Das Martinsloch zwischen Elm und Flims, von Graubünden aus gesehen. Gut zu sehen sind auch die verschiedenen Gesteinsschichten.

Wissens-Tourismus im Aufbau

Ein Ausflug in die Tektonikarena Sardona ist wie eine Schulstunde in Geologie. Vergessen Sie jedoch alles, was man Ihnen einst in der Schule beigebracht hat: Es ist falsch! 

Erinnern Sie sich noch an Ihre Schulzeit? Geografie? Alpenfaltung: Afrika kommt nordwärts, Europa hält dagegen, die Alpen werden hochgehoben, gefaltet wie ein Tischtuch. Am Ende sind sie vermutlich so hoch wie der Himalaya heute, aber die Erosion raspelt sie auf ihre jetzige Höhe ab. Klang einleuchtend damals, deshalb glauben wir heute noch daran. Und jetzt das: «Wissenschaftlich korrekt ist daran nichts», sagt der Geologe Thomas Buckingham (32).
Buckingham steht auf dem Segnesboden ob Flims und blickt Richtung Tschingelhörner mit dem Martinsloch, rechts daneben der Segnespass, der Flims mit Elm verbindet. Er arbeitet für die Tektonikarena Sardona. Das ist ein Gebiet von rund 330 Quadratkilometern im Dreieck Glarus, St. Gallen und Graubünden, das Fachleuten und Laien einen guten Einblick in das Innenleben und die Entstehungsgeschichte der Alpen bietet. Im hellen Mittagslicht zeigen die Tschingelhörner ihre typische Färbung: oben dunkel, unten hell: «An dieser magischen Linie erkennt man die Glarner Hauptüberschiebung», erklärt Buckingham. Sie stellte Generationen von Geologen vor ein Rätsel, denn schon vor 200 Jahren erkannten diese, dass das Gestein der obersten Gipfel rund 100 bis 200 Millionen Jahre älter ist als das darunter. Wie es aber kam, dass die alten Gesteine die neuen überdecken, konnten sie nicht erklären. Heute weiss man, dass sich beim Zusammenstoss von Kontinentalplatten während der Alpenbildung Gesteinsdecken ablösen und übereinanderschieben – so gelangt altes auf junges Gestein.

Einzigartige Geologie 

Der Weg durch die Tschinglenbach-Schlucht nach Elm.

Der Weg durch die Tschinglenbach-Schlucht nach Elm.
Der Weg durch die Tschinglenbach-Schlucht nach Elm.

Die Tektonikarena Sardona ist so einzigartig, dass die Region seit 2008 zum Unesco-Weltnaturerbe gehört: Nirgendwo sonst auf der Welt kann man die Gebirgsbildung so gut sehen wie hier. Das hat auch die Wissenschaft auf den Plan gerufen. In den letzten 200 Jahren sind über 1000 wissenschaftliche Publikationen rund um das Gebiet veröffentlicht worden. Allein der Flimser Bergsturz, der grösste Bergsturz der Alpen vor 9450 Jahren – so genau kann man das heute datieren –, ist in 80 Publikationen erforscht worden. Derzeit ist wieder ein Team von rund 15 Wissenschaftlern aus mehreren Universitäten daran, diesen Bergsturz zu untersuchen. Vermutlich kamen damals auch Menschen zu Schaden, denn man weiss, dass die Gegend schon vor 50 000 Jahren besiedelt war. Sicher hat der Bergsturz die Landschaft nachhaltig verändert. Das kann man noch heute sehen, wenn man die Gegend um Flims mit dem Blick eines Geologen betrachtet: «Schuttablagerungen, überwachsene Felsbrocken, Niveauunterschiede und Abbruchstellen: Das alles zeugt von der Katastrophe», erklärt Buckingham. Würde man das gesamte Bergsturzmaterial in Güterwagen verladen, ergäbe das einen Güterzug, der 75-mal um die Erde reicht.

Keine Bahn im Welterbegebiet

Wer sich in der Tektonikarena umsehen möchte, muss wandern. Ins Gebiet hinein führt keine Seilbahn – mit Ausnahme der Tschinglenbahn in Elm. Auch die Bahnen und Skilifte von Flims, Elm, Flumserberg und Pizol liegen ausserhalb des Welterbegebiets. Stelen und Schwellen zeigen den Wanderern, wann sie das Gebiet betreten.
Damit die 13 Gemeinden, die Anteil an der Tektonikarena Sardona haben, von dieser auch profitieren, sind rund um den engeren Grenzverlauf zahlreiche touristische Angebote entstanden. «Wir sprechen hier von der Welterbe-Region», erklärt Felicia Montalta (45), die das Weltnaturerbe touristisch bekannt machen und Angebote initiieren soll. So hat vor Kurzem ein Besucherpavillon bei der Segneshütte oberhalb Flims seine Tore geöffnet, der die Alpenbildung anschaulich erklärt. Etwas weiter hinten, auf dem Segnesboden, startet ausserdem der Trutg dil Flem, ein via Smartphone-Applikation geführter Weg entlang des Wassers. Über 13 Kilometer und 1260 Höhenmeter geht es in vier Stunden hinunter nach Flims.

Museum für den Steinbock

Langsam macht sich die Sonne davon, überzieht die Schneegipfel mit Kupferlicht und von Süden bläst ein warmer, mit dem Vanillegeruch von Männertreu geschwängerter Wind. Man kann gut verstehen, dass Baptista mehr hier oben als unten im Tal ist. Auch wir bleiben noch eine Nacht am Schamserberg im Berggasthaus Capricorns mit seiner sensationell guten Küche. Das Haus ist das Zentrum des Naturparks Beverin, und hier ist auch die Steinbock-Ausstellung daheim. All das, was man Baptista zu fragen vergessen hat, erfährt man hier mittels interaktiver Spiele, Schautafeln und präparierter Steinböcke.

Folgen des Elmer Bergsturzes

Der Tschinglenbach-Wasserfall von der Niederenalp aus gesehen.

Der Tschinglenbach-Wasserfall von der Niederenalp aus gesehen.
Der Tschinglenbach-Wasserfall von der Niederenalp aus gesehen.

Auf der Glarner Seite, erzählt Felicia Montalta, können sich die Gäste mit der Tschinglen-Bahn zur Tschinglenalp befördern lassen und von dort zum Beispiel den Sardona-Welterbeweg nach Flims einschlagen (8,5 Std.). Oder sie machen den Firstboden-Rundweg und kehren durch die Tschinglenbach-Schlucht nach Elm zurück (1,5 Std.). Oder sie lassen sich auf einer Ortsführung durch Elm lotsen, besuchen das Unesco-Besucherzentrum und erfahren nicht nur etwas über die dramatischen Folgen des Bergsturzes von 1881, sondern auch über dessen Ursachen, die man damals nur widerwillig zugab. «Die Elmer hatten den Berg unsachgemäss ausgehöhlt», erzählt Ortsführerin Anni Brühwiler (60), die eine sehr persönliche Geschichte mit dem Bergsturz verbindet. Hätte sich ihre Urgrossmutter an jenem 11. September 1881 nicht geweigert, nach Hause zurückzukehren, hätte es nie eine Anni Brühwiler gegeben. Der Elmer Bergsturz mit 114 Todesopfern ist in Elm noch sehr präsent.

Unesco Welterbe

Tektonikarena Sardona
Die Tektonikarena Sardona ist seit 2008 ein Unesco-Weltnaturerbe. Es besitzt, wie jede Unesco-Welterbestätte, einen aussergewöhnlichen universellen Wert. Dieser besteht im «dramatischen Einblick in den durch die Kollision von Kontinentalplatten hervorgerufenen Prozess der Gebirgsbildung», wie das Welterbekomitee schreibt. Das Gebiet ist nach dem Piz Sardona benannt, der im Grenzgebiet der Kantone St. Gallen, Glarus und Graubünden liegt.

Wissenswertes und Wandervorschläge für die Tektonikarena Sardona
1:50'000er kombinierte Geologie- und Wanderkarte

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Franz Bamert

Redaktor

Foto:
Yannick Andrea, Pius Furger
Veröffentlicht:
Montag 08.08.2016, 10:00 Uhr

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