Wutfeuer und Flamme

Schreiber: Jahresende hat was – denn danach fängt etwas Neues an. Damit das Danach so richtig frisch und freudig beginnen kann, muss im Vorher all der Moder und Missmut weggeräumt werden. Vorher ist jetzt. Ich sitze allein daheim, Schneider und die Kinder sind den ganzen Tag unterwegs. Ich brauche meine Ruhe, denn ich will meine Wut wegbrennen. Klingt seltsam. Aber da der Tipp von meiner Seelenfrau kommt, mit der ich meine Gefühle aufräume, bin ich zuversichtlich. Dieses Abschiedsritual soll helfen, Ereignisse, die mir nicht gutgetan haben, aus meinem Inneren zu verbannen. Denn dort haben sie nun wirklich nichts zu suchen.

«

Ich kritzle, fluche, schimpfe, tobe, schreibe. Tut saugut. »

Zuerst schreibe ich gedankenlos meinen ganzen Ärger auf Papier, ich kritzle, fluche, schimpfe, tobe, schreibe, schreibe, schreibe. Tut saugut. Dann zerknüddel ich all die Zettel und stelle mir dir Frage, ob es in all der Wut etwas gibt, wofür ich Danke sagen kann. Ja, tatsächlich, gibt es.
Danke!

Zum Schluss des Rituals mache ich ein Feuer im Garten, werfe die Zettel rein und lass Funken sprühen. Weg mit euch schlechten Gefühlen! Die Dämmerung schleicht sich heran. Schneider auch, er ist zurück und steht neben mir: «Hm, lecker, gibts Würste?» Nein, wieder gute Laune.

Schneider: Schreiber ist manchmal unkonventionell, und als sie mir sagt, dass sie zwischen den Jahren einen Tag für sich brauche, um emotionale Altlasten zu entsorgen, weiss ich: Das ist wichtig für sie. Es ist dunkel, als die Kinder und ich zurückkommen und Scheiber vor dem Feuer antreffen. Ich lege meinen Arm um sie: «Und, wie fühlst du dich?»«Sehr wohl, sehr freundlich, sehr wutlos.» – «Wutlos?» «Ja. Ich habe Wut verbrannt.»«Aha.» Dann greift sie in ihre Jackentasche und reicht mir ein flaches Päckchen.

«

Ich wünsche mir, keine Wut mehr zu schlucken.»

«Weihnachten war doch grad erst!», sage ich. «Ja, aber jetzt beginnt ein neues Jahr und ich möchte, dass du dir etwas Gutes tust. Du bist nämlich ein unverbesserlicher Ärger-Aufschieber und Runterschlucker, deshalb finde ich, du könntest dir wenigstens etwas Schönes wünschen.»
Ich lese «Flying-Wish-Paper» im flackernden Licht. «Was ist das denn?» «Du wünschst dir was, schreibst es auf den Zettel, zündest ihn an und lässt ihn fliegen. Du findest das sicher albern – aber versuchs doch einfach mal.» Dann geht sie. Stimmt, ich finde das speziell: Allein am Feuer stehen und einen brennenden Jahreswunsch gen Himmel fliegen lassen … Hm, wie wärs damit: Ich wünsche mir, keine Wut mehr zu schlucken.

 (Coopzeitung Nr. 01/2015)

Das Duell: Soll man Wut unterdrücken oder rausschreien?

Stimmen Sie hier ab, wer recht hat

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 29.12.2014, 00:00 Uhr

Die neuesten Kommentare zu Schreiber vs. Schneider:

Annette Lefevre antwortet heute
Sextest
Liebe Schreiber und Schneider, ... 
Oli Skyler antwortet vor zwei Tagen
Fan und forsch
Habe Ihre Kolummne heute in de ... 
Veronica antwortet vor 2 Wochen
Die Velotortour
Besser Butterschnitte statt da ... 

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:


Finde uns auf Facebook:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?