Zaubertrank Milch

Muntermacher, Kraftspender, weisses Gold – Milch hat viele Attribute. Seit Urzeiten nutzt sie der Mensch als Grundnahrungsmittel, doch in jüngster Zeit trinkt er hierzulande immer weniger davon. Der Anteil natürlich und biologisch produzierter Milch dagegen steigt.

Es ist still im Stall. Nur die Blitzanlage des Fotografen fiept gelegentlich in das Rascheln und Grummeln der Kühe, die mit augenscheinlichem Appetit ihr Heu fressen, friedlich und zufrieden. Dass für die Coopzeitung eine von ihnen heute einmal ausnahmsweise von Hand gemolken wird – davon lassen sie sich nicht stören.

Bewusster Verzicht auf Kraftfutter

Bauer Erich Unternährer zeigt seinen Buben Matis (5) und Oskar (7, rechts), wie man eine Kuh von Hand melkt.

Bauer Erich Unternährer zeigt seinen Buben Matis (5) und Oskar (7, rechts), wie man eine Kuh von Hand melkt.
http://www.coopzeitung.ch/Zaubertrank+Milch Bauer Erich Unternährer zeigt seinen Buben Matis (5) und Oskar (7, rechts), wie man eine Kuh von Hand melkt.

Wir sind im Napfbergland, an der Grenze vom Entlebuch zum Emmental, auf 800 m ü. M. in Romoos LU. Den Hof mitten im Ort bewirtschaftet Erich Unternährer (38) in der 4. Generation, zusammen mit seiner Frau Jole (42) und den Kindern Leora (11), Alisa (9), Oskar (7), Matis (5) und Felix (2). An Tagen wie heute hilft sein Vater Hugo aus – auch mit 80 ist er noch oft im Stall. Dort stehen derzeit 18 Braunvieh-Kühe und vier Kälbli. Viel mehr liegt nicht drin, denn hier oben hat es wenig Platz: Direkt hinter dem Stall geht es auf die Weide.

Das ist einer der Gründe dafür, dass die Produktion nach Heumilch-Regeln für Unternährer nichts Ungewöhnliches ist: «Das war hier immer so: Im Sommer sind die Kühe auf der Weide, im Winter füttern wir sie mit Heu.» Auf Milchleistung gezüchtete Tiere, gefüttert mit Kraftfutter und Import-Soja – das hält der engagierte Bauer für einen Irrweg, und immer mehr Konsumenten sehen das auch so.

Nahrungsmittel mit Geschichte

Die Milchkanne kommt nur noch in der Alpwirtschaft zum Einsatz.

Die Milchkanne kommt nur noch in der Alpwirtschaft zum Einsatz.
http://www.coopzeitung.ch/Zaubertrank+Milch Die Milchkanne kommt nur noch in der Alpwirtschaft zum Einsatz.

Die Verbindung des Menschen zur Milch ist uralt. Die Muttermilch ist unser erstes Nahrungsmittel überhaupt. In alten Mythen wird Tiermilch als Lebensretter dargestellt, wie etwa in der Sage von der Gründung Roms durch die Zwillinge Romulus und Remus: Sie wurden nach der Geburt ausgesetzt und von einer Wölfin gesäugt.

Milch steht für Wohlstand: In der Bibel wird Kanaan als das gelobte Land beschrieben, in dem Milch und Honig fliessen. Das sind übrigens die Grundbausteine der menschlichen Ernährung: Eiweiss, Fett und Kohlenhydrate. Warme Milch mit Honig soll bei Erkältung helfen. Und Milch wird auch mit Schönheit in Verbindung gebracht, vom Milchbad der ägyptischen Königin Kleopatra bis zum Symbol für einen idealisiert reinen und weissen Hautteint.

Besonders hohe Qualität

Da waren sie noch kleiner: Matis und Oskar (r.) mit Milchkanne.

Da waren sie noch kleiner: Matis und Oskar (r.) mit Milchkanne.
http://www.coopzeitung.ch/Zaubertrank+Milch Da waren sie noch kleiner: Matis und Oskar (r.) mit Milchkanne.

Die Inhaltsstoffe der Milch spielen in unserer Nahrungsmittelbilanz eine wichtige Rolle. Insbesondere den Kalzium-Bedarf decken wir zu über 75 Prozent mit Milch und Milchprodukten. Und das nicht nur, wenn die Kuh gleich nebenan steht, wie bei den Unternährers. Wer als Stadtkind in den 1960er- Jahren aufgewachsen ist, erinnert sich an die Schulmilch in der Glasflasche, die es Tag für Tag in der grossen Pause zu trinken gab, in späteren Jahren auch als Schoggimilch im Tetrapak. Klassische Werbesprüche wie «Milch macht müde Männer munter» und die legendären TV-Auftritte der Kuh «Lovely» prägten das Image.

Aus Sicht von Erich Unternährer ist die hohe Qualität der Inhaltsstoffe ein weiteres Argument für seine Art, Milch zu produzieren: «Unsere Milch hat besonders viel Rahm und Eiweiss. Und wir haben in der Milch eine sehr niedrige Zellzahl.» Letzteres ist ein Indikator für die Gesundheit des Milcheuters – wo die Schweizer Milch generell schon Spitzenwerte im internationalen Vergleich erzielt, übertreffe seine Heumilch den Durchschnitt nochmals deutlich, betont Unternährer.

Marktveränderung

Dass der Pro-Kopf-Konsum von Trinkmilch seit Jahren abnimmt, liegt nicht nur daran, dass die Jugend heute lieber mit Energydrinks in den Tag startet. Auswirkungen der staatlichen Milchpolitik wie der «Butterberg» sorgten für negative Schlagzeilen. Und die Bilder von protestierenden Bauern, die ihre Milch auf die Strasse schütten, konnten den ebenso seit Jahren anhaltenden Verfall der Erzeugerpreise nicht aufhalten. An eine Trendwende mag niemand in der Branche glauben. Jahr für Jahr geben etwa 800 Milchbauern auf, und doch steigt die Produktion von Milch und Milchprodukten an: Die Betriebe werden durch Zusammenlegung oder Aufstockung grösser und leistungsfähiger. Die Milchverarbeiter entwickeln immer neue Produkte und passen die Geschmacksrichtung – zum Beispiel bei Jogurt – den kulinarischen Trends an.

«

Im Sommer haben die Kühe die Weide, im Winter das Heu.»

Erich Unternährer, Bauer

Moderne Technik im Stall erleichtere die körperliche Arbeit, berichtete Rosmarie Fischer-von Weissenfluh (46) jüngst am Schweizer Milchforum in St. Gallen. Auf ihrem Hof in Blumenstein BE hat letztes Jahr die Digitaltechnik Einzug gehalten: Fütterungs- und Melkroboter. Davon erhofft sich die überzeugte und energische Landwirtin eine Steigerung der Rentabilität. Schon jetzt sehe sie aber, dass sie an Lebensqualität gewonnen und wieder mehr Zeit für ihre Tiere und die Familie habe: «So macht die Arbeit im Betrieb wieder Freude.»

Naturnah

Reiches Nahrungsmittel: Ein Glas (2,5 dl) Vollmilch liefert etwa 160 kcal Energie, 9 g Fett und 8 g Eiweiss.

Reiches Nahrungsmittel: Ein Glas (2,5 dl) Vollmilch liefert etwa 160 kcal Energie, 9 g Fett und 8 g Eiweiss.
http://www.coopzeitung.ch/Zaubertrank+Milch Reiches Nahrungsmittel: Ein Glas (2,5 dl) Vollmilch liefert etwa 160 kcal Energie, 9 g Fett und 8 g Eiweiss.

Erich Unternährer geht mit der Heumilch einen anderen Weg. Eine Vergrösserung des Betriebs wäre hier oben in Romoos gar nicht möglich. So betreibt er ausserhalb des Orts noch eine Schweinemast und vermietet ein Ferienhaus an Touristen. Seit das Entlebuch zur Unesco-Biosphäre erklärt wurde, ist der Fremdenverkehr spürbar gestiegen.

Für Bauern wie Erich Unternährer ist es aber existenziell, dass die Molkereien die besondere Qualität ihrer Heumilch schätzen – und dafür auch einen höheren Milchpreis zahlen. Dass Coop diese besonders naturnahe und tierfreundliche Produktionsweise fördert, ist eine Konsequenz des Engagements der Detailhändlerin für Nachhaltigkeit. Welche im Übrigen auch den Wünschen der Kundschaft entspricht: Bei Milch mit Mehrwert – Bio Regio, Demeter, Pro Montagna, Miini Region etc. – steigt die Nachfrage.

Der Erfolg naturnah und biologisch produzierter Milch hängt wohl auch damit zusammen, dass es den Tieren dabei ebenso gut geht wie den Bauern. Als Erich Unternährer zur Schule ging, dachte er nicht daran, dass er als der Jüngste von sechs Geschwistern den Hof der Eltern übernehmen würde. Wenn er heute seine Kinder im Heu umhertollen sieht und von der Arbeit erzählt, strahlt er übers ganze Gesicht. Offensichtlich hat er mit der Heumilch-Produktion für sich und seine Familie genau den richtigen Weg gefunden.

1922

Land der Berge, Land der Bauern: Vor knapp 100 Jahren sollte dieses Plakat den Konsum ankurbeln.

1932

Statt des Alpenidylls rücken zehn Jahre später der Konsum und die moderne Familie in den Fokus.

1958

Um die Milch gegenüber den neu aufkommenden Erfrischungsgetränken zu positionieren, ist ein jugendliches Image gefragt.

1980

«Sex sells» – das gilt offenbar auch für die Milchwerbung: Bei diesem Sujet sollen verführerische Lippen die Lust auf ein Glas Milch wecken.

1999

Auftritt für Lovely, die coole Kuh mit ausserordentlichen Fähigkeiten. Bis heute ist sie als Ikone der Schweizer Milchwerbung beliebt.

André Bernet, 45, Geschäftsführer des Vereins Heumilch Schweiz

André Bernet, 45, Geschäftsführer des Vereins Heumilch Schweiz
http://www.coopzeitung.ch/Zaubertrank+Milch André Bernet, 45, Geschäftsführer des Vereins Heumilch Schweiz

Bisher gab es diese Milch und daraus hergestellte Milchprodukte nur in einzelnen Läden. Jetzt gibt es sie schweizweit unter dem Label «Coop Heumilch».

Was unterscheidet Heumilch von konventioneller Milch?
Das Label steht in erster Linie für glückliche Kühe und faire Milchpreise. Alle Heumilch-Landwirte erfüllen die RAUS-Anforderungen des Bundesamtes für Landwirtschaft. Das bedeutet, dass ihre Kühe im Sommer mindestens 26 Tage im Monat auf der Weide verbringen und ganzjährig Auslauf haben. Heumilch steht aber auch für eine natürliche und traditionelle Fütterung nach den Jahreszeiten mit einem kompletten Verzicht auf Silofutter.

Schmeckt Heumilch wirklich anders?
Durch die natürliche Fütterung der Kühe schmeckt Heumilch besonders vollmundig. Der feine Gaumen erfasst sogar, dass sich ihr Geschmack über das Jahr hinweg leicht verändert. Der Unterschied ist bei der Rohmilch sehr deutlich spürbar, bei pasteurisierten Produkten etwas feiner.

Ist Heumilch mehr als nur eine neumodische Marke?
Es ist die ursprünglichste Art der Milchproduktion, und die Schweiz war schon immer ein Heumilch-Land. Früher gab es hierzulande nur silofreie Milch. Heute sind es nur noch etwa 30 Prozent der gesamten Milchproduktion.

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Die Schweiz war schon immer ein Heumilch-Land»

Was bedeutet der Verzicht auf Silofutter für die Kuh?
Heumilch-Kühe grasen im Sommer auf saftig grünen Wiesen, im Winter bekommen sie sonnengetrocknetes Heu. Diese Art der Tierhaltung und Fütterung ist besonders naturnah und artgerecht.

Die Kühe geben aber weniger Milch – was hat dann der Bauer davon?
Heumilch-Kühe sind weniger auf Leistung getrimmt, der Kraftfutter-Einsatz ist auf maximal 10 Prozent der Tagesration begrenzt und daher ist die Milchleistung tiefer. Andererseits bekommt der Heumilch-Bauer mehr pro Kilo: Der ausbezahlte Milchpreis liegt aktuell bei 73 Rappen und damit um mindestens 5 Rappen höher als der Richtpreis für konventionelle Milch. Zudem lässt sich beispielsweise nur dank der speziellen Heumilch-Qualität lagerfähiger Naturkäse ohne Beigabe von Zusatzstoffen schonend herstellen.

Warum gibt es Heumilch jetzt als Coop-Eigenmarke?
Wir möchten, dass Heumilch und Heumilch-Produkte schweizweit erhältlich sind. Als kleiner Verein müssten wir auf dieses Ziel lange hinarbeiten, und deshalb haben wir einen starken Partner gesucht. Den haben wir nun gefunden: Coop glaubt an die Heumilch und unterstützt uns sehr stark.

Was erwarten Sie von der Zusammenarbeit?
Wir haben das gemeinsame Ziel, die Heumilch als Schweizer Qualitätsprodukt mit einem erhöhten Tierwohlstandard zu fördern. Immer mehr Bauern erhalten dadurch die Chance, in die Heumilch-Produktion einzusteigen.

Hier gehts zum Milch-Wettbewerb von Bio Suisse

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Martin Winkel

Redaktor

Foto:
Remo Nägeli, ZVG
Veröffentlicht:
Montag 09.04.2018, 15:54 Uhr

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