Begabt, ambitioniert und erfolgreich sollen sie sein: Die Erwartungen an die Kinder von heute sind hoch.

Wenn Kinder zusammenbrechen

Stress macht auch vor Kindern nicht halt. Experten zufolge fühlen sich schon Primarschüler häufig überfordert und sind erschöpft. 

Mia und Anna sind beste Freundinnen. Allerdings sehen sich die beiden 8-jährigen Mädchen meist nur in der Schule. Die Verpflichtungen in Schule und Freizeit lassen ihnen kaum Zeit für ein spontanes Treffen. Mal hat Mia Ballett- oder Musikunterricht, und Annas Nachmittage sind mit Reiten, Schwimmen oder Förderstunden in Deutsch ausgefüllt. Mia und Anna sind aus Basel, könnten aber überall in der Schweiz leben.

Andreas Diethelm, Burnout-Coach

Es trifft die Eifrigen
«Schulkinder haben heute nicht selten eine 50-Stunden-Woche. Kindergerecht ist das nicht», sagt der Burnout-Coach Andreas Diethelm (52). In der Schweiz leidet offenbar bereits jedes dritte Schulkind unter Stresssymptomen, wie eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigt. Im Extremfall kann aus der ständigen Überforderung eine Erschöpfungsdepression entstehen. Diethelm beobachtet mit Sorge, dass immer mehr Kinder unter der Last ihrer Aufgaben zusammenbrechen und erzählt von Valentin. Der 10-Jährige war plötzlich ständig müde und schlief trotzdem schlecht. Er ging nur noch widerwillig zur Schule und zog sich an den Nachmittagen in sein Zimmer zurück. Seine Eltern machten sich Sorgen, weil er häufig über Bauchschmerzen klagte. Dennoch glaubten sie lange an eine entwicklungsbedingte Phase. Schliesslich war Valentin immer ein pflichtbewusster Schüler gewesen. Auch bei seinen zahlreichen Hobbys hatte er stets gros-ses Engagement gezeigt. «Bei den Betroffenen handelt es sich häufig um eher introvertierte Kinder, die alles richtig machen möchten und ihre Ämtli gewissenhaft erledigen», sagt Andreas Diethelm. «Häufig stammen sie aus Familien, in denen die Eltern hohe Massstäbe bei sich selbst und bei ihren Kindern anlegen.» Erst eine intensive Familienberatung habe bei den Eltern von Valentin für ein Umdenken gesorgt und seinen langen Leidensweg beendet.Heute habe der Junge zwar nur noch ein Hobby, sei aber deutlich zufriedener.

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Langeweile ist manchmal gar nicht so schlecht, ja sogar nötig.»

Andreas Diethelm, Burnout-Coach

Eltern machen Druck
«Viele Eltern wollen für ihr Kind nur das Beste, schiessen dabei aber übers Ziel hinaus», sagt Dagmar Pauli (52), Chef-ärztin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes der Stadt Zürich. Besonders belastend sei eine Diskrepanz zwischen den Anforderungen des Umfelds und dem, was ein Kind tatsächlich zu leisten imstande sei. «Dies kann beispielsweise entstehen, wenn das Kind eher langsam lernt, die Familie aber will, dass es eine bestimmte Schulstufe erreicht.» Die Verantwortung liege aber nicht nur bei den Eltern, betont Pauli. Auch die Schule selber verlange den Kindern enorm viel ab. Durch Nachmittagsunterricht, «Uffzgi» und Lernen seien sie – auch ohne Hobbys – sehr eingespannt. «Das System provoziert geradezu eine Überforderung. Da können auch stabile Kinder eine Krise bekommen.»

Kinder: Wie gestresst sind sie?

Überdiagnostiziert?
Eileen Pfenninger (40) sieht es als ihre Aufgabe an, genau dies zu verhindern. Die Primarlehrerin unterrichtet seit 16 Jahren an einer Primarschule in Therwil BL. Ein Kind mit einer Erschöpfungsdepression hat sie in dieser Zeit nicht gesehen, wohl aber Kinder, die gestresst waren. «Stress gehört zum Leben dazu. Kinder brauchen aber Unterstützung, um damit umgehen zu lernen.» Schulkinder stünden heute nicht stärker unter Druck als früher, der Stress habe aber viele neue Namen erhalten. «Erst ADHS und jetzt auch noch Burnout – Kinder werden heute beim kleinsten Anlass von Spezialisten unter die Lupe genommen und erhalten immer häufiger irgendein Etikett.» Manchmal frage sie sich, ob eine solche Diagnose manchen Eltern gerade recht komme. Schliesslich zeige sie, dass man selbst nichts falsch gemacht habe. «Viele dieser Diagnosen wären unnötig, wenn Eltern ihre Kinder in ihrer individuellen Entwicklung unterstützen würden», sagt Eileen Pfenninger. Leider sei in zu vielen Haushalten jeder – egal ob Gross oder Klein – mit dem beschäftigt, was er selber tun und erledigen müsse, meint der Burnout-Coach Andreas Diethelm.

Stressfaktor Smartphone: Wer keins hat, ist sozial isoliert.

Stressfaktor Smartphone: Wer keins hat, ist sozial isoliert.
http://www.coopzeitung.ch/Wenn+Kinder+zusammenbrechen Stressfaktor Smartphone: Wer keins hat, ist sozial isoliert.

Das Smartphone stresst auch
Die wenige Zeit, die nach Erledigung aller Pflichten bleibt, verbringen immer mehr Kinder am Smartphone. Rund die Hälfte aller 6- bis 13-jährigen Kinder in der Schweiz besitzt eines, wie eine Studie der Zürcher Hochschule der Wissenschaften zeigt. «Viele Kinder dürfen es auch in die Schule mitnehmen», sagt Diethelm. Dort sei es die Hauptattraktion. «Anstatt sich auszutoben, sitzen dann bereits 10-Jährige mit dem Smartphone in der Hand auf einem Bänklein. Das ist der Todesstoss von allem.» 

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Stress gehört zum Leben. Kinder müssen lernen, ihn auszuhalten.»

Eileen Pfenninger, Primarschullehrerin

Dabei sorgt das kleine Gerät offenbar nicht nur für gute Gefühle: In einer deutschen Studie gab ein Viertel der 8- bis 14-Jährigen an, sich durch die permanente Kommunikation gestresst zu fühlen. «Das Smartphone ist ein Stressfaktor, ganz klar», sagt Primarlehrerin Eileen Pfenninger. «Aber ab einem gewissen Alter, meist so ab zwölf Jahren, läuft alles über das Smartphone: Verabreden, Hausaufgaben austauschen – kein Handy zu haben, bedeutet, sozial isoliert zu sein.» Die Primarlehrerin fordert die Eltern daher auf, sich mit digitalen Technologien auseinanderzusetzen und stets mit ihren Kindern im Gespräch zu bleiben.

Liebe und Langeweile
Auch Andreas Diethelm nimmt die Eltern in die Pflicht. Der Coach ist überzeugt, dass es die Aufgabe des Elternhauses ist, eine Basis des Vertrauens aufzubauen. «Eltern müssen eine warme Atmosphäre schaffen, die es dem Kind erlaubt, sich mitzuteilen, wenn ihm alles zu viel ist. So übersteht es auch anstrengende Zeiten.» Allen Eltern, die es eigentlich nur gut meinen mit dem «Förderprogramm» gibt er einen einfachen Rat: «Weniger ist mehr. Das hört sich zwar simpel an, ist es aber nicht. Langeweile ist manchmal gar nicht so schlecht, ja sogar nötig.»

Frage der Woche

«

Setzen Eltern ihre Kinder zu oft und zu stark unter Erfolgsdruck?»

Hier gehts zu weiteren Wochenfragen

http://www.coopzeitung.ch/Wenn+Kinder+zusammenbrechen Wenn Kinder zusammenbrechen

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Alamy, zVg
Veröffentlicht:
Montag 09.11.2015, 15:04 Uhr

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