Adrian Möhl im Tieflandregenwald.

Wegträumen: Es grünt so grün

Die grossen Pflanzenhäuser der botanischen Gärten sind im Winter Inseln zum Aufwärmen, Staunen und Träumen. Ein Besuch in Bern.

Vor dem Palmenhaus des Botanischen Gartens Bern liegt Schnee, …

Vor dem Palmenhaus des Botanischen Gartens Bern liegt Schnee, …
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Draussen der frisch gefallene Schnee, drinnen 25 Grad, die spürbar hohe Luftfeuchtigkeit, unter uns ein grünes Blätterdach – die Szenerie hat etwas Surreales an sich. Real ist aber: Der Aufenthalt im Palmenhaus des Botanischen Gartens der Universität Bern (Boga) hilft, einen Winterblues zu überwinden. Zumindest Adrian Möhl (46). Und Adrian Möhl ist oft hier, am liebsten oben, auf der Empore. Nicht, weil er ein besonders depressives Gemüt wäre, sondern «weil mir der Aufenthalt in diesem künstlichen Tieflandregenwald einfach gut tut». Möhl ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Boga und hat auch schon ein Buch über ihn herausgegeben. Und Möhl liebt zwar die Jahreszeiten, mag den Winter aber nicht besonders. «Der ist mir eindeutig zu lang», sagt der Biologe. In früheren Jahren verbrachte er die kalte Jahreszeit deshalb in Südafrika, heute flüchtet er in die Schauhäuser des Boga.

Streben nach dem Licht

Hier blüht immer etwas. Auch im Winter. Oft diskret, aber wer genau hinschaut, findet allenthalben farbige Tupfer. Oder Früchte. Der Papayabaum zum Beispiel trägt das ganze Jahr über welche – ganz hoch oben, unter dem Glasdach. Wer hängenden Hauptes oder starren Blickes vor sich hin schlurft, dem werden sie verborgen bleiben. Nicht so Adrian Möhl, denn der sitzt ja oben auf der Empore und stellt sich zum Beispiel vor, er gleite mit einem Kanu über den Amazonas. Oder er blättert in den Reiseberichten Alexander von Humboldts, dessen Geburtstag sich 2019 zum 250. Mal jährt und dessen gesammelte Schriften die Universität Bern bereits in diesem Jahr neu herausgibt; auch im Botanischen Garten stehen diverse Aktivitäten zum Jubiläum auf dem Programm.

«Alles strebt nach dem Licht», sagt Adrian Möhl, «deshalb spielt sich das Leben in einem Regenwald zum grössten Teil in den obersten Regionen ab.» Die meisten Tiere und Pflanzen leben hier. Sogenannte Baumsitzer benutzen die hohen Bäume als Sitzflächen. Weil im Regenwald die Jahreszeiten weitgehend fehlen, gibt es keine feste Zeit im Jahreslauf, in der die Bäume ihre Blätter fallen lassen. Hie und da tut es trotzdem einer. «Eine hygienische Massnahme», erklärt Möhl, «so wird die Pflanze ihre Schädlinge los.»

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Pearcea hypocyrtiflora

Cymbidium tracyanum

Aechmea weilbachii – offizielle deutsche Namen gibt es nicht.

Fast alle 5500 Pflanzen im Boga sind angeschrieben. Lateinisch und, wo ein entsprechender Name existiert, auch deutsch. Der Pfefferstrauch zum Beispiel, Piper nigrum. Er ist einer der ursprünglichsten Blütenpflanzen. Und interessant dazu. Ob grüner, schwarzer, roter oder weisser Pfeffer – es handelt sich in allen Fällen um die Früchte dieser einen Art; einzig Erntezeitpunkt und Verarbeitung entscheiden über die Farbe. Oder der Kakaobaum (Theobroma cacao) mit seinen langen Blättern, dessen spektakuläre Früchte allerdings regelmässig gestohlen werden. Das gleiche Schicksal ereilte auch die Blätter des Cocastrauchs, die für ihre psychisch wirksamen Stoffe bekannt sind. Deshalb fehlt hier der Name.

Wie im Palmenhaus versucht man auch im unterhalb anschliessenden Farnhaus, die Arten der Neuen (Amerika) und der Alten Welt (Asien/Afrika) durch den Fussweg zu trennen. «Hier leben die Saurier unter den Pflanzen», wie Adrian Möhl die Palmfarne bezeichnet. Im Fokus des Besucherinteresses stehen aber oft die fleischfressenden Pflanzen, im Speziellen die Kannen- oder Krugpflanzen (Nepenthes). Eines ihrer Blätter bildet sich zu einem röhrenförmigen Schlund aus, oft versehen mit einem Deckel. Geraten Insekten hinein, sind sie verloren, denn die Wand ist extrem glitschig. Bei manchen Fleischfressern – doch solche hat der Boga nicht zu bieten – trifft es auch Mäuse oder Echsen, bei besonders grossen Exemplaren gar mal ein kleines Äffchen. Menschen dagegen nie. Sagt man.

Kampf um die Nährstoffe

… drinnen geniesst der wissenschaftliche Mitarbeiter Adrian Möhl von der Empore aus den Blick auf das Blätterdach.

… drinnen geniesst der wissenschaftliche Mitarbeiter Adrian Möhl von der Empore aus den Blick auf das Blätterdach.
http://www.coopzeitung.ch/Wegtraeumen_+Es+gruent+so+gruen … drinnen geniesst der wissenschaftliche Mitarbeiter Adrian Möhl von der Empore aus den Blick auf das Blätterdach.

Diese Beispiele zeigen, wie verzweifelt im Dschungel oft um Nahrung gekämpft wird. Das Resultat sind stark spezialisierte Pflanzen. Etwa das Elchgeweihfarn (Platycerium bifurcatum). Dieses bildet zwei verschiedene Arten von Blättern: Die einen bilden einen Korb, die anderen, elchgeweihförmig und sporentragend, wachsen in die Höhe, verdorren und fallen in den Korb – die Pflanze kompostiert und ernährt sich selber.

Es gäbe noch viel Faszinierendes, Aussergewöhnliches und Erstaunliches zu berichten. Zum Beispiel aus dem dritten grossen Schauhaus, dem Sukkulentenhaus. Oder den drei kleineren, dem Orchideen-, dem Mittelmeer- und dem Steppenhaus. So viel hätte man dem Botanischen Garten in der kalten Jahreszeit gar nicht zugetraut. Am besten, man nimmt an einer Führung teil, ehe die Winterdepression knallhart zuschlägt.

  

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Weitere Informationen hier.

Das Buch zum Botanischen Garten Bern

http://www.coopzeitung.ch/Wegtraeumen_+Es+gruent+so+gruen Wegträumen: Es grünt so grün

Beat Fischer, Thomas Mathis, Adrian Möhl (Hrsg.): «Erdbeerbaum & Zaubernuss – Pflanzengeschichten aus dem Botanischen Garten Bern». Im Buchhandel oder für Fr. 11.40 hier bestellbar.

Botanica ist eine Initiative der botanischen Gärten der Schweiz. Informationen zu ihren Mitgliedern und Tätigkeiten finden Sie hier.

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Philipp Zinniker
Veröffentlicht:
Montag 29.01.2018, 09:00 Uhr

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