Weltenwende

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Schneider: Er sei voller Faszination, der Tod, sagte mir vor Jahren mein Zürcher Hausarzt. Ich erschrak. Mein Schwiegervater war gerade gestorben. Jetzt verstehe ich. Der Tod ist traurig, aber wie die Geburt ein grosses Geheimnis.

Ich gehe durch die Innenstadt Zürichs und denke daran, wie flüchtig die Grenze zwischen den Welten ist, nur ein letzter Atemzug. Danach hört man den anderen nie mehr lachen und der Fluss der Liebe strömt nur noch in eine Richtung.

«

Die Grenze zwischen den Welten: ein letzter Atemzug.»

Vor mir spurtet eine Frau mit Kinderwagen übers Trottoir, sie versucht sich in ein Kaffee zu zwängen, doch eine andere nervöse Dame lässt vor ihr die Tür zufallen. Der Kinderwagen steckt fest, ich helfe, die junge Frau lächelt. Einige Schritte weiter spricht mich ein Mann an. Ob ich Kleingeld hätte? Ich zücke das Portemonnaie.

Die Lichter der Stadt tun gut. Zu Hause werde ich wieder Kerzen anzünden; ich werde wie immer mit der Fotografie reden. Eine Antwort erhalte ich nicht; vielleicht später, in einem Traum. Oder durch ein Zeichen, wie damals, als eine Blaumeise in unserer Küche landete. Schreibers Vater liebte Blaumeisen.

Ich blicke auf die Uhr. Das Leben ist bloss ein Lauf ans eigene Ende. Zeit, mich zum Treffpunkt aufzumachen.

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Schreiber: Schneider wollte allein durch die Stadt flanieren, seinen Gedanken nachhängen, meinte er. Ich kann ihn gut verstehen. Das Jahr geht zu Ende, und es ist ein Jahr, an dessen Ende jemand fehlt. So schmerzhaft fehlt.

Ich sitze an der Wärme in unserem Lieblingskaffee. Schneider wird wohl noch ein Weilchen unterwegs sein. Vor mir dampft ein Kännchen Tee, ich schau mich um: Gemütlich ist es hier, nicht modern durchgestylt, sondern mit alten und neuen Möbeln eingerichtet. Verspielt, kreativ. Erinnert mich an Kapstadt. Ich werfe einen Blick auf mein Handy, wische mich durch alte Ferienfotos, finde endlich das Bild, das ich suche.

«

Das Jahr geht zu Ende. Und jemand fehlt.»

Ein Plakat mit klugen Sätzen. Habe ich damals in Kapstadt in einem Kaffee entdeckt und fotografiert. Darin geht es um Vorschläge für ein erfolgreiches Leben. Formuliert hat diese Merksätze ein Amerikaner und mit Erfolg meinte er weder Geld noch Karriere.

Ich vergrössere das Foto: «21 Suggestions for Success», von einem H. Jackson Brown Jr. Moment, wo ist er, der Merksatz, den ich Schneider als Trost vorlesen möchte?

Da. Der letzte ist es: «Don’t do anything, that wouldn’t make your mom proud.» Tu nichts, was deine Mutter nicht stolz machen würde.

 (Coopzeitung Nr. 52/2016) 

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 26.12.2016, 16:00 Uhr

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