Mehrere Tausend Briefe, ans Christkind adressiert, bekommt die Post jedes Jahr. Ein Team vom fünf Personen beantwortet sie alle.

Wunschzettel: Briefe ans Christkind

Weihnachten ist die Zeit der kleinen und grossen Wünsche, ganz besonders für Kinder. 18'386 Briefe wurden 2013 ans Christkind geschickt – und beantwortet. 

Im Internetzeitalter geht die Zahl der Briefe, die das Jahr hindurch verschickt werden, immer mehr zurück. Doch zu Weihnachten wird das traditionelle Kommunikationsmedium immer noch fleissig genutzt. Kinder schicken ihre Wunschzettel sogar in grösserer Zahl denn je ans Christkind, den Weihnachtsmann, Père Noël, Babbo Natale oder Santa Claus. Die Meinungen darüber, wo wer wohnt, gehen zwar auseinander, doch zum Glück kennt die Schweizerische Post die richtige Adresse: Diese Briefe gehen alle in die Weihnachtsfiliale der Post nach Chiasso, wo sich ein fünfköpfiges Team der Briefe ans Christkind annimmt. Es wäre bedauerlich, wenn mit so viel Liebe und Fleiss geschriebene und illustrierte Kinderbriefe ungelesen und unbeantwortet blieben.

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Sie schreiben in Rätseln

Die kindliche Rechtschreibung bringt Post-Mitarbeiter Stefano Richina immer wieder zum Schmunzeln. Ein solches könnte sich wohl auch der Weihnachtsmann kaum verkneifen. Michelle etwa wünscht sich «Schidres, Cede und neseser», und Cécile, die ihre Wunschliste zum Fest der Liebe in Kinderschrift mit «Monsterhei» beginnt, hätte gerne das «Grosse Plustier Hello Kitty». Sollte sie vom Christkind auch noch die erhofften «20 Filtschtift» bekommen, wird ihr Wunschzettel nächstes Jahr sicher noch farbenfroher ... 

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Die Schweizerische Post nimmt sich solcher Briefe seit 1950 an. Da die Zahl zwischen 2010 und 2013 von 16 869 auf 18 386 angestiegen ist, stellt sie nun von Oktober bis Dezember fünf Personen für deren Beantwortung frei. Interessanterweise ist der Anteil an Sendungen aus der Romandie (10 133) und dem Tessin (2655) absolut und proportional zur Bevölkerung höher als aus der Deutschschweiz (2351). «Im lateinischen Sprachraum glauben die Menschen noch mehr an das Irrationale», erklärt sich Richina den Unterschied. Die 2284 Briefe aus dem Ausland, davon 1908 aus Übersee, sind hauptsächlich auf lokale Werbekampagnen von Schweizer Firmen zurückzuführen.

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Rührende Wünsche

Die Kinder listen teilweise nicht nur präzise ihre Geschenkwünsche auf, sondern bedenken auch Lieferschwierigkeiten. «Am 24. sind wir nicht zu Hause. Wir warten am 22. auf dich», heisst es in einem der Briefe, die im «Museum für Kommunikation» in Bern gesammelt werden und von denen einige besonders lesens- und sehenswerte Exemplare im neu erschienenen Buch «Briefe ans Christkind» zu finden sind.

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Nicht nur das Materielle zählt

Nicht immer steht das Materielle im Vordergrund. «Ich wünsche mir das meine Allergie verschwinden», schreibt ein Junge und zeichnet sich mit Punkten übersät. Auch Familienzwistigkeiten bleiben nicht unbemerkt. «Das ist mein aler liebster Wunsch, als Mein papi Nicht Mehr etwas Gegen Meine verwanten Hat. und Als papi wider zurük komt.» Da das Christkind nicht alle Wünsche erfüllen kann, kommen bei den Kindern mit den Jahren Zweifel an seiner Existenz auf. Ein Mädchen drückt diese so aus: «Liebes Christkind,  Ich habe von kleinauf an dich geglaubt, und jetzt, wo ich grösser bin, glaube ich, es gibt dich nicht. Und hier ist meine Frage: Gibt es dich wirklich? Schreib mir bitte zurück, deine Saskia.»

Buch «Briefe ans Christkind»

«Briefe ans Christkind», Applaus Verlag, Fr. 16.-

Mehr zum Buch auf der Internetseite des Applaus Verlags

Samichlaus und Christkind

Schon im Mittelalter gab es im Christentum einen Tag, an dem Kinder beschenkt wurden. Es war der 6. Dezember, der Namenstag von Nikolaus von Myra. Er war im 4. Jahrhundert Bischof und gilt als Schutzpatron der Kinder. Weil die Reformation die Heiligenverehrung ablehnte, hat sich der Brauch in evangelischen Gebieten auf den 24. und 25. Dezember verschoben. Die Basis für die Kommerzialisierung wurde gelegt, als ein anonymer Autor 1823 den Mythos schuf, dass Santa Claus jedes Jahr auf einem von Rentieren gezogenen fliegenden Schlitten vom Nordpol herbeieilt, um die Kinder glücklich zu machen. Das romantische Bild des herzensguten alten Mannes mit Rauschebart wird inzwischen auch mit dem Weihnachtsmann sowie landessprachlichen Adaptionen in Verbindung gebracht und die Bescherung findet meist am 24./25. Dezember statt

Von Königen und Hexen

In Spanien und Italien bringen am 6. Januar die Heiligen Drei Könige oder La Befana, die Hexe auf dem fliegenden Besen, die Geschenke. In der Deutschschweiz, Süddeutschland und Österreich ist dafür das Christkind zuständig. Im Bezirk Lenzburg gibt es das «Chlauschlöpfen», wo mit dem Knallen der Geisseln die Samichläuse geweckt werden sollen. Die grösste Publikumsattraktion ist das «Klausjagen» in Küssnacht am Rigi. Zu dem abendlichen Umzug mit 180 Iffelen (Laternen) strömen regelmässig etwa 20 000 Besucher. Er findet in diesem Jahr am 5. Dezember um 20.15 Uhr statt.

Mehr zum Klausjagen in Küssnacht am Rigi

«Ich brauche nichts»

Postmitarbeiter Stefano Richina (48), Assistent vom Christkind

Postmitarbeiter Stefano Richina (48), Assistent vom Christkind
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Wie haben Sie als Kind dem Christkind Ihre Wünsche mitgeteilt?
Ich habe Wunschzettel geschrieben und meinem Vater zur Weiterleitung an das Gésu Bambino gegeben. Auf die Idee, dass ich ihn per Post schicken könnte, bin ich nie gekommen.

Welches war Ihr grösster Wunsch?
Ich habe mir nie etwas Teures gewünscht. Als ich beobachtete, wie zwei Kilometer von unserem kleinen Dorf die Grenadierkaserne Isone gebaut wurde, habe ich mir einen Spielzeuglastwagen gewünscht und wollte Chauffeur werden.

Was gefällt Ihnen daran, quasi Assistent des Christkinds zu sein?
Es ist eine besondere Freude, in meiner Sonderfunktion in der Vorweihnachtszeit Briefe zu öffnen, die die Kinder geschrieben und mit Zeichnungen oder Collagen illustriert haben. Da öffnet sich das Herz!

Wie geht es dann weiter?
Ich versuche die Adressen zu eruieren, damit das Kind zwischen dem 11. und 24. Dezember unsere Weihnachtspost erhält. Im letzten Jahr war es ein Memory-Spiel mit Tierkarten und eine Geschichte über Tiere in der Vorweihnachtzeit in den vier Landessprachen und auf Englisch.

Was berührt Sie besonders?
Manchmal schreiben auch alte Menschen, die einsam sind. Einmal hat sich eine Frau einen Mann gewünscht und eine Liste beigefügt, welche Eigenschaften er haben sollte. Kinder sorgen sich oft, dass sie nicht brav genug waren und geloben Besserung, um das erhoffte Geschenk trotzdem zu bekommen. Der schönste Brief stammte von einem Jungen, der schrieb: «Ich brauche nichts, aber bitte schicke meinem Schulfreund Glück, der kürzlich seinen Vater verloren hat.»

Frage der Woche

«

Wer soll die Geschenke zu Weihnachten bringen? Das Christkind oder die Eltern? Sollen wir den Kindern auch heute noch die Geschichte vom Christkind erzählen?»

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
zVg, Nicola Demaldi
Veröffentlicht:
Dienstag 25.11.2014, 19:25 Uhr

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