Zivilcourage

Steven Schneider: Mit Schreiber durch den Wald spazieren kann schön sein –  wenn wir nicht an illegalen Kleinstdeponien vorbeikommen, die Schreiber reflexartig aufräumt. Im Extremfall gehts den restlichen Weg samt Abfall nach Hause. Aber heute habe ich Glück. Bisher keine versauten Feuerstellen.  «Hier riecht es nach Rauch», sagt Schreiber auf einmal, und auch unser Hund schnuppert in der Luft herum. 

«Der Lusthüsli-Grillplatz ist da unten», antworte ich. «Vielleicht ist eine Schulklasse am Bräteln.» Wenige Schritte später zeigt sich: keine Schulklasse, aber vier junge Männer in Lederjacken ums Feuer, je ein Bier in der Hand. «Wenn die nur nicht die leeren Flaschen herumschmeissen und die Scherben liegen lassen», flüstert Schreiber mir zu.

«

Vier junge Männer in Lederjacken, je ein Bier in der Hand.»

Wenn die nur nicht uns herumschmeissen und liegen lassen, denke ich. Die Typen sehen so aus, als würden sie keiner Schlägerei aus dem Weg gehen. Ich will Schreiber am Arm ziehen, um hier rasch vorbeizukommen, als sie sich plötzlich vor der Runde aufbaut und freundlich, aber deutlich sagt: «Toll, dass ihr unter freiem Himmel feiert, aber gell, ihr räumt dann schon alles wieder auf. Es soll doch schön bleiben hier im Wald. Viel Spass!» 

Sybil Schreiber: «Bist du lebensmüde? Irgendwelche Halbstarke zu provozieren?», zischt mir Schneider zu. «Was? Ich war doch freundlich. Und sie haben sogar gelacht und uns zugeprostet.» «War trotzdem riskant.» «Du hattest doch nicht etwa Angst?» Ich äuge zu Schneider hinüber. Es reicht ja, dass mir das Herz bis zur Schädeldecke geklopft hat. Denn vertrauenserweckend wirkte die Gruppe nicht. Aber Lederjacken und Bierseligkeit sind trotzdem kein Grund zu schweigen, finde ich und erkläre: «Wenn man nichts sagt, ändert sich auch nichts.» 

«Aber du bist auch noch Deutsche. Das hätte buchstäblich ins Auge gehen können», antwortet Schneider sauer. Vielleicht ist er auch nur enttäuscht, dass ich mutiger war als er. Da sagt er: «Es hat übrigens nichts mit mangelnder Zivilcourage zu tun, falls du mir das jetzt vorwerfen willst, sondern mit gesundem Selbsterhaltungstrieb. Man muss
abschätzen können, ob es klug ist, sich einzumischen.»

«

Ich kann nicht anders. Ich muss aufräumen.»

«Zivilcourage? Und wenn die Typen aufgestanden wären, was hättest du dann gemacht?» «Dich beschützt, natürlich.» Ballt er grad seine Faust? So süss! Das macht Mut, finde ich: «Dann kann ich auch beim nächsten Mal laut sagen, was du nur leise denkst.» 

 (Coopzeitung Nr. 37/2014)

Was meinen Sie? Soll man Zivilcourage zeigen oder sich lieber aus Selbstschutz aus dem Staub machen?

Sybil und Steven im Duell. Wer hat die besseren Argumente? Stimmen Sie hier ab.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Dienstag 09.09.2014, 17:30 Uhr

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