Zäher Nabel

Sie: Bin richtig kribbelig: Unsere bald Sechzehnjährige geht seit den Sommerferien nicht mehr im Ort zur Schule, sondern muss mit dem Zug in die Stadt fahren und kommt erst abends wieder zurück. Also keine gemeinsamen Mittagessen mehr, bei dem unsere Mädels und ihre Freundinnen schwatzend und schmatzend am Tisch sassen, als wir gelacht und gefuttert haben. Ich wusste mehr oder weniger, was los war, wer nervte, wo es gut lief, was sie beschäftigte. Wie ich das genoss! Und jetzt: ein Aufbruch für sie, ein Abschied für mich.

«

Ich ertappe mich dabei, wehmütig zu werden.»

Ich ertappe mich, wehmütig zu sein. Die Tränen stehen mir zuvorderst. Schneider hingegen strahlt. Er freut sich, dass seine Tochter dieselbe Mittelschule besucht wie er damals. Wir blättern die Schulunterlagen durch und staunen, was an der neuen Schule alles geboten wird. «Schau, da gibts einen Elternrat und dafür suchen sie noch Leute. Das wär’ doch was!», sage ich. «Projekte aushecken, das Dreieck aus Lehrern, Schülern und Eltern schliessen. Würde mir Spass machen.» Er nickt abwesend. Dann lese ich vom grossen Sommernachtsfest. Muss legendär sein, Schneider hat schon davon erzählt. «Ich trage das Datum in der Agenda ein, hoffentlich haben wir da noch nichts vor», sage ich. Schneider blickt mich ernst an: «Liebste, nicht du gehst an die Schule, sondern deine Tochter.»

Er: Was habe ich für starke Erinnerungen an meine Kantonsschulzeit! Eine imposante Anlage mit Gärten, Blumenwiesen, Brunnen, Weihern. Alte, erhabene Klostermauern, hinter denen der Unterricht stattfand – das, was mir an der ganzen Schulzeit jeweils am wenigsten Spass gemacht hat. Und jetzt besucht meine ältere Tochter dieselbe Schule! Grossartig! Bin richtig stolz. Ein neues Kapitel im Familienbuch wird aufgeschlagen. Sie wird viele interessante Leute kennenlernen, an spannenden Projekten mitwirken, Feste feiern … «Wieso sollten wir nicht an dieses Sommernachtsfest gehen?», fragt mich Schreiber, als wir die umfangreichen neuen Schulunterlagen durchsehen.

«

Sie besucht jetzt die gleiche Schule wie ich. Grossartig.»

«Weil das keine kleinen Kinder sind, die dort feiern, sondern junge Erwachsene.» «Na und? Wir könnten doch einfach nur schnell vorbeischauen.» «Könnten wir, sollten wir aber nicht! Frag mal deine Tochter, ob sie uns Fossile dabeihaben will.» «Du nennst mich ein Fossil?» «Ich meine nicht dich, sondern uns, die Eltern. Aber ich glaube, du hast ein anderes Problem.» «Welches, bitte schön?» «Du willst dich nicht abnabeln.» Schreiber hat auf einmal Tränen in den Augen. «Wollen schon. Aber die Nabelschnur ist verdammt zäh.»

 (Coopzeitung Nr. 35/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 29.08.2016, 00:00 Uhr

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