Vorsichtig: Ein Igel überquert die Strasse.

Wildleben: Tiere erobern die Stadt

Wilden Tieren gefällt es in unseren Städten, das gefällt (meistens) auch den Menschen. Es gibt allerdings einige Regeln zu beachten, damit das Zusammenleben reibungslos abläuft.

Eine Fuchsfamilie beim Spielen, in der Nähe des Zürcher Stadtzentrums.

Eine Fuchsfamilie beim Spielen, in der Nähe des Zürcher Stadtzentrums.
Eine Fuchsfamilie beim Spielen, in der Nähe des Zürcher Stadtzentrums.

Etwa 1000 Füchse, zwischen 2300 und 4500 Igel und 150 bis 200 Dachse: Die Stadt Zürich bietet wilden Tieren trotz ihrer dichten Besiedelung eine Heimat. Die Säugetiere kommen vor allem nachts aus ihren Verstecken, in einer Umgebung, die ihnen ausreichend Nahrung bietet. Auch in anderen Städten gibt es laut Medienberichten immer mehr Wildtiere: ein Biber in Biel, ein Wolf auf den Bahngleisen in Schlieren, eine Gämse beim Bahnhof von Lausanne, ein Wildschwein in einem Keller in Paudex …

 
Jede Woche die neusten Themen im Newsletter! Hier abonnieren »
 

Zürich ist also kein Ausnahmefall: «Die Situation in den Schweizer Städten ist überall im Mittelland ähnlich», stellt die Wildtierbiologin Sandra Gloor fest. Sie ist Mitbegründerin des Vereins «StadtNatur» und Co-Präsidentin des Zürcher Tierschutz.

Anmutiger Gast: ein Reh in einem privaten Stadtgarten.

Anmutiger Gast: ein Reh in einem privaten Stadtgarten.
Anmutiger Gast: ein Reh in einem privaten Stadtgarten.
«

Wildtiere schätzen Schulhöfe und Kirchen.»

Claudia Kistler, Biologin

Spuren mitten in der Stadt

Die Zwinglistadt kann genaue Angaben über Wildtiere machen. Denn sie ist Pilotstadt für das Ende 2013 von der «StadtNatur» gestartete Projekt «StadtWildTiere», für das die Wildfauna im städtischen Umfeld beobachtet wird. Bald werden weitere Gemeinden folgen, darunter ab dem 7. Mai St. Gallen. Jeder kann teilnehmen und bekommt einen Quadratkilometer zugewiesen, auf dem er alle Spuren des Wildtierlebens aufzeichnet: Baue, Nester, Fährten, Exkremente … Auf der öffentlichen Plattform von «StadtNatur» haben seither 382 Menschen einen Account eingerichtet und ihre Beobachtungen festgehalten. Im Ganzen wurden 1763 Beobachtungen aufgezeichnet – ein grosser Erfolg für das junge Projekt! 

Rette das Auto, wer kann: ein Steinmarder auf einer Treppe.

Rette das Auto, wer kann: ein Steinmarder auf einer Treppe.
Rette das Auto, wer kann: ein Steinmarder auf einer Treppe.

Die Biologin Claudia Kistler gehört zu den Pionieren von «StadtWildTiere», sie patrouilliert im Bereich Hardau. «Ich gehe gerne nachts spazieren, um 22 Uhr oder noch später, wenn ich nach Hause komme. Eines Nachts habe ich drei Fuchsjunge beim Spielen beobachtet. Das war fantastisch!» Sie inte-ressiert sich für jede Art von Lebenszeichen: die Baue natürlich, aber auch «Fussabdrücke», Exkremente, ein Durchgang unter einem Zaun, ein Fellbüschel …

Ein Fuchsbau in einem Zürcher Park, nahe einer stark befahrenen Kreuzung.

Ein Fuchsbau in einem Zürcher Park, nahe einer stark befahrenen Kreuzung.
Ein Fuchsbau in einem Zürcher Park, nahe einer stark befahrenen Kreuzung.

Heute wird sie von Anouk Taucher begleitet. Die 26-Jährige hat sich vor Kurzem dem Team angeschlossen und ihren Abschnitt erhalten. «Es ist viel wert, Ratschläge von jemand Erfahrenem zu bekommen!» Die beiden Frauen diskutieren über weisse Haare am Boden. Stammen sie von einem Dachs? Hier, nur wenige Meter von einem Fuchsbau entfernt? Gab es eine Auseinandersetzung? Ein Stückchen weiter bestätigt eine «Dachslatrine» (eine kleine Senke, die der Dachs gräbt, um dort seine Bedürfnisse zu verrichten), dass sich die Tiere hier aufhalten.

Claudia Kistler analysiert die Haare. Sind sie vom Dachs?

Claudia Kistler analysiert die Haare. Sind sie vom Dachs?
Claudia Kistler analysiert die Haare. Sind sie vom Dachs?

Welche Schlupfwinkel bevorzugen die Tiere? «Sie schätzen Schulhöfe und die Umgebung von Kirchen, in denen es viele Verstecke gibt und die ausserdem nachts völlige Ruhe bieten.» Auch Innenhöfe und Privatgärten sind beliebt. «Wildtiere sind faszinierend. Das darf für uns aber kein Grund sein, sie zu füttern und so anzulocken», betont Claudia Kistler. Die Zürcher Beobachter respektieren einen genauen Verhaltenskodex: keine Störung der Tiere, keine Beleuchtung, Vermeidung jeglichen Lärms. 

Claudia Kistler und Anouk Taucher auf Expedition in der Stadt.

Claudia Kistler und Anouk Taucher auf Expedition in der Stadt.
Claudia Kistler und Anouk Taucher auf Expedition in der Stadt.

Bitte nicht füttern!

Das Zusammenleben von Menschen und Wildtieren kann deshalb auch problematisch sein: «Es handelt sich nicht um Haustiere, sie sollen ihre natürliche Scheu behalten und dem Menschen gegenüber Abstand wahren. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass man nicht versucht, sie zutraulich werden zu lassen», betont Sandra Gloor. Seit dreissig Jahren gibt es immer mehr organische Abfälle in der Stadt, die Füchse und Dachse anziehen. Andere Tiere, etwa die Fledermaus oder der Mauersegler, nutzen die zahlreichen Möglichkeiten der städtischen Umgebung, um sich ihre Nischen einzurichten. Wieder andere wie die Amsel finden in der Stadt Zuflucht vor ihren Fressfeinden.

Hier hat sich ein Fuchs einen Durchgang gegraben.

Hier hat sich ein Fuchs einen Durchgang gegraben.
Hier hat sich ein Fuchs einen Durchgang gegraben.

«Allesfresser finden in der Stadt immer Nahrung», erklärt Catherine Strehler-Perrin, Leiterin der Abteilung Biodiversität des Kantons Waadt. «Die Möglichkeit des Höhlenbaus beschränkt die städtische Population jedoch ganz natürlich, sie reguliert sich seit Jahren von allein.» Der Kanton Waadt unterstützt die Tierschutzprojekte finanziell und sensibilisiert die Gemeinden für den Erhalt des natürlichen Lebensraums, aber ein Projekt wie «StadtWildTiere» ist dennoch ungewöhnlich. «Man orientiert sich immer mehr hin zu einer Politik der Integration der Natur in die Stadt. Es ist wichtig, dass ein Wildtier das gleiche Recht auf einen Lebensraum hat wie der Mensch», betont Catherine Strehler-Perrin. Das Gesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel besagt nichts anderes: «Die Kantone sorgen dafür, dass die Bevölkerung über die Lebensweise der wildlebenden Tiere, ihre Bedürfnisse und ihren Schutz ausreichend informiert wird» (Art. 14).

Fuchs trifft Mensch: Das Tier sollte vorsichtiger sein.

Fuchs trifft Mensch: Das Tier sollte vorsichtiger sein.
Fuchs trifft Mensch: Das Tier sollte vorsichtiger sein.

Übertragbare Krankheiten

Vor einigen Jahren begann die Fuchspopulation unkontrolliert zu wachsen und den Grossraum Lausanne zu besiedeln, bevor sie durch eine Räude-Epidemie dezimiert wurde. «Die Epidemie breitet sich weiter aus und stellt auch für Hunde ein Risiko dar, wenn sie mit den Füchsen in Kontakt kommen», warnt Patrick Boujon, Tierarzt am Institut Galli-Valerio, dem Labor für Verbraucherschutz und Veterinärwesen in Lausanne, das den Gesundheitszustand der Wildfauna kontrolliert. Die Krankheit kann auf den Menschen übertragen werden. «Sie ruft starken Juckreiz hervor. Der Parasit stirbt jedoch nach wenigen Tagen, da er nicht an den menschlichen Organismus angepasst ist», fügt der Spezialist hinzu. 

Dachse sind extrem scheu und darum selten zu sehen.

Dachse sind extrem scheu und darum selten zu sehen.
Dachse sind extrem scheu und darum selten zu sehen.

Eine weitere Krankheit, die von in der Stadt lebenden Wildtieren hervorgerufen wird, ist die Salmonellose. Häufig sind Vögel, wie etwa Tauben, Überträger des Bakteriums. «Über die von Menschen angebrachten Nistplätze kommen die unterschiedlichen Vogelarten miteinander in Berührung, was die Übertragung von virulenten Mikroben ermöglicht. Besonders betroffen sind kleine Vögel. Mitunter erkranken auch die Katzen, die sie jagen», unterstreicht Patrick Boujon. Tollwut tritt nicht mehr auf.

Aber was ist, wenn ein Reh einen Garten verwüstet? «Sollte es einen Schaden geben, können wir eingreifen», erklärt Stéphane Mettraux, Wildhüter im Gebiet Lausanne, Oron, Lavaux und Vevey. «Wir betäuben das Tier und siedeln es um. Im äussersten Fall, wenn es eine Gefahr darstellt, töten wir es.» Und wenn man aus Versehen Wild überfährt? «Dann muss die Polizei gerufen und ein Protokoll aufgenommen werden.» Aber was treibt ein Tier von der Grösse einer Gämse in die Stadt? «Sie sind neugierig. Manchmal folgen sie einem Wasserlauf und geraten so in Siedlungsgebiete. Oder sie werden von einem freilaufenden Hund gejagt. Dann können wir den Hundebesitzer mit einer Geldstrafe belegen», erklärt Stéphane Mettraux.

Wenn also jeder den anderen respektiert, gelingt das Zusammenleben. 

Fallwild: Am Beispiel der Füchse

Quelle: Eidgenössische Jagdstatistik/ Bundesamt für Umwelt BAFU.

Fallwild bezeichnet totes Wild, das nicht von Jgern geschossen wurde, sondern durch andere Ursachen den Tod fand. Daraus kann man Schlüsse auf die Bestnde ziehen. Seit 1985 steigen die Fallwildzahlen von Füchsen in der Schweiz, also auch die Fuchsbestnde. Ab 1993 schwanken sie um die 10 000 pro Jahr. In den Stdten gab es etwa ab den 90er-Jahren immer mehr Füchse. Seit 2008 sterben sie fter an Alter und Schwche. Dies kann bedeuten, dass es den Füchsen gut geht, auch in den Stdten. 

Fuchs und Hase sagen sich Gute Nacht – heisst es. Doch was passiert, wenn Haustiere in der Stadt auf Wildtiere treffen? Tierärztin Chantal Ritter erklärt, wie man sich verhalten sollte.Die Natur macht vor der Stadt nicht halt: Füchse, Dachse, Igel, Rehe und noch weitere Wildtierarten bevölkern die Strassen und Stadtgärten. Damit dringen sie in den Lebensraum von Haustieren ein. Heisst das, dass Haustierhalter um das Leben ihrer Lieblinge fürchten müssen? 

«So schlimm ist es nicht», meint die Tierärztin und Kolumnistin der Coopzeitung, Chantal Ritter. «Für eine Ausstellung des Naturmuseums St. Gallen hat man unter anderem in Stadtgärten Fotofallen aufgestellt. Es kam he-raus, dass sich die Wege von Fuchs und Katze immer wieder kreuzen.» Solche Begegnungen verlaufen in der Regel undramatisch.

Katzen können sich gut gegen Füchse verteidigen.

Katzen können sich gut gegen Füchse verteidigen.
Katzen können sich gut gegen Füchse verteidigen.

Füchse sind scheu

«Wenn eine Katze verletzt nach Hause kommt, ist es schwierig, festzustellen, ob es ein Wildtier war oder ob die Verletzung von einem Revierkampf mit einer anderen Katze herrührt», erklärt die Tierärztin. Sie vermutet, dass mehr Wildtiere von Haustieren verletzt werden als umgekehrt. «Füchse sind scheu, deshalb sind auch Begegnungen beim Gassigehen mit dem Hund selten.» Wenn man allerdings Hasen oder gar Hühner hält, muss man die Gehege gegen Füchse sichern. In Zürich zum Beispiel leben rund 3200 Hühner, ein gefundenes Fressen für Meister Reineke.

 

Zeig uns dein Wildtier-Foto:

Eingabe erforderlich

Eingabe erforderlich

Eingabe erforderlich

Eingabe erforderlich

Eingabe erforderlich

Das Bild ist leider zu klein. Bitte lade dies in einer höheren Auflösung hoch.



 

Flexibel: Schlaue Füchse finden sich überall zurecht.

Flexibel: Schlaue Füchse finden sich überall zurecht.
Flexibel: Schlaue Füchse finden sich überall zurecht.

Die Gefahren

Apropos Fressen: Ganz falsch wäre es, Füchse mit Futter zu zähmen, warnt Ritter. «Sie können frech werden und in Wohnungen eindringen und unter Umständen beissen, vor allem Kinder. Auch der Fuchsbandwurm kann eine für Menschen gefährliche Krankheit auslösen.» Sie heisst Alveoläre Echinokokkose und kommt selten vor. Tückisch ist aber, dass die Inkubationszeit bis zu 15 Jahre dauern kann. Persönliche Hygiene und regelmässiges Entwurmen von Hunden und Katzen sind effiziente Gegenmassnahmen. Hunde können sich bei Füchsen zudem mit Räude anstecken. Die Infektion kann auch über Objekte wie Wurzeln erfolgen, wenn der Hund daran kratzt. 

Wenn man tatsächlich Wildtieren begegnet und diese keine Scheu zeigen, könnten sie krank sein. Auch in Gärten können sie unter Umständen Probleme machen. Chantal Ritter rät in solchen Fällen, sich an die Polizei oder den zuständigen Wildhüter zu wenden. Je nach Tierart kann man sich auch bei Organisationen wie zum Beispiel «Pro Igel» oder der Vogelwarte melden.

Hier finden Sie weitere spannende Informationen zu Wildtieren in den Städten »

Die neue Serie

Ab 14. April zeigen wir Ihnen wöchentlich einen Lebensraum für Tiere und Pflanzen in der Schweiz – nicht fotografiert, sondern gezeichnet von der Illustratorin Rahel Eisenring. Sie hat für uns sieben Lebensräume entworfen und die dazugehörigen Tiere und Pflanzen dazu gezeichnet. Nächste Woche: Leben am Fluss.

Für Bellos, Büsis und Co.

Wenn sich die Haustiere wohlfühlen, freuen sich ihre Menschen. Hier finden Sie Nützliches für die vierbeinigen Freunde.

«

Die Lounge für den Hund»

Hunde lieben bequeme Kissen. Von Fatboy gibt es sie in diversen Grössen und Farben – passend zu Einrichtung und Hund. Zum Beispiel Doggielounge small in Rot, 60 × 80 cm, Höhe: 15 cm,  Fr. 115.–, bei Nettoshop.ch, auch in weiteren Versionen erhältlich.

«

Zecken ohne Chance»

Sobald die Zecken oder Flöhe auf das Tier krabbeln, tötet das Mittel sie ab. Geeignet für Hunde und Katzen. Zum Beispiel Frontline-Spot-On-Lösung Katze, 3 × 0,5 ml für Fr. 36.80. In den Coop-Vitality-Apotheken erhältlich.

Dies sind Heilmittel. Lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Apotheker.

«

Wiesenheu»

Nahrungsergänzung für Meersäuli, Kaninchen oder Hamster. Es enthält hochwertiges Eiweiss, Vitamine und Mineralstoffe und hilft, die Zähne gesund zu erhalten. 1 kg/Fr. 2.–. In allen Supermärkten und bei Coop@home.ch.

«

Schüssler-Salze zur Behandlung von Tieren»

Passende Schüssler-Salze unterstützen eine tiermedizinische Behandlung. Der Einsatz von Schüssler-Salzen sollte verantwortungsvoll vorgenommen werden: Fragen Sie Ihren Apotheker.

Beispiel Schüssler-Salz Nr. 5 Kalium phosphoricum, Tabletten D6, 100 g/Fr. 15.60. 

«

Frische fürs Katzenstreu»

Dieses Granulat hält die Streu lang anhaltend frisch und sorgt für einen angenehmen Geruch. Bei jedem Streuwechsel gleichmässig auf den Boden der Toilette streuen. Fr. 7.90 (für ca. 3 Befüllungen). In grösseren Supermärkten und bei Coop@home.ch erhältlich. 

 
01
von
 

 

text

Frage der Woche

«

Brauchen die Wildtiere mehr Platz in den Städten?»

 Verraten Sie uns Ihre Meinung in den Kommentaren.

Hier geht's zu weiteren Wochenfragen

Kommentare (9)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Text:
Mélanie Haab, Katalin Vereb (Haus- trifft Wildtier)
Foto:
Keystone, AWT, Beatrice Thommen-Stöckli, zVg, swild.ch, Daniel Hegglin, Fabio Bontadina
 
Veröffentlicht:
Donnerstag 02.04.2015, 11:15 Uhr

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?