Zum Glück gescheitert

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Schreiber: In New York zu sein ist für mich auch eine Reise in die Vergangenheit. Vor rund 35 Jahren träumte ich davon, Schauspielerin zu werden. Ich lebte damals im East Village, ging an die Schauspielschule, hatte den Kopf voller schillernder Ideen, kein Geld, keinen Plan und daheim Eltern, die sich Sorgen machten.

War tierisch anstrengend.

Ich will Schneider unbedingt zeigen, wo ich gelebt hatte. Die Adresse weiss ich noch auswendig. «4th Street between First and A», sage ich und komme mir sehr newyorkerisch vor. Schneider nickt.

«Über die Avenue A durfte man nicht, das war echt gefährlich.»

«

Ich wohnte im 12. Stock, direkt unter dem Dach.»

Dann stehen wir davor.

Mein Traum wäre, hinein zu können. Hinauf zu können. In den 12. Stock. Ich wohnte damals direkt unterm Dach, die Terrasse eine Etage weiter oben war unser Partydeck. Wenn Besuch aus Europa kam, habe ich den Grill beladen und mit der Aussicht geprahlt.

Würde ich Schneider sehr gerne zeigen.

Da geht die Türe auf, ein Mann kommt heraus, hält sie uns auf und wünscht uns einen schönen Tag.

Mein Traum wird wahr. Wir nehmen den Lift. Oben steht die Türe zum Dach offen. Wie damals.

Und was mache ich?

Ich prahle mit der Aussicht.

So gesehen ändern sich manche Sachen kein bisschen in 35 Jahren.

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Schneider: Schreiber ist im Stechschritt durch New York unterwegs, die Stadt, wo die allergrössten Träume wahr werden können. Sie marschiert in ihre Vergangenheit, mitten durch Manhattan, plaudert pausenlos: von Möbeln, die sie auf der Strasse fand. Von leckeren Sesamnudeln, die sie auf dem Weg zur Schauspielschule ass, von einem Unbekannten, der nachts auf der Feuerleiter im 12. Stock sass und ihr beim Schlafen zusah, von Polizisten, die ihre Wohnung stürmten, weil sie einen Einbrecher suchten.

«

Sie plaudert pausenlos, erzählt von New York.»

Und nun rennt sie wie ein Streifenhörnchen über die regennasse Terrasse. Breitet ihre Arme aus wie Kate Winslet in Titanic. Ich wäre die billige Leonardo DiCaprio-Kopie und könnte sie von hinten umarmen. Kitschig, aber passend zur Dramatik des Augenblicks.

«Ich träumte immer davon, dass eines Tages Woody Allen auftaucht und mich entdecken würde», sagt sie. «Aber der ist nie gekommen.»

Nein, ist er nicht, denn so viel ich weiss, interessierte er sich zu jener Zeit mehr für seine koreanische Adoptivtochter als für eine Münchner Schauspielschülerin. Und dafür, dass er nie aufgetaucht und Schreiber gescheitert ist, bin ich ihm ewig dankbar – wie hätte ich sie sonst je kennengelernt, meine Traumfrau?

Lesungen mit den Kolumnisten und ihrem Programm «Mein Leben als Paar» im November 2017: 23. Willisau LU; 29. Benken SG; 30. Erlinsbach SO. Infos auf der Website von Schreiber und Schneider.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 20.11.2017, 10:00 Uhr

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