Die Tram-EM im Visier: Christoph Engelmann (54), Isabelle Pedrolini (49) und Veronique Keller (31).

Zielgenau: «Es braucht ein wenig Glück»

Ein Zürcher Trio macht sich nach Teneriffa auf, um Schweizer Tramgeschichte zu schreiben.

Isabelle Pedrolini und Christoph Engelmann befolgen hoch konzentriert die Anweisungen des Fotografen («Das rechte Bein hängen lassen!», «Denkt an etwas Schönes!»), als ihnen ein Arbeitskollege im Vorbeilaufen den Tarif durchgibt: «Alles andere als eine Goldmedaille wäre eine Enttäuschung!» Pedrolini verdreht die Augen: «Wir wollen einfach nicht Letzte werden.» Engelmann hingegen sagt: «Nur der Sieg zählt.»
Die beiden Zürcher Trämmler haben noch ein wenig Zeit, um sich auf ein gemeinsames Ziel zu einigen: Am 4. Juni nehmen sie an der Tram-Europameisterschaft in Santa Cruz auf Teneriffa teil. Was nach einem verspäteten Aprilscherz klingt, gibt es wirklich, und zwar seit 2012. Damals trafen sich zum 140. Gründungsjahr der Dresdner Strassenbahn erstmals Trampiloten aus ganz Europa zum gemeinsamen Wettstreit. Seitdem findet die EM jedes Jahr statt; 2016 war erstmals auch ein Schweizer Duo – ebenfalls aus Zürich – dabei, wenn auch erfolglos.
Die Teams, denen jeweils eine Frau und ein Mann angehören, messen sich in mehreren Disziplinen, etwa im Zielbremsen oder im Geschwindigkeitsfahren ohne Tacho. Gerade mal zwei Tramlinien gibt es auf Teneriffa. Die Tranvia Tenerife ist zugleich das einzige schienengebundene Verkehrsmittel auf den Kanarischen Inseln. Die Länge des Streckennetzes beträgt rund 12,5 Kilometer. Und ist «wegen der 600 Höhenmeter und ihren vielen Unterführungen ganz schön herausfordernd», wie Veronique Keller weiss. Sie ist als Teamcoach dabei und formuliert das Ziel aus ihrer Sicht so: «Sie sollen ihr Bestes geben.»
Damit dies auch möglich ist, haben Pedrolini und Engelmann, die beiden Angestellten der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ), geübt, aber nicht in Zürich, sondern in Basel. Denn die Trams auf Teneriffa werden im Führerstand von den Piloten mit dem Joystick übers Schienennetz geleitet – im Gegensatz zu den VBZ verfügen die Basler Verkehrs-Betriebe über solche Modelle. Christoph Engelmann sieht darin keinen Nachteil. «Damit kommen wir schon zurecht.»

Abwechslungsreicher Job

Den 54-Jährigen scheint nichts aus der Ruhe bringen zu können, zumindest nicht im Strassenverkehr: 3,5 Millionen Kilometer hatte der gelernte Fernmeldetechniker als Privatchauffeur in seinem Berufsleben zurückgelegt, bevor er 2012 Trämmler wurde. Er hat seinen Wechsel nie bereut, vielmehr schätzt er – trotz Schichtarbeit – den geregelten Betrieb, zugleich aber auch die Abwechslung: «Keine Fahrt verläuft wie die vorherige.»
Isabelle Pedrolini (49) machte ihre Ausbildung im Detailhandel. 1992 wurde sie Wagenführerin, wie ihr Beruf damals noch hiess. Dann wurde Tramführerin daraus und schliesslich die modern und schick klingende Trampilotin. Ihr gefällt, dass es in ihrem Job immer Arbeit gibt – «dafür aber keinen Chef, der mir ständig dreinredet». Veronique Keller wiederum findet es angenehm, dass nichts liegen bleibt, wenn sie in die Ferien geht und sie in der Freizeit wirklich frei hat. «Das gibt es heute ja eher selten», sagt die 31-jährige gelernte Bäcker-Konditorin, die bei den VBZ erst seit 2013 dabei ist – und trotzdem schon als Teamcoach an die EM fährt. Wie das? Sie wollte selber als Pilotin teilnehmen, blieb bei den Qualifikationswettkämpfen jedoch ohne Fortune und stellte sich danach als Teamcoach zur Verfügung. Das klappte. Nun freut sie sich auf «einen tollen Teamgeist und auf viel Spass auf einer schönen Insel», wobei sie ausdrücklich darauf hinweist, dass die EM nicht als Arbeitszeit gelte, sondern von ihrem Ferienkonto abgebucht werde.Keller ist fürs Organisatorische zuständig. Worauf es beim Wettkampf auf Teneriffa ankommt, wissen die beiden Teilnehmer selbst am besten. «Auf Geschicklichkeit», sagt Christoph Engelmann. «Ein bisschen Glück braucht es auch», ergänzt Isabelle Pedrolini, «genau so wie bei den täglichen Fahrten.» Alle drei sind bis jetzt ohne grössere Unfälle durchgekommen und hoffen, dass dies auch so bleiben möge. «Dafür braucht es eben ein bisschen Glück.»
Der Dichtestress auf den Strassen habe nämlich klar zugenommen, findet Pedrolini, «die Aufmerksamkeit der Fussgänger hingegen stark abgenommen. Natürlich vor allem wegen des Handys». Der Alltag auf den Strassen ist hektischer geworden. Engelmann glaubt erkannt zu haben, dass die Verkehrsteilnehmer weniger Rücksicht aufeinander nehmen. «Viele denken zuerst einmal an sich selber.»
Trotzdem sprechen die drei Trämmler von einem Job, «der unter dem Strich grossartig ist». Auch weil er immer wieder Überraschungen bereithält. Keller erzählt von einem älteren Fahrgast, der ihr beim Aussteigen einen Schoggihasen überreicht habe. Pedrolini hingegen erinnert sich an einen Passagier, der einen Esel mit ins Tram nehmen wollte. Sicherheitshalber fragte die Pilotin die Leitstelle, ob das erlaubt sei. Diese bejahte, allerdings unter der Bedingung, dass für den Esel ein Billett gelöst werden müsse. Das Tier wollte davon nichts wissen und stellte sich vor dem Einstieg stur – genau so wie der Fahrgast, der das Tram betrat, den Esel aber kurzerhand an der Leine draussen mitlaufen liess.
Eine lustige Geschichte. Christoph Engelmann hätte trotzdem nichts dagegen, «wenn wir an der EM auf Teneriffa keine solchen Überraschungen erleben».

 

Das wünscht sich das Trämmler-Trio von den Fahrgästen

Alle Türen benützen!
Nicht nur die vorderste und die hinterste.

Bitte gut festhalten!
Wenns genügend Platz hat, sich sofort hinsetzen.

Türe nicht blockieren!
Und wenn, dann nur für Fahrgäste, die ganz in der Nähe sind.

Die Disziplinen der Tram-EM

Wie die einzelnen Disziplinen in diesem Jahr aussehen, wird erst am 3. Juni bei der offiziellen Begrüssung aller Teilnehmerteams (insgesamt 23 aus 14 Nationen) auf dem Depot der Strassenbahn von Santa Cruz bekanntgegeben. Im Vorjahr in Berlin, wo Budapest als Sieger hervorging, waren es folgend Disziplinen:

Übung 1: Geschwindigkeit und Zielbremsen
Ziel der Aufgabe ist es, aus dem Stand zu beschleunigen, an einem Messpunkt exakt 20 km/h zu fahren und vor einem Hindernis mit einer definierten Bremskraft zu halten. Der Tacho ist dabei verdeckt. Am ersten gekennzeichneten Messpunkt wird die Geschwindigkeit durch die Schiedsrichter ermittelt. Unmittelbar nach dem Messpunkt ist eine Zielbremsung einzuleiten, die das Fahrzeug vor einer Bauschranke stoppt. Das Tram soll möglichst nah vor der Bauschranke zum Stehen kommen. Eine Regulierung der gewählten Bremsstellung oder ein Eingreifen in den Bremsvorgang ist untersagt.
Je näher die Bahn vor der Bauschranke hält, desto mehr Punkte erhält das Team. Bei Berührung drohen 0 Punkte.

Übung 2: Seitlicher Abstand
Ziel dieser Aufgabe ist es, die Breite der Bahn richtig einzuschätzen und so Zusammenstösse zu vermeiden.
Sobald das Tram an der Schranke zum Stehen gekommen ist, öffnet Fahrer 1 die Tür für Fahrer 2. Er oder sie läuft zügig zum aufgestellten Dummy und positioniert diesen am Gleis so, dass die Bahn ihn bei langsamer Vorbeifahrt nicht berührt. Ist die Position festgelegt, signalisiert der entsprechende Teamkollege/in, durch Heben des Arms, dass der Fahrer losfahren kann. Der Teamkollege/in darf zu keinem
Zeitpunkt Blickkontakt mit dem Fahrzeug haben – Blick in Fahrtrichtung! Je dichter das Tram am Dummy vorbeifährt, desto mehr Punkte gibt es. Bei Berührung drohen 0 Punkte.

Übung 3: Exakter Stopp
Ziel der Aufgabe ist es, mobilitätseingeschränkten Kunden einen komfortablen Ein- und Ausstieg zu ermöglichen.
Sobald die Messung bei Übung 2 beendet ist, sitzen beide Teamkollegen wieder in der Bahn. Sie nehmen mit dem Tram Fahrt , um dann zu bremsen und mit der zweiten Tür exakt mittig an der aufgestellten Rampe stehenzubleiben.
Nach dem Anhalten und Türöffnen zeigt ein Pfeil in der Mitte an, wie genau der Fahrer gehalten hat und wie viele Punkte es dafür gibt. Der Aussenspiegel darf bei dieser Übung nicht verwendet werden! Anschliessend erfolgt ein Fahrzeugwechsel.

Übung 4: Schiebefahrt
Der Fahrer nimmt im hinteren Triebwagen Platz, der Teamkollege im vorderen Wagen. Ziel der Aufgabe ist das perfekte Zusammenspiel der Teammitglieder. Kommunikation und Reaktion sind bei dieser Übung gefordert.
Ein Teampartner befindet sich im Fahrerraum des zu schiebenden Zuges. Über das Rangiersignal gibt er ein Zeichen zum Anfahren und zum Bremsen. Das Fahrzeug muss über Messfeld 1 oder 2 (je nach Los) geschoben werden und rechtzeitig gestoppt werden. Ziel ist es, den Zug mit der Kupplung exakt auf der Markierung «500 Punkte» anzuhalten. Das Tram darf nur einmal angefahren und nur einmal angehalten werden. Stillstand der Räder bedeutet Ende der Übung.
Ist das Fahrzeug zum Halt gekommen, müssen die beiden Teammitglieder das Fahrzeug zügig verlassen, um die Zeitmessung am Buzzer zu beenden.

Übung 5: Tram Bowling
Beim Tram-Bowling können die Teams extra Punkte sammeln. Der Fahrer beschleunigt das Fahrzeug, stösst den Ball somit in Richtung der sechs Kegel und leitet direkt eine Bremsung ein. Für jeden gefallenen Kegel erhält das Team 100 Punkte.
Fährt das Team mit der Bahn in die Kegel, gilt die Übung als verloren.

 

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