Kleinen Katzen kann es sehr schnell sehr schlecht gehen. Doch zum Glück erholen sie sich auch genauso schnell wieder.

Zwischen Leben und Tod

Eine besorgte Besitzerin bringt ihr kleines Kätzchen in die Praxis. Es frisst nicht mehr und sieht ganz elend aus. Bei ganz jungen Katzen kann so etwas schnell gefährlich werden. 

Das Babykätzchen frass nichts mehr. Traurig sass es im hintersten Teil des Kistchens und hatte sich auf katzentypische Art zusammengerollt. Sein hängendes Köpfchen verhiess nichts Gutes. Ich konnte es nicht herauslocken und es miaute kläglich, als ich es heraushob.

Die Untersuchung war schnell abgeschlossen: Mein Thermometer zeigte nichts an und die Lunge konnte ich wegen des herzzerreissenden Miauens nicht hören. «Es hat vom ersten Tag an nichts gefressen. Zuerst dachten wir, es sei sich das Futter nicht gewöhnt, und kauften Katzenmilch. Doch auch die trank es nicht», meinte die besorgte Besitzerin. Ich erklärte ihr, dass es so kleinen Katzen schnell sehr schlecht gehen kann, und genauso schnell seien sie tot oder wieder topfit. «Stunden können über das Schicksal entscheiden.»

Die Kleine erhielt eine Infusion mit einer Traubenzuckerlösung und wurde unter das Warmlicht gelegt. Auch berechnete ich die Medikamentendosis für so ein kleines Häufchen Leben. Jede Stunde sah ich nach ihr. Ausser, dass sie ruhig schlief, schien sich nichts zu verändern. Die regelmässigen Infusionen und die Wurmpaste nahm sie teilnahmslos hin. Am Abend hatte sie etwas Wurmpaste erbrochen. Es schien ihr noch elender zu gehen. Ich stand vor der Wahl, entweder eine lange Nachtschicht einzulegen oder sie zu mir nach Hause zu nehmen.

Ich nahm sie als Heimarbeit mit. Die Wärmelampe wurde auf der Waschmaschine installiert, die Infusionsflasche hängte ich zuoberst an den Duschvorhang. Stündlich kontrollierte ich die Kleine. Gegen zwei Uhr morgens schlief ich so tief, dass ich den Wecker nicht mehr hörte. Dann, um fünf Uhr, schrak ich aus dem Bett. Das Kätzchen! Schnell war ich im Bad. Alles war ruhig, kein Röcheln. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. Lebte es noch? Langsam schlich ich zum Käfig und spähte durch die Ritzen. Zwei grosse blaue Katzenaugen spähten zurück.

Dann hörte ich ein lautes Miauen. Die Katze war munter, sass im Körbchen und schien mir vorzuwerfen, dass ich ihre stündliche Fütterungszeit verschlafen hatte. «Von den Toten auferstanden! Heisst du Phoenix?» Die Kleine miaute bestätigend und wackelte mit dem Köpfchen, damit ich ihr das Futter brachte. Sie frass das Schälchen leer.

 (Coopzeitung Nr. 20/2014)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
iStockphoto
Veröffentlicht:
Montag 12.05.2014, 17:01 Uhr

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