Das Erfolgsrezept für Schweizer Wein heisst:  Weniger ist mehr.

Wein-Wunder: Von Saulus zu Paulus

Der Wein hat eine jahrtausendealte Geschichte. Hierzulande galt lange das Vorurteil von Masse statt Klasse. Das hat sich zum Glück geändert.

Kaum ein Lebensmittel hat eine längere Geschichte als der Wein. Und keines hat die Menschen mehr bewegt als der Saft vergorener Trauben. Ausgrabungen im südöstlichen Mittelmeerraum lassen vermuten, dass die Menschen schon vor 10 000 Jahren, also in der Steinzeit, eine Art Wein herstellten. Gesichert ist, dass in Vorderasien, etwa in Mesopotamien, schon lange vor Christi Geburt gewerbsmässig Wein gekeltert und an religiösen Festen getrunken wurde. Und das interessanterweise in Ländern, in denen der Alkohol alsbald dem Bannstrahl der Religion zum Opfer fiel. Allerdings behaupten natürlich nur böse Zungen, dass es seither mit den Hochkulturen in diesen Gegenden ein wenig hapert.

Die Walliser, wer sonst?

Der römischen Expansionspolitik sei Dank, fand der Wein in Europa rasend schnell Verbreitung. Auch in der Schweiz. Zwar konnten Archäologen nachweisen, dass bereits zwischen dem 8. und 6. Jahrhundert vor Christus Reben kultiviert wurden, und zwar – wen wunderts? – im Wallis. Aber mit ihrem Wissen über die Vinifizierung und der Unterscheidung von verschiedenen Rebsorten legten die Sandalenträger das Fundament für die Weinkultur in der Schweiz, wie wir sie heute kennen. Von einem Volk, das einen Gott namens Bacchus im Schlepptau hat, darf man schliesslich auch etwas erwarten.

Nun, die Römer gingen, der Wein blieb und fand 516 auch seine erste urkundliche Erwähnung hierzulande. Und zwar in der Abtei St. Maurice – natürlich im Wallis.

Eine tragende Rolle bei der Verbreitung des Weins fiel im Mittelalter den Zisterzienser-Mönchen des Klosters Dézalay in der Waadt zu. Die Abtei zählte zu den ersten Weingütern der Schweiz und existiert noch heute. Offenbar war die Nachfrage nach Messwein riesig, denn gesamteuropäisch war die Weinanbaufläche damals rund vier Mal so gross wie heute. Angesichts der deutlich geringeren Bevölkerungszahl kann davon ausgegangen werden, dass im 16. Jahrhundert gegen 200 Liter Wein pro Kopf und Jahr gebechert wurden. In Anbetracht der rund 35 Liter, die wir heutzutage in der Schweiz trinken, eine erstaunliche Menge. Dies umso mehr, als der Wein damals kaum den heutigen geschmacklichen Vorstellungen entsprach. Nur logisch, dass die Mönche ziemlich findig darin waren, den Wein durch die Zugabe von Honig, Kräutern und Gewürzen trinkbarer zu machen.

Das hätte immer so weitergehen können, wäre den Schweizer Weinproduzenten nicht bereits im 17. Jahrhundert Konkurrenz durch französische Winzer aus dem unteren Rhonetal entstanden. Und als ob dem nicht genug gewesen wäre, schlugen Ende des 19. Jahrhunderts auch hierzulande Rebkrankheiten wie der Mehltau oder die Reblaus unbarmherzig zu und reduzierten die Rebbaufläche um mehr als die Hälfte.

Schlechter Ruf

Das hinderte die hiesigen Winzer allerdings nicht daran, zu produzieren, was der Rebberg hergab. Bis weit in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts wurden hierzulande vorwiegend Weissweine produziert. Und das zumeist in einer Qualität, in welcher eindeutig Masse vor Klasse ging, was den nicht gerade positiven Ruf der Schweizer Weine prägte. Erträge von bis zu vier Kilo Reben pro Quadratmeter galten als Usus. Heute zieht man beim Chasselas in der Regel bei einem Kilo die Bremse. Ganz freiwillig passierte diese Reduktion allerdings nicht. Erst der Rebbaubeschluss des Bundes von 1992 schrieb den Produzenten klare Mengenbeschränkungen sowie Herkunfts- und Qualitätsbezeichnungen vor.

Wandel der Zeit

Weinlese im Wallis anno 1934.

Weinlese im Wallis anno 1934.
http://www.coopzeitung.ch/Wein_Wunder_+Von+Saulus+zu+Paulus Weinlese im Wallis anno 1934.

Zusammen mit der Liberalisierung des Weinimports 2001 sorgte diese Massnahme für den grössten Qualitätssprung beim Schweizer Wein überhaupt. Merke: Sanfter Druck kann eben doch Wunder bewirken. Und den Rest macht das Klima. Immerhin lassen sich seit geraumer Zeit auch spät reifende Sorten wie Cabernet Sauvignon kultivieren. Kein Wunder, stellen Rotweine in der Schweiz seit geraumer Zeit die Mehrheit. Und Schweizer Winzer bringen heute Spitzenprodukte auf den Markt. Nur weiss das im Ausland fast niemand. Das macht aber nichts. Denn solange russische Oligarchen, chinesische Selfmademillionäre und saudische «Weinsammler» lieber mit Bordeaux, Burgunder und Co. angeben, bleibt mehr Schweizer Wein für uns übrig. Zum Wohl!

Anstandswein

Kennen Sie noch französische Zwiebelsuppe? Angeröstete Zwiebeln, aufgegossen mit bester Bouillon, dann eine Scheibe Baguette obendrauf und viel geriebener Gruyère. Das Ganze kommt erst unter den Backofengrill und dann knallheiss auf den Tisch – nix für Menschen mit einer Fixierung auf Tischmanieren, denn Schlürfen und Fädenziehen sind fast unvermeidlich. Da soll wenigstens ein Glas Wein für etwas Anstand sorgen! Was dazu passt? Na, Chasselas natürlich. Er ist nicht umsonst abonniert auf heissen Käse. Dieser frische 2016er von der Genossenschaft in Yvorne ist das beste Beispiel: Rund, mit viel Schmelz, aber zugleich straff und frisch mit Aromen von Äpfeln und reifen gelben Früchten adelt er das Trio Zwiebelsuppe, Brot und Käse.

Yvorne Chablais AOC Association Viticole d’Yvorne, 2016

http://www.coopzeitung.ch/Wein_Wunder_+Von+Saulus+zu+Paulus Wein-Wunder: Von Saulus zu Paulus

Preis: Fr. 15.95/70 cl
Herkunft: Schweiz/Waadt
Rebsorten: Chasselas
Genussreife: 2018–2019
Erhältlich: in grösseren Coop-Läden und bei Mondovino.

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Stefan Fehlmann

Redaktor

Text:
Britta Wiegelmann
Foto:
Getty Images, weinweltfoto.ch, zvg
Veröffentlicht:
Montag 12.02.2018, 09:47 Uhr

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