Diese Schleiereule wurde vor acht Wochen mit gebrochenem Flügel eingeliefert und einer komplizierten Operation unterzogen. Jetzt ist sie wieder fit und kann in die Natur entlassen werden.

Das Spital für die Eule mit Beule

Die Schleiereule mit Flügelbruch, die verletzte Fledermaus, der abgemagerte Igel, der Rotmilan mit Schrot im Körper: In der Wildstation Landshut in Utzenstorf BE erhalten Wildtiere eine zweite Chance.

Sie hat einiges mitgemacht, die kleine Schleiereule. Als sie vor acht Wochen in die Wildstation Landshut in Utzenstorf BE eingeliefert wurde, war ihr Flügel ganz übel zugerichtet: «Er war gebrochen und erst noch stark verdreht», sagt Tierärztin und Betriebsleiterin Ulrike Cyrus-Eulenberger (37). Während einer Operation brachte sie den Flügel wieder in die richtige Position, schob einen Stahlstift auf der einen Seite der Bruchstelle in den Röhrenknochen und stülpte das andere Ende darüber. «Wichtig war, dass der Flügel schön symmetrisch zusammenwuchs, sonst hätte die Eule nicht mehr gerade fliegen und jagen können», sagt die Fachärztin für Zoo-, Gehege- und Wildtiere.

Pflege in naturnahem Umfeld

Die Wildstation Landshut ist die grösste in der Schweiz, die alle Arten von Wildtieren aufnehmen und pflegen kann. Vom Mäusebussard bis zum Siebenschläfer, von der Bechstein-Fledermaus bis zum Iltis, vom Biber bis zum Steinadler: Alle wurden sie in Utzenstorf schon gesund gepflegt. 115 Tierarten waren es allein im letzten Jahr, darunter 78 Vogelarten. «Einerseits sind wir ein Spital mit Intensivstation, Pflegeabteilung und Rehabilitation, andererseits aber auch Waisenhaus, Kindergarten und Schule für verwaiste Wildtiere», sagt Ulrike Cyrus.

Die Patientenschar in der Wildstation Landshut ist vielfältig. Allein im letzten Jahr wurden hier 115 Tierarten gepflegt, darunter (links, von oben) eine Bechstein-Fledermaus, deren Mutter einer Hauskatze zum Opfer gefallen war.

Die Patientenschar in der Wildstation Landshut ist vielfältig. Allein im letzten Jahr wurden hier 115 Tierarten gepflegt, darunter (links, von oben) eine Bechstein-Fledermaus, deren Mutter einer Hauskatze zum Opfer gefallen war.
Die Patientenschar in der Wildstation Landshut ist vielfältig. Allein im letzten Jahr wurden hier 115 Tierarten gepflegt, darunter (links, von oben) eine Bechstein-Fledermaus, deren Mutter einer Hauskatze zum Opfer gefallen war.
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Unser Ziel ist immer die Auswilderung.»

Ulrike Cyrus-Eulenberger, Wildtierärztin

Ziel ist immer die vollständige Rehabilitation und die anschliessende Auswilderung. Das heisst, die Tiere müssen beim Verlassen der Station in der Lage sein, ihr Futter selber zu finden beziehungsweise zu erbeuten. Zum Beispiel der Mäusebussard, der vor zwei Wochen mit einer schweren Gehirnerschütterung eingeliefert worden ist. Er verbringt seine Tage zurzeit in einer zehn auf dreissig Meter grossen Voliere und bekommt tote Mäuse zu fressen. Bevor er in die Freiheit entlassen wird, muss er beweisen, dass er frei laufende Futtertiere selber erbeuten kann. Erst wenn er dies geschafft hat, gehts ab in die Natur. Von den 1786 Tieren, die 2014 auf die Station kamen, konnten 47 Prozent wieder ausgewildert werden. 

Ein Uhu, der nach einer Kollision mit einer Prellung der Wirbelsäule eingeliefert worden
ist.

Ein Uhu, der nach einer Kollision mit einer Prellung der Wirbelsäule eingeliefert worden
ist.
Ein Uhu, der nach einer Kollision mit einer Prellung der Wirbelsäule eingeliefert worden
ist.

Doch die Tierretter können nicht jedes verletzte Tier wieder herstellen. Zu schwer verletzte Neuankömmlinge oder Tiere, bei denen von Anfang an klar ist, dass sie nie wieder in die Freiheit zurückkehren könnten, erlöst Cyrus von ihrem Leiden und schläfert sie fachgerecht ein. «Das ist oft ein schwieriger Entscheid», sagt die Tierärztin, «da braucht es eine professionelle Distanz.» Im Vordergrund stehe dabei das Wohl des Individuums, die Population der entsprechenden Tierart dürfe aber nicht ausser Acht gelassen werden. Im Klartext: Füchse und Steinmarder zieht die Wildstation nicht auf – ihre Populationen sind bereits zu gross, und je mehr Tiere es gibt, desto leichter verbreiten sich Krankheiten wie Staupe oder Räude.

Eine Eichhörnchen-Waise.

Eine Eichhörnchen-Waise.
Eine Eichhörnchen-Waise.

Das kleine Team von Fachleuten der Wildstation bietet seinen Patienten ein möglichst naturnahes Umfeld. Um eine Prägung durch und die Abhängigkeit vom Menschen zu verhindern, sprechen sie nicht mit den Tieren, streicheln sie nicht und schöppeln sie nur, wenn es nicht anders geht – etwa die jungen Fledermäuse, deren Mutter einer Katze zum Opfer gefallen ist. Auch das Futter ist möglichst naturnah: Dem jungen Sperber beispielsweise, der – vermutlich nach der Kollision mit einer Scheibe oder einem Auto – unter einem Schädel-Hirn-Trauma leidet, stopfen die Pflegerinnen mit einer Pinzette klein geschnittene Eintagsküken in den Schnabel, die jungen Rehe, die ein Autounfall zu Waisen gemacht hat, äsen auf einer Wiese, auf der eine speziell zusammengestellte Äsungsmischung ausgesät worden ist.

Dieser Siebenschläfer litt unter einer Dermatitis und wird bald in die Freiheit entlassen.

Dieser Siebenschläfer litt unter einer Dermatitis und wird bald in die Freiheit entlassen.
Dieser Siebenschläfer litt unter einer Dermatitis und wird bald in die Freiheit entlassen.

Manchmal reicht es, den eingelieferten Patienten nach der Notfalltherapie zur Stärkung eine Infusion zu verpassen und sie ein paar Tage ruhen zu lassen. Dann haben Greifvögel – typische Wintergäste – ihren Brummschädel auskuriert, den sie sich bei der Kollision mit einem Auto oder einer Fensterscheibe zugezogen haben. 

Kollision mit einem Auto oder einer Fensterscheibe? Jedenfalls erlitt der Sperber eine leichte Hirnerschütterung und braucht ein paar Tage Ruhe. Bis zur Auswilderung wird er mit Kükenfleisch ernährt.

Kollision mit einem Auto oder einer Fensterscheibe? Jedenfalls erlitt der Sperber eine leichte Hirnerschütterung und braucht ein paar Tage Ruhe. Bis zur Auswilderung wird er mit Kükenfleisch ernährt.
Kollision mit einem Auto oder einer Fensterscheibe? Jedenfalls erlitt der Sperber eine leichte Hirnerschütterung und braucht ein paar Tage Ruhe. Bis zur Auswilderung wird er mit Kükenfleisch ernährt.

«Oft ist Improvisation gefragt»

Geschwächte Igel, wie sie oft im Spätherbst in die Wildstation gebracht werden, müssen in der Regel entwurmt und aufgefüttert werden – sind sie dann immer noch zu schwach für das Überleben in winterlicher Kälte, dürfen sie über Winter bleiben. Aber auch komplizierte, fast kurios anmutende Operationen werden ab und zu vorgenommen. So wurden einem – illegalerweise – mit Schrot beschossenen Rotmilan die Bleikugeln entfernt und anschliessend die kaputten Federn ersetzt. Dabei kamen intakte Federn eines toten Tieres zum Einsatz – mittels Bambusstäbchen wurden die hohlen Federspulen aneinandergeleimt und der Milan konnte wieder abfliegen. «Oft ist Improvisation gefragt», sagt Ulrike Cyrus.

Igel sind die häufigsten Gäste. Der untergewichtige Winzling wird – entwurmt und aufgefüttert – den Winter in der Wildstation verbringen.

Igel sind die häufigsten Gäste. Der untergewichtige Winzling wird – entwurmt und aufgefüttert – den Winter in der Wildstation verbringen.
Igel sind die häufigsten Gäste. Der untergewichtige Winzling wird – entwurmt und aufgefüttert – den Winter in der Wildstation verbringen.

Morgen ist es nun so weit. Nachdem auch die letzte Kontrolle ergeben hat, dass der Flügel der Schleiereule tadellos zusammengewachsen ist und sich an der Bruchstelle nicht allzu viel Kallus gebildet hat, wird der Vogel wieder ausgewildert. Ein Individuum der in der Schweiz «potenziell gefährdeten» Tierart ist gerettet.

2014 nahm die Wildstation 1786 Tiere aus 115 verschiedenen Arten stationär auf, darunter 807 Vögel aus 78 Arten, davon 108 Greife und Eulen, 776 Igel, 85 Fledermäuse, 12 Eichhörnchen, 10 Siebenschläfer, 7 Rehkitze, 7 Iltisse, 2 Luchse, 1 Biber.

Die aussergewöhnlichsten Gäste im laufenden Jahr waren eine Biberfamilie. Diese wurde aus Bürglen TG nach Utzenstorf BE verlegt, weil der Industriekanal, in dem sie natürlicherweise lebt, einer Sanierung unterzogen wurde. Unterdessen sind die Nager wohlbehalten in ihr Heimrevier zurückgekehrt.

Am 13. Dezember Tag der offenen Tür

Die Stiftung Wildstation Landshut in Utzenstorf BE erhält keinerlei Unterstützung der öffentlichen Hand und ist ausschliesslich spendenfinanziert. Sie versteht sich als Kompetenzzentrum für Wildtierfragen und Umweltbildung. Neben der Pflegestation unterhält sie auf ihrem Areal einen öffentlichen Naturlehrpfad, organisiert Führungen, Vorträge sowie Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen. Zudem macht die Wildstation telefonische Beratungen. 

Am Sonntag, 13. Dezember, ermöglicht die Wildstation einen Blick hinter die Kulissen. Beim «Chlouse-Fest» erfahren die Besucher ab 14 Uhr Spannendes über die Arbeit mit kranken, verletzten und verwaisten Wildtieren. Sie lernen, wie Wildtiere die kalte Jahreszeit meistern und welche Gefahren ihnen drohen. In der «Chlouse-Werkstatt» bauen die jungen Besucher Nützliches für die Wildtierhilfe.

Mehr Informationen finden sich auf der Internetseite der Wildstation

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Frage der Woche

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Ist es richtig, verletzte Wildtiere zu pflegen und wieder auszuwildern?»

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Annette Boutellier, Nicolas Bazo, Stiftung Wildstation Landshut
Veröffentlicht:
Montag 07.12.2015, 14:54 Uhr

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