder, die in einzelnen Fächern Schwierigkeiten haben, empfiehlt sich, in der letzten Woche mit gezieltem, jedoch kurzem Lernen zu beginnen. Dies sollte man jedoch schon vor den Ferien mit dem Kind so vereinbaren. Etwas anders sieht es bei Migrantenkindern aus. Hier sprechen wir von „Sommerloch-Effekt“, das heisst von der Tatsache, dass solche Kinder häufig das, was sie vor den Sommerferien in der deutschen Sprache beherrscht haben, wieder vergessen. Gerade für solche Kinder wäre deshalb eine Ferienbetreuung ein Segen.

Margrit Stamm

Margrit Stamm
Margrit Stamm

Man hat manchmal den Eindruck, dass viele Junge heute Mühe haben mit Langeweile.
Das ist ein Gefühl, mit dem sie nicht umgehen können, weil sie es nicht mehr kennen. Das ist tatsächlich so. Es gibt leider wenige neue Untersuchungen zu diesem Thema. Aber die, die es gibt, zeigen, dass aus der Langeweile sehr viel Kreativität kommt – wenn man diese Situation zulässt. Aber heute haben wir alle, besonders jedoch die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, jegliche Langeweile zu unterdrücken. Sie haben heute fast immer ein durchorganisiertes Tagesprogramm. Dazu kommt, dass viele Jugendliche heute praktisch überall und in jeder Situation elektronisch vernetzt und mit ihren Freunden ständig online sind.

Sollen sich Jugendliche nach Möglichkeit einen Ferienjob suchen und arbeiten gehen?
Das wäre sehr gut. Ab 13 Jahren dürfen Jugendliche in der Schweiz sogenannt leichte Arbeiten ausführen, also. kleine Erledigungen, Ferienjobs und Schnupperlehren. Die Ferienjobs boomen derzeit enorm, weil es der Wirtschaft gut geht. Wenn Jugendliche irgendwo Fenster putzen oder im Altersheim helfen, dann bekommen solche Jobs auch einen pädagogischen Wert. Jugendliche müssen sich Ziele setzen, die Zeit einteilen und sich für etwas Bestimmtes längere Zeit anstrengen. Sie erwerben damit Kompetenzen jenseits des Schulalltags, die für das spätere Leben bedeutsam sind. Weil Ferienjobs oft auch anstrengend sind, liegt es auch an den Eltern, dass sie ihren Sprössling verpflichten, einen Ferienjob anzunehmen und – vor allem dann auch - durchzuhalten.

Ab wann müssen sich Eltern keine Gedanken mehr über die Ferienplanung der Kinder machen?
Weil die Kinder nicht mehr mit den Eltern Ferien machen? Eine gute Frage. Das ist ganz wichtig, dass Eltern diese Situation im Auge haben. Da spreche ich auch aus persönlicher Erfahrung. Diese Phase kommt ganz plötzlich und man registriert oft erst spät, dass alle Kinder eine Woche weg sind und man jetzt eigentlich Zeit zu Zweit hätte. Darauf sollte man aber vorbereitet sein. Wenn die Kinder um die 14 oder 15 Jahre sind, können Eltern meist das erste Mal wieder für sich planen. Damit verbunden ist aber auch die Herausforderung, sich bewusst zu werden, dass man nun vermehrt das Leben zu zweit einrichten kann. Es ist sehr wichtig für Kinder, dass sie die Eltern auch als Paar erleben, das sich neu gestaltet oder definiert, nicht nur immer als verfügbarer Vater und als hilfsbereite Mutter. Das machen viele Paare zu wenig.

Die Eltern stehen stets in der Pflicht. Ist Erziehen heute schwieriger als noch vor 30 oder 60 Jahren?
Es ist anspruchsvoller worden, weil wir belesener sind. Der Durchschnittsmensch weiss viel mehr und macht sich viel mehr Gedanken. Früher wurde mehr intuitiv erzogen. Das war nicht zwingend besser, aber die Eltern hatten sicher weniger den Eindruck, erziehen sei ein so schwieriges Geschäft. Umfragen zeigen, dass 80 Prozent der Eltern die Erziehung grundsätzlich als schwierig empfinden.

Haben Eltern auch mehr Angst, etwas falsch zu machen?
Ja. Wobei dies vor allem die Mittelschicht betrifft. Diese Eltern konsultieren vor Entscheidungen zuerst den ersten Ratgeber und dann vielleicht noch einen zweiten, oder sie setzen schnell einmal einen Psychologen oder Therapeuten ein. In bildungsfernen Familien oder solchen mit Migrationshintergrund ist die Situation ganz anders. 
Beschäftigen sich die Eltern heute mehr oder weniger mit den Kindern als vor 30 Jahren? Eltern beschäftigen sich heute viel mehr mit ihrem Nachwuchs. Das hat erstens damit zu tun, dass mit der 5-Tagewoche die Arbeitszeiten viel kürzer geworden sind und die Kinder auch am Samstag nicht mehr zur Schule gehen. Zweitens hat sich das Bild vom Kind grundsätzlich verändert: Heute ist das Kind die Sonne, um die sich alles dreht. Vor dreissig Jahren waren die Eltern der Mittelpunkt, und in vielen Familien mussten sich die Kinder wohl oder übel selbst beschäftigen. Drittens standen mehr Geschwister und Nachbarskinder zur Verfügung, die die Eltern als Entertainer entlasteten .

Sind die Kinder auch schwieriger geworden? Die Kinder sind gleich geblieben. Sie haben ihre Charaktere oder Temperamente nicht verändert. Aber das Umfeld ist anders geworden. Es gibt keine allgemein gültigen Normen und Werte mehr, die uns früher Sicherheit gegeben haben. Dass man zum Beispiel am Tisch ruhig zu sein hatte, wenn um halb eins die Nachrichten am Radio gelaufen sind. Es waren Normen, die einfach und unhinterfragt gegolten haben. Heute dagegen ist zu viel verhandelbar. Eltern werden quasi zu Partnern ihrer Kinder.

Was Sie verlangen, klingt nach Erziehung mit eher harter Hand.
Ich würde das etwas abschwächen, aber in der Tendenz stimmt es. Vielen Kindern fehlen heute fixe Regeln, an denen sie sich festhalten können. Eltern sollten klare Vorgaben machen und durchsetzen, wie man sich wann zu verhalten hat. Das gibt den Kindern erst die Möglichkeit, sich auch mal über Grenzen hinwegzusetzen und etwas Verbotenes zu tun. Heute wird zu viel diskutiert und mit den Kindern ausgehandelt.

Das empfehlen aber alle Ratgeber. Finden Sie das schlecht?
Es soll Regeln geben, die die Eltern festlegen. Die sollen einfach in der Familie gelten und nicht verhandelbar sein. Ich denke da an die Zeit, wann kleine Kinder ins Bett zu gehen haben oder wann sie am Morgen für den Kindergarten bereit sein müssen. Auch den Medienkonsum sollen die Eltern bestimmen. Andere Dinge kann man sehr wohl besprechen, etwa welche Ausflüge man macht, wann die Hausaufgaben erledigt werden sollen et cetera. Es wäre aber falsch, alles am runden Tisch besprechen zu wollen. Da geben die Eltern ihre Erziehungskompetenz vorschnell ab.

Wie oft sehen die Kinder fern?

«

Die Kinder sehen wenig fern. An den Wochenenden und in den Ferien etwas mehr als sonst – vor allem, wenn das Wetter schlecht ist.»

Manuela Moulin
 
«

Bei uns gibt es keine TV-Beschränkung. Wir sehen täglich fern.»

Jorge Ferreira
 
«

Fern sehen die Kinder überhaupt nicht. Ich nehme den Kindern am Morgen das Kinderprogramm Caillou auf. Das dürfen sie nach der Mittagsruhe schauen. Es dauert 20 bis 25 Minuten.»

Nathalie Kohler

Margrit Stamm (63) war bis September 2012 Ordentliche Professorin für Erziehungswissenschaften der Universität Fribourg und ist heute Leiterin von Swiss Education, einem Forschungsinstitut im Bereich Bildung und Erziehung in Bern. Sie ist zudem in der internationalen Bildungsforschung in verschiedenen Ländern tätig und Gastprofessorin an Universitäten im In- und Ausland. 2011 gründete sie das schweizweit erste universitäre Zentrum für frühkindliche Bildung an der Universität Fribourg und war Leiterin des «Leading House - Qualität der beruflichen Bildung», einem Kompetenzzentrum des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie (BBT). Margrit Stamm ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

In den Ferien sollten oder könnten Kinder

TV

  • Kinder unter drei Jahren brauchen kein Fernsehen. 
  • 4- bis 5-Jährige: bis zu 30 Minuten am Tag, am besten mit einem Erwachsenen. 
  • 6- bis 9-Jährige: fünf Stunden pro Woche. 
  • 10- bis 13-Jährige: mehr eigene Verantwortung. Eltern sollten aber darauf achten, was und wie lange ihre Kinder fernsehen


Computer

  • Kleinkinder: Spezielle Spielcomputer mit besonders einfachen, wenigen Funktionen (gibts sogar schon für Babys), sind nicht sinnvoll. Die Kinder verstehen noch nicht, was passiert. Besser: Bauklötze oder Bilderbuch.
  • 3- bis 6-Jährige: nicht mehr als 30 Minuten am Tag. Eltern sollten sich am Anfang mit dem Kind zusammen an den PC setzen. Sinnvoll: z. B. Zeichen- und Malprogramme. 
  • 7- bis 11-Jährige: 60 bis 90 Minuten pro Tag.
  • Ältere Kinder auch mal länger. Aber: Gesamtspielzeit pro Woche beachten (nicht mehr als 10 Stunden).
  • Ab 12 Jahren: Maximal zwei Stunden am Tag. Wenn Schule, Freunde, Familie nicht drunter leiden, darf es am Wochenende auch mal länger sein. Sonst klare Regeln aufstellen, etwa einen Spielstunden-Plan.

Anderes

  • Bestimmte, nur für die Ferienzeit geltende Ämtli übernehmen (vorher besprechen).
  • In der letzten Sommerferienwoche max. eine Stunde pro Tag sich wieder mit der Schule beschäftigen.
  • In allen Ferien sollten Kinder über grosse Teile der Zeit als (schulbezogen) lernfrei verfügen können.
  • Sie sollen den Tagesrhythmus ändern können (später ins Bett, später aufstehen) – aber mit einer Angewöhnungszeit an den schulischen Rhythmus in der letzten Ferienwoche.
  • In ein Ferien-Lager gehen und so Unabhängigkeit von den Eltern und eine neue Art von Selbstständigkeit und Selbstverantwortung üben. 
  • Ab ca. 14 Jahren einen Ferienjob übernehmen und mit dem verdienten Geld gezielt auf eine gewünschte Anschaffung hin sparen. Ferien-Tipps

Um die eigene Kreativität etwas anzustossen, finden Sie hier eine Liste mit Ideen für die nächste Ferienbeschäftigung mit Ihren Kindern:

  • Im Garten oder im Wald eine Woche lang zelten Mitternachtsspaziergänge 
  • Einen Feldstecher kaufen und im Wald Tiere beobachten 
  • Ein Pflanzenerkennungsbuch kaufen und auf Spaziergängen dieses anwenden (und ein ‚Herbarium‘ anlegen, also eine Sammlung getrockneter/gepresster Pflanzen) 
  • Eine Schnitzeljagd veranstalten 
  • Die kantonalen Angebote studieren: Schloss- und Museumsbesuche 
  • Ein Malatelier für die eigenen Kinder und die Nachbarskinder planen 
  • Zinnsoldaten giessen und Schlachten nachstellen (Schweizer Geschichte!) 
  • Ein Musikinstrument für eine Woche mieten und sich von einem Spezialisten einführen lassen 
  • Während einer Woche eine Kochschule einrichten für die eigenen Kinder und andere 
  • Ein spannendes Buch, auf das man sonst nicht gestossen wäre, gemeinsam und mit Kollegen und Kolleginnen lesen und diskutieren. 
  • Eine Zusammenstellung guter Videos machen und eine Videoreihe mit anderen Kindern veranstalten.

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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Philipp Zinniker
Veröffentlicht:
Montag 23.09.2013, 14:29 Uhr

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