Christine Gordon und ihr Mann Gerard beim Rumalbern mit der mit Süssigkeiten gefüllten Piñata.

Tradition hat Tradition

Rund um den Globus wird Weihnachten gefeiert. Immer anders. Und doch immer gleich: Nämlich so, wie man es immer gemacht hat. Mal mit Schneehuhn, mal mit Spanferkel.

Christbaum, Chinoise und Klein Cédric, der mit der Flöte gegen die Stille Nacht ankämpft: So oder ähnlich sieht Heiligabend bei einer Schweizer Familie aus.
Logisch? Mitnichten! Vier in der Schweiz lebende Familien zeigen, wie man das Fest in ihrer Heimat feiert:

Mexico

«Bei uns beginnt das Fest am 16. Dezember», sagt Christine Gordon. Nicht, dass in Mexiko die Uhren anders laufen, aber dann steht die erste Posada an, die vorweihnachtliche Feier, die neun Tage dauert. «Man trifft sich und spielt mit traditionellen Wechselgesängen die Herbergsuche von Maria und Josef nach.» Dann wird gegessen: Tamales, in Maisblätter eingewickelte Küchlein, oder Tostadas, Tortillas mit Bohnenmus. Und Tequila in Strömen? Die 33-Jährige lacht: «Nein, heisse Schokolade mit Zimt oder Punsch mit Früchten.»

Nach der Posada ist vor der Posada
Für die Kinder heisst Posada vor allem Piñata – «die muss sein!». Mit verbundenen Augen schlagen sie nach der bunten, mit Süssigkeiten gefüllten Figur und hoffen auf den süssen Regen. Bis zum 24. Dezember steht täglich eine Posada an. An Heiligabend feiert dann ganz Mexiko so in den 25. Dezember hinein. Nach der Mitternachtsmesse – Pflicht! – wird daheim das Jesuskind in die Krippe gelegt. Die Krippe steht schon Tage zuvor in den Häusern, dafür kennt man keine Adventskränze. Auch keine Weihnachtsbäume: «Unser Christbaum ist der Weihnachtsstern», stellt Gordon fest. Gegessen wird Schinkli, wie in vielen Schweizer Familien ja auch.  «Eines der traditionellen Gerichte ist Beinschinken», sagt die Lehrerin. Teilweise werde dieser mit Nelken gespickt, immer dabei ist aber eine dicke, würzige Sauce. «Oft wird auch ein Salat aus Äpfeln, Ananas, Rosinen gegessen, der mit Rahm angemacht ist.» Dass die Urdorferin keine Geschenke erwähnt, ist kein Versehen: Die gibt es nicht, «nicht an Weihnachten». Denn wie in der Bibel bringen in Mexiko die Heiligen Drei Könige die Geschenke, Bescherung ist also am 6. Januar.

http://www.coopzeitung.ch/Weihnachtsbraeuche Weihnachtsbräuche
«

Unser Christbaum ist der Weihnachtsstern.»

Christine Gordon (33), geboren in Mexiko

Island

Drei Könige? Kennt man nicht in Island. Auch kein Christkind und keinen Weihnachtsmann. Dafür 13 Weihnachtskerle, die «Jólasveinar», von denen ab dem 16. Dezember jede Nacht einer aus den Bergen in die Dörfer herabsteigt. «Das sind echte Lausbuben», sagt Jon Adalsteinsson (49), der mit der Familie in Brugg wohnt. Die «Jólasveinar» spielen Streiche oder bedienen sich an Vorräten. Die Namen sind dabei Programm, egal, ob Kellenlecker, Fenstergucker oder Türenknaller. Ganz so ruppig wie einst seien die 13 nicht mehr, sagt Adalsteinsson. «Heute ist es so, dass die Kinder abends ihre Schuhe rausstellen und hoffen, dass der Weihnachtskerl eine Süssigkeit reinlegt.» Wer nicht artig war, findet im Schuh allerdings eine alte
Kartoffel.

Familie Adalsteinsson aus Island beim Verzieren von Laufabrauð.

Familie Adalsteinsson aus Island beim Verzieren von Laufabrauð.
http://www.coopzeitung.ch/Weihnachtsbraeuche Familie Adalsteinsson aus Island beim Verzieren von Laufabrauð.

23. Dezember: Es riecht streng
Weihnachtsguetzli sind auch in Island ein grosses Thema. «Jedes Jahr sind andere Sorten angesagt, das ist immer ein Riesenthema, was im Trend ist und was nicht», sagt Adalsteinssons Frau Hilma Sveinsdottir. Nebst Guetzli macht man auch Laufabrauð – Weihnachtsbrot. Dafür sitzt die Familie zusammen und ritzt kunstvolle Verzierungen in das Gebäck. Am 23. Dezember trifft man sich zudem zu «kæst skata»: Gammelrochen, gebraten in Hammelfett, serviert mit Kartoffeln. «Das stinkt wie die Hölle», gesteht Adalsteinsson. Dennoch pflegt die Familie diese Tradition, «wir bleiben aber draussen im Garten». Heiligabend ist auch in Island das Fest der Familie: Punkt 18 Uhr gehts los und dann muss alles perfekt sein – die Kinder neu eingekleidet, das Haus geputzt und dekoriert, das Essen vorbereitet. Auf den Tisch kommt bei den Adalsteinssons Schneehuhn, zubereitet mit Beeren und Kräutern aus der alten Heimat. «Das ist klassisch», erklärt der Unternehmer. Auch geräuchertes Lamm – Hangikjöt – werde oft gegessen, «in unserer Familie steht das aber am 25. Dezember auf dem Menüplan».

Eritrea

Die Kaffeezeremonie gehört zur eritreischen Weihnacht: Nazareth Berhe (r.) mit ihrer Tochter Samhar.

Die Kaffeezeremonie gehört zur eritreischen Weihnacht: Nazareth Berhe (r.) mit ihrer Tochter Samhar.
http://www.coopzeitung.ch/Weihnachtsbraeuche Die Kaffeezeremonie gehört zur eritreischen Weihnacht: Nazareth Berhe (r.) mit ihrer Tochter Samhar.

Für Nazareth Berhe beginnt Weihnachten spät, nämlich erst am 6. Januar: Heiligabend nach Julianischem Kalender. «In Eritrea kennen wir keine Adventszeit mit Adventskranz oder -kalender», sagt sie. Dafür werde gefastet, wie es bei orthodoxen Christen üblich ist. «Wir feiern immer mit vielen Leuten, mit der Familie, Freunden und Nachbarn», erzählt Berhe, die in Zürich wohnt. «Es ist Brauch, dass für das Fest eigens ein Schaf geschlachtet wird, ist das nicht möglich, zumindest ein Huhn.» Gegessen werde das Fleisch mit Injera, ein traditionelles Fladenbrot, und scharfen Saucen. Dazu gibts Säfte, eritreisches Bier, Wein und auch mal einen Schnaps. «Das Dessert ist bei uns nicht so wichtig», sagt Berhe; Früchte, Popcorn oder Himbasha – ein speziell geformtes Brot, das nur an Feiertagen
gegessen wird.

Geschenke gibts an diesem Abend ebenfalls. «Kleider oder Schuhe.» Selber habe sie sich als Kind immer unsäglich darüber gefreut, sagt Berhe. «Wir sind immer sofort mit den neuen Kleidern rausgegangen, um sie allen zu zeigen.» Ein Mitbringsel der ehemaligen italienischen Kolonialmacht ist der Brauch, Bäume zu schmücken. «Halt solche, wie sie bei uns wachsen.» Als Schmuck dienen Mandarinen, Nüsse und Bonbons. «Das alles darf direkt vom Baum genascht werden.» Nach dem Essen gehts in die Kirche: In Eritrea verbringt man fast die ganze Nacht dort. Zur Stärkung steht dann am Morgen eine Kaffeezeremonie an: «Das gehört zu uns», sagt Berhe, die seit 26 Jahren in der Schweiz lebt. «Wenn ich Gäste habe, bereite ich den Kaffee immer so zu.» Die Bohnen werden geröstet und allen Anwesenden zum Riechen dargeboten, ehe sie gemahlen werden und der Kaffee aufgebrüht wird. «Das Pulver wird mindestens noch ein zweites und drittes Mal aufgebrüht.» So schnell kommt darum niemand ins Bett.

Russland

Weihnachten am Genfersee? Für Katerina Podlenova kein Thema. Für dieses Fest gehts zurück in die Heimat! Wie Eritrea feiert auch Russland erst im Januar. Wichtig ist vor allem Heiligabend (6. Januar): «Morgens gehen die Leute in den Städten spazieren, dort werden vor Weihnachten überall grosse Tannenbäume aufgestellt», erzählt sie. «Die meisten schlendern dann noch über einen Weihnachtsmarkt, man fährt Schlittschuh oder macht eine Ausfahrt mit einem Pferdeschlitten.» Das charakteristische Schellen der Pferdegespanne habe sie beim Gedanken an Weihnachten immer in den Ohren, sagt Katerina Podlenova.

Weihnachten ohne Kartenlegen? Für Katerina Podlenova undenkbar.

Weihnachten ohne Kartenlegen? Für Katerina Podlenova undenkbar.
http://www.coopzeitung.ch/Weihnachtsbraeuche Weihnachten ohne Kartenlegen? Für Katerina Podlenova undenkbar.

Schlemmen ohne Ende
Selber feiere sie das Fest meist bei ihren Eltern. «Oft sind auch Tanten, Onkel und Grosseltern mit dabei, und auch Freunde.» Sie schwärmt vom Essen: «Die Tische biegen sich unter zahlreichen Gerichten und alles ist unglaublich lecker.» Als traditionelle Weihnachtsgerichte gelten Spanferkel, Ente mit Äpfeln oder Kaninchen in Rahmsauce. «Auf den Tisch gehören aber auch Fleisch- oder Geflügelpasteten und verschiedene Salate.» Serviert werde auch Eingemachtes wie Essiggurken oder eingelegte Wassermelonen. «Bei uns ist es üblich, alle Gerichte zusammen auf den Tisch zu bringen, einzig  das Dessert wird separat serviert», sagt die 27-Jährige. Und: Man feiert mit Ausdauer. «Wer kann, feiert die Nacht durch.» Auch bei der Dekoration legen sich die Russen ins Zeug: Fassaden, Türen, Fenster … alles wird geschmückt. Ein Muss sei auch der Weihnachtsbaum. «Bei uns liegen jedoch keine Geschenke darunter.» Natürlich werden auch Geschenke verteilt, allerdings bringt «Väterchen Frost» diese zu Neujahr. Einen Weihnachts-Moment hat Podlenova ganz besonders in Erinnerung: Wie ihre Mutter ihr jeweils die Karten gelegt hat. «Das ist Tradition», erzählt sie. «Die Mädchen ziehen Karten, um sich ihre Zukunft daraus lesen zu lassen. Wir wollen nämlich wissen, was uns die Zukunft bringt, vor allem, was die Ehemänner angeht.»

An Festen werden soziale Bande gepflegt

«An Festen werden soziale Bande gepflegt»Weihnachten ist überall auf der Welt ein Fest der Familie ...
Das wird es auch bleiben: Das feiern von Festen dient auch dazu, soziale Bande zu pflegen. Durch das gewohnte Ritual fühlt man sich zudem als Teil eines – seines – sozialen Umfelds.

Auch an Ostern pflegt man Ritu-ale, warum ist Weihnachten für die meisten stärker mit der Famile verbunden?
Weihnachten hat einen speziellen Symbolcharakter: Aus historischer und religiöser Sicht wird an Weihnachten die Geburt von Gottes Sohn, aber auch die Schaffung der Familie von Maria, Josef und Jesus gefeiert. Dieses für Christen und auch Nicht-Christen starke Symbol ist das Fundament des Weihnachtsfests.

Hat das Christkind – das im 19. Jahrhundert aufkam – Weihnachten und seine Bedeutung nicht durcheinandergebracht?
Das Christkind brachte sicher eine grosse Veränderung, es wäre jedoch vermessen zu behaupten, dass es alles durcheinandergebracht hat. In manchen Kreisen hat die Idee sicher eine wahre Revolution verursacht, aber nicht bei allen: Wie stark man Veränderungen mitmacht, entscheidet jeder Einzelne oder jede Gruppe selber.

Spielt das Christliche überhaupt noch eine Rolle bei Weihnachten?
Weihnachten wird in verschie-densten Formen gefeiert, laufend kommen  neue hinzu. Bei manchen spielt der christliche Aspekt tat-sächlich keine Rolle mehr. Teilwei-
se stehen diese sogar im Wider-spruch zum religiösen Fest.

Dann stimmt es, dass Weihnach-ten mit Weihnachten gar nichts mehr zu tun hat?  
Davon betroffen sind mehr oder weniger alle Feste oder bedeut-samen Ereignisse unserer Gesell-schaft: Ein Fest, das wir regel-mässig feiern, wird nie genau gleich wiederholt. Der Mensch nimmt das Erlebte auf, wodurch sich die Feste in ihrer Bedeutung verändern. Sie werden vielschichtiger.

Interview geführt von Anne-Marie Cuttat

HaIti

Gefeiert wird mit einer bis zu vier Stunden dauernden Mitternachtsmesse, erst danach wird gegessen. Typisch sind die «fanaux»-Laternen mit Kerzen in  Form kleiner Kirchen.

Ägypten

Herzstück ist die koptische Mitternachtsmesse, sie markiert das Ende der Fastenzeit. Danach gibt es zu Hause «Fata»: Brot mit Reis und gekochtem Fleisch sowie Knoblauch.

Griechenland

Statt Bäumen werden kleine Segelboote dekoriert. Am 24. ziehen Kinder von Haus zu Haus und singen. Zu essen gibts Kastanien und mit Dörrfrüchten gefüllten Truthahn.

Japan

Japan hat keine echte  Weihnachtstradition, dennoch wird gefeiert. Dies in etwa wie der Valentinstag: Junge Menschen erklären sich ihre Liebe und tauschen Geschenke aus.

Argentinien

Christbaum und Krippe werden am 8. Dezember aufgestellt. Erst in der Weihnachtsnacht wird das  Christkind in die Krippe gelegt. Gegessen werden kalte Speisen.

Äthiopien

Gefeiert wird am 7. Januar. Weiss gekleidet geht man um 4 Uhr früh zur Messe, üblich ist die Prozession rund um die Kirche mit einer Kerze in der Hand. Kinder erhalten neue Kleider.

La Réunion

Am 24. Dezember trifft sich die Familie nach der Mitternachtsmesse zu einem festlichen Essen mit kreolischen Spezialitäten. Das Abbrennen von Feuerwerk ist weitverbreitet.

Australien

An Weihnachten beginnen die Sommerferien: Gefeiert wird oft am Strand. Die Bräuche sind ähnlich wie in den USA: Der Weihnachtsmann trägt «Pelz» –in der brütenden Hitze.

PhilippinPhilippinen

Die Weihnachtszeit startet im September. Ab dem 16. Dezember gibt es Frühmessen, Blaskapellen marschieren dann durch die Gassen. Am 24. Dezember geht niemand schlafen.

Weitere Bräuche finden Sie hier:

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Regula Bättig

Redaktorin

Foto:
Bettina Matthiessen, Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 15.12.2014, 19:55 Uhr

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