Annelise Zwez in der Haupthalle des Fraubrunnenhauses.

Zeitreise: Leben fast wie im Mittelalter

Annelise Zwez unterhält eine 700-jährige Ordensresidenz, die einst von rebellischen Nonnen bewohnt wurde. Besucher sind willkommen. 

Wer die Schwelle zum Haus von Annelise Zwez (68) in Twann BE überschreitet, begibt sich buchstäblich auf eine Zeitreise. Mit jedem neuen Raum eröffnet sich eine neue Epoche: Durch das Pfahlbaumuseum, das ihr Grossvater 1938 eröffnet hat, führt eine Treppe in die fast mittelalterlich-rustikal anmutende Haupthalle mit steinernem Kamin und Bärenfell an der Wand, die daran grenzende Bibliothek gleicht der Schreibstube eines Klosters, wenige Meter weiter erstrahlt ein Salon aus dem 18. Jahrhundert in prächtigem Glanz. Seit 22 Jahren bewohnt Annelise Zwez das Fraubrunnenhaus, dessen Geschichte mehr als 700 Jahre zurückreicht. Wie lebt es sich in einem Gebäude, in dem jeder Winkel den Geist vergangener Epochen atmet? Bevor Annelise Zwez zu einer Antwort ansetzt, schickt sie eine freundliche «Warnung» voraus: «Sie werden mich bremsen müssen!» Denn was nun folgt, ist ein vor Enthusiasmus nur so sprühender Reigen an Geschichten, Erklärungen und Anekdoten. Sie erzählt von ihrer frühsten Erinnerung an das Haus, an den alten Dachstuhl aus dem Jahr 1572, wo sie als Kind Verstecken gespielt hat und wo sie heute für sich zeitgenössische Kunst ausstellt. Seit 1804 gehört das Haus der Familie. Fast jedes Jahr verbringt Annelise Zwez als Kind die Ferien bei den Grosseltern; das Fraubrunnenhaus erscheint ihr damals wie ein überdimensionierter Spielplatz. Als sie zehn Jahre alt ist, wecken die unzähligen Kisten mit alten Dokumenten ihr Interesse: «Es machte mir immer einen Riesenspass, Dinge zu ordnen und zu etikettieren.» Dieses Interesse an der Geschichte liege bei ihr in der Familie, sagt sie. Das Haus ist eine historische Goldgrube, weil die Familie seit dem 19. Jahrhundert kaum etwas weggeworfen hat, was von kulturellem Wert sein könnte. 

Der Geist der Freiheit

Seinen Namen hat das Haus von den Nonnen des Zisterzienserinnenklosters Fraubrunnen. Die vor allem aus bernischem Landadel stammenden Frauen nutzten es seit 1263 während der Traubenlese als Herbsthaus. Die Fraubrunnen-Nonnen seien «recht rebellische» Klosterfrauen gewesen, jedenfalls ist überliefert, dass sie die bischöflichen Inspektoren 1268 mit «Knüppel und Schwert» verjagten und sich nie ganz den klösterlichen Regeln unterwarfen. «Das waren Powerfrauen», sagt Zwez. Mit deren emanzipatorischem Antrieb fühlt sie sich verbunden, hat ihr Streben nach Unabhängigkeit doch auch in ihrem Leben immer eine wichtige Rolle gespielt. Gleich nach der Matura zieht sie für ein Kunstgeschichte-Studium nach Grenoble und wechselt kurz darauf nach Cambridge, wo sie in den Kellern zu «fürchterlich lauter» Beatles-Musik tanzt. Es ist das Jahr 1968, und die Zeichen stehen auf Befreiung. Annelise Zwez schlägt eine Karriere als Kunstkritikerin ein und wird dieser Tätigkeit über 40 Jahre lang treu bleiben. Gleichzeitig kümmert sie sich mit Engagement um ihre drei Kinder. 

Entscheidung des Schicksals

Sie ist viel unterwegs und hat ihren Wohnsitz in Lenzburg, das Fraubrunnenhaus ist für lange Zeit nur eine Nebensache. Dieses Haus, das die Familie zufällig günstig ersteigern konnte. Als die Mutter ins Pflegeheim muss, erzählt sie Annelise Zwez alles, was sie über das Haus weiss. Sie absorbiert alles wie ein Schwamm. Und irgendwann ist klar, dass sie sich nun ausschliesslich um das Gemäuer kümmert. Seit 1998 bewohnt sie nun dieses riesige, mittlerweile denkmalgeschützte Gebäude und koordiniert die ständigen Renovierungsarbeiten und bietet auch Führungen an. «Ich empfinde eine Verpflichtung der Öffentlichkeit gegenüber, dass ich dieses aussergewöhnliche Haus, das mir das Schicksal zugeordnet hat, ein Stück weit öffne und interessierten Menschen davon erzähle», sagt sie. 

Die moderne Seite

Aber es hat nicht nur Vorteile, in einem Stück Geschichte zu wohnen. Im Winter ist es sehr dunkel, besonders bei Nebel. Seit 1995 gibt es eine Wärmepumpe und damit auch eine Zentralheizung. So können wichtige Räume miteinander beheizt werden. «Oft werde ich gefragt, ob ich denn nicht Angst hätte, so allein in dem riesigen Haus. Nein, habe ich nicht, aber das Handy mitzunehmen in den Estrich oder den Keller ist unverzichtbar.» Denn, würde ihr einmal etwas zustossen, könnte es eine Weile dauern, bis sie gefunden würde.
Zwez öffnet die Tür zu einem Trakt, den sie Besuchern ansonsten vorenthält. Und just endet die Zeitreise in der Gegenwart: moderne Möbel, viele Bücher, ein Computer und eine Menge zeitgenössischer Kunst an den Wänden. «Ich lebe hier nicht in einem Museum», sagt sie schmunzelnd. Und was ist mit der Zukunft? Noch können sich die Kinder nicht vorstellen, sich einmal um das Haus zu kümmern. «Es wird sich schon alles fügen. So wie bei mir.»

...im Leben von Annelise Zwez 

1972 Ihr erstes Kind Dominik kommt zur Welt; es folgen 1975 Caroline und 1978 Evelyne.

1994 Die Mutter muss ins Pflegeheim. Während der Besuche erzählt sie ihr alles über das Fraubrunnenhaus.

2012 Annelise Zwez erhält den Kulturpreis der Stadt Biel. Damit werden ihre Verdienste als Kunstkritikerin gewürdigt.

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Text:
Nicolas Bollinger
Foto:
Peter Mosimann
Veröffentlicht:
Montag 22.08.2016, 12:17 Uhr

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