Yann Sommer im Borussia-Park von Mönchengladbach.

Yann Sommer: «Hier ist alles eine Nummer grösser»

Hoffnungsträger Wie zuvor beim FCB, sichern seine Paraden heute den Erfolg von Borussia Mönchengladbach. Nächstes Ziel ist die EM-Qualifikation.

Mit «nur» 1,83 m ist er unter den heutigen Goalies nicht der grösste, doch er spielt auf Augenhöhe mit Vorgänger Diego Benaglio – nicht nur in der Schweizer Nati. Mit der trifft er diese Woche in der EM-Qualifikation auf Estland. Zuvor besuchten wir Yann Sommer (26) beim neuen Klub Borussia Mönchengladbach.

Woran denken Sie bei Estland?
Wir müssen das Heimspiel unbedingt gewinnen, wenn wir Platz 2 erreichen wollen – und in dieser Gruppe kann nur die Qualifikation für die Europameisterschaft in Frankreich unser Ziel sein.

Nach dem Fehlstart gegen England und Slowenien gab es zwei Siege – wo steht das Team jetzt?
Den harzigen Beginn haben wir weggesteckt, jetzt sind wir auf Kurs. Wir hatten ja auch vorher nicht schlecht gespielt, sondern dumm verloren, weil wir unsere Chancen nicht nutzten. Nun ist das Selbstvertrauen wieder da.

Feldspieler erzählen von Toren – gibt es bei Ihnen auch wichtige Paraden, an die Sie sich besonders gerne erinnern?
Was mir spontan einfällt: Beim FC Basel habe ich in der Champions-League-Qualifikation gegen den norwegischen Klub Molde einen Penalty gehalten. Aber die einzelnen Situationen sind mir gar nicht so wichtig. Es sind vielmehr die grossen Emotionen mit der Mannschaft und den Fans, die zählen.

Was waren solche Highlights, von denen Sie noch Ihren Enkeln erzählen werden?
Da gäbe es ganz viele, vor allem die Erfolge mit Basel in der Champions League, aber auch die Meistertitel, wenn man auf dem Barfüsserplatz mit 50 000 Menschen feiern kann … Darüber habe ich mir jedoch noch keine Gedanken gemacht – Enkelkinder sind für mich aktuell noch weit weg!

Das Elfmeter-Duell scheinen Sie aber schon besonders zu lieben?
Ehrlicherweise muss man auch sagen, dass man als Goalie nichts zu verlieren hat. Wenn du den Schuss parierst, bist du der Held – wenn nicht, sagt keiner was. Der Schütze hat mehr Grund nervös zu sein, denn von ihm wird erwartet, dass er den Penalty versenkt. Wenn er unsicher wirkt, muss man das noch etwas zu verstärken versuchen oder sonst ihn daran erinnern, dass er nervös sein könnte…

«Die Maus war ein Geschenk der Familie zu meiner Geburt – seitdem gehört sie zu meinem Leben.»

«Die Maus war ein Geschenk der Familie zu meiner Geburt – seitdem gehört sie zu meinem Leben.»
«Die Maus war ein Geschenk der Familie zu meiner Geburt – seitdem gehört sie zu meinem Leben.»

Weshalb sind Sie Torhüter geworden?
Ich wollte nie etwas anderes sein. Als ich mit vier oder fünf Jahren beim FC Herrliberg zum ersten Mal ins Training ging, bin ich einfach ins Tor gestanden und dringeblieben – bis heute. Warum? Ich weiss es nicht. Vielleicht bin ich schon als Torwart auf die Welt gekommen …

Was macht für Sie den besonderen Reiz dieser Position aus?
Es ist das Gesamtpaket. Den Druck auszuhalten, dass Fehler meistens zu Toren führen, ist sicher eine Herausforderung. Schwierig ist auch, dass man im Gegensatz zu den Feldspielern nicht permanent in Bewegung ist, aber immer bereit sein muss. Das ist meine Leidenschaft, und das macht mich sehr glücklich.

Woher nehmen Sie Ihre mentale Stärke?
Ich habe schon relativ lange einen Mentaltrainer, mit dem ich schwierige Situationen bespreche und der mich auf kommende Herausforderungen vorbereitet. Zudem war ich schon immer ein eher ruhiger Typ. Ich kann gut abschalten, analysiere Fehler und versuche sie rasch abzuhaken – sie gehören nun mal zum Spiel.

Weshalb sind Sie zu Borussia Mönchengladbach gewechselt?
Ich wollte nach vier tollen Jahren mit dem FCB eine neue Erfahrung machen. Als der Kontakt mit Borussia Mönchengladbach zustande kam, habe ich sofort ein grosses Vertrauen gespürt. Ich merkte, dass der Club es total ehrlich meint, und das hat mir ein gutes Gefühl gegeben, um den Schritt dann zu machen. Für mich war wichtig, dass das Gesamtpakt stimmte. Dazu zählte neben dem familiären Umgang im Verein natürlich auch die Tatsache, dass dieser Traditionsklub seit der legendären Fohlenelf um Günter Netzer und Jupp Heynckes sehr viele treue Fans hat.

Im neuen Klub haben Sie sich offenbar gut eingelebt – der Kontakt zu den Fans nach dem heutigen Training wirkte locker.
Für mich war das am Anfang ungewohnt. Aber vom früheren Nati-Goalie Jörg Stiel, der ja auch hier gespielt hat, wusste ich, dass der Umgang fast familiärer ist – obwohl bereits zum Training viele Leute kommen und bei den Heimspielen 54 000 Zuschauer. Schon beim FCB war das Interesse gross und die Fankultur super, aber hier ist das alles noch eine Nummer grösser.

«

Goalie sein ist Leidenschaft, es macht glücklich.»

«Das Amulett mit unserem Familienwappen – eine Sonne – haben mir meine Eltern schon vor langer Zeit geschenkt.»

«Das Amulett mit unserem Familienwappen – eine Sonne – haben mir meine Eltern schon vor langer Zeit geschenkt.»
«Das Amulett mit unserem Familienwappen – eine Sonne – haben mir meine Eltern schon vor langer Zeit geschenkt.»

Lucien Favre gilt als einer der besten Trainer in Deutschland. Was hat er Ihnen schon vermittelt?
Sehr viel! Er hat eine Philosophie, die für einen Goalie sehr spannend ist. Ich bin noch mehr als früher der elfte Feldspieler, den die Mannschaft braucht, um schnell und konstruktiv von hinten heraus zu spielen. Das ist mit mehr Risiko verbunden, erhöht aber die Chance, Konter erfolgreich abzuschliessen. Favre achtet ausserdem extrem auf Details. Wenn ein Trainer Perfektionist ist, finde ich das etwas vom Schönsten. Das motiviert mich zusätzlich, jeden Tag besser zu werden.

Hat Favre Ihrem Nati-Kollegen Granit Xhaka den Auftrag gegeben, sich etwas um Sie zu kümmern?
Natürlich hat mir Granit ein paar Tipps gegeben, doch wenn neue Spieler in eine Mannschaft kommen, ist das gesamte Team behilflich. Um das Drumherum kümmere ich mich eh gerne selbst. Ich hatte vor der Saison genügend Zeit, mir zum Beispiel eine Wohnung zu suchen.

Warum wohnen Sie nicht hier, sondern im 30 Kilometer entfernten Düsseldorf?
Es war keine Entscheidung gegen Mönchengladbach, wo ich auch immer wieder mal mit Teamkollegen unterwegs bin. Aber Düsseldorf ist eine spannende Stadt mit breitem Kultur- und Freizeitangebot. Ich finde es wichtig, auch mal vom Stadion wegzukommen und privat in andere Welten eintauchen zu können.

Eines Ihrer Hobbys ist Gitarrespielen – auch in einer Band?
Nein, manchmal machen wir in der Familie etwas Musik oder unter Kollegen, aber ich nehme meine Gitarrenstunden nur für mich, ohne Ambitionen.

Haben Sie musikalische Vorbilder?
Keith Richards von den Rolling Stones würde ich gerne einmal live sehen. Bei Flamenco-Gitarrist Paco de Lucia, der inzwischen leider verstorben ist, hatte ich dieses Glück noch in Basel.

Haben Sie eigentlich im Hinblick auf die Zeit nach dem Fussball eine Ausbildung gemacht?
Die Handelsschule habe ich abgebrochen, als ich 2007 vom FCB an den FC Vaduz ausgeliehen wurde, damit ich in der Challenge League Spielpraxis sammeln konnte. Falls es nicht geklappt hätte, hielt mir der Rektor die Rückkehr offen. Ich habe während meiner Zeit in Vaduz den Abschluss dann aber noch nachgeholt, um eben hinterher etwas in der Hand zu haben.

Sie sind ein Publikumsliebling, wirken sehr authentisch – woher kommt das?
Das ist eine Mischung aus meinem Charakter und dem, was die Eltern mir vorgelebt haben. Ich will nicht immer supernett sein, sondern zeige auch, wenn es mir nicht gut geht oder ich schlecht drauf bin. Ich bin, wie ich bin.

Das Frauen-Nationalteam hat sich erstmals für die WM qualifiziert. Interessieren Sie sich dafür?
Klar, ich habe auch schon ein oder zwei Länderspiele gesehen. Eine der Torhüterinnen kenne ich, weil sie früher auch für dem FC Basel spielte. Und Lara Dickenmann begegne ich immer wieder bei Ehrungen, wo sie meistens einen Preis gewinnt. Ich wünsche dem Team für die WM viel Glück!

Ist die Zeit der Macho-Sprüche über den Frauenfussball endgültig vorbei?
Das ist zu hoffen! Fussball ist eine lässige Sportart, weshalb sollten Frauen sie nicht betreiben? Wer daran noch Zweifel hat, sollte nur mal Lara Dickenmann zuschauen. Das ist grosses Kino!

Vier Daten im Leben von Yann Sommer

1988 Er wird am 17. Dezember in Morges VD geboren. Der Vater ist Romand, die Mutter Zürcherin.

2005 Profi beim FC Basel, Spielpraxis als Leihspieler in Vaduz und bei den Grasshoppers Zürich.

2011 Er wird Stammtorhüter an der U21-EM in Dänemark und beim FCB.

2015 Zweitbeste Bundesliga-Statistik – nur Weltmeister Manuel Neuer ist besser.

.

Aktuelle Infos zur EM-Quailifikation auf der Internetseite des SFV

Kommentare (2)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Christian Verheyen
Veröffentlicht:
Montag 23.03.2015, 18:10 Uhr

Weiterempfehlen:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?