Sophie Evard und ihre beiden Söhne Timo und Arno bilden heute eine Familie mit Yves Harant und seinen beiden Kindern Aurélien und Noémie (von oben nach unten).

(2+1)+(2+1) = eine neue Familie

Eine Frau, ein Mann, vier Kinder: Daraus eine neue (Patchwork-) Familie zu formen, ist nicht einfach. Aber durchaus möglich. Und das ist gut so. Denn es werden immer mehr.

Alles begann 2012, als sich Sophie Evard (45) und Yves Harant (47) erstmals begegneten. Aus einer guten Freundschaft entwickelte sich die grosse Liebe, woraufhin sie sich gegenseitig ihren Kindern vorstellten. Sophie hat zwei Söhne aus zwei früheren Ehen: Timo (19) und Arno (13); Ersterer sieht seinen Vater jedes zweite Wochenende, Letzterer verbringt jede zweite Nacht bei seinem Vater, der direkt gegenüber wohnt. Yves wiederum kümmert sich halbtags um seine Kinder Aurélien (19) und Noémie (17). Der Fall ist typisch: Im letzten Jahr waren 12 890 Kinder von einer Scheidung betroffen; 7469 davon waren  älter als 15-jährig.

«

Harmonie ist nur möglich, wenn sich auch die Kinder gut verstehen.»

Sophie Evard

Das Paar machte schnell Nägel mit Köpfen, ohne allerdings zu heiraten. «Ein harmonisches Zusammenleben in einer Patchwork-Familie ist nur möglich, wenn sich die Kinder gut verstehen», ist Sophie überzeugt.

Doch gut Ding will Weile haben. «Am Anfang sind wir alle zusammen in die Ferien gefahren, um herauszufinden, ob wir zusammenpassen. Dazu musste erst einmal ein Auto mit genügend Plätzen her», schmunzelt Yves. Die neunstündige Autofahrt mit vier Jugendlichen von Nyon VD nach Île d’Oléron in der Nähe von Bordeaux barg viel Zündstoff – eine echte Bewährungsprobe.

Playlist gegen Streitereien

Treffpunkt Badezimmer: Symbolisch vereinen sich hier sechs Charaktere zu einem Ganzen. Yves Harant und Sophie Evard freuts.

Treffpunkt Badezimmer: Symbolisch vereinen sich hier sechs Charaktere zu einem Ganzen. Yves Harant und Sophie Evard freuts.
http://www.coopzeitung.ch/_2_1_2_1_+_+eine+neue+Familie Treffpunkt Badezimmer: Symbolisch vereinen sich hier sechs Charaktere zu einem Ganzen. Yves Harant und Sophie Evard freuts.

«Schon unsere Musikgeschmäcker sind völlig verschieden», fasst Timo das Dilemma zusammen. Streit wäre vorprogrammiert gewesen. Doch sein Vater hatte vorgesorgt und eine Playlist erstellt: Jeder durfte drei Titel darauf setzen. «Die anderen mussten sich halt so lange die Ohren zuhalten», erklärt er lachend.

Beim Urlaub in der kleinen Ferienwohnung lernten die sechs, sich zusammenzuraufen. Bald traten unterschiedliche Erziehungsansätze und Gewohnheiten zutage. Während Familie Evard sehr aktiv ist und am liebsten mit Rucksack und Sandwich verreist, mag es Familie Harant lieber gemütlich und nimmt sich gerne Zeit für ein gutes Essen. Immer wieder kam es zum Streit, weil sich die einen Kultur wünschten, während es die anderen in den Aqua-Park zog. Doch alle bemühten sich, Kompromisse zu finden. So blieben die ersten gemeinsamen Ferien allen Beteiligten als eines der schönsten Erlebnisse der neuen Patchwork-Familie in Erinnerung.

«

Man muss aufpassen, dass nicht die Anarchie ausbricht.»

Sophie Evard

Laut Bundesamt für Statistik handelt es sich bei 3,1 Prozent der verheirateten und 2,4 Prozent der nicht verheirateten Paare mit Kindern um Fortsetzungsfamilien. Rechnet man die Paare hinzu, die zusätzlich noch gemeinsame Kinder haben (sie sind in obigen Zahlen nicht berücksichtigt), steigt die Zahl auf 11 bis 18 Prozent, schätzt Familienberaterin Doris Beerli. Tendenz deutlich steigend.

Wie die Famile den Rhythmus findet

«Im Alltag muss man zu sechst wirklich aufpassen, dass nicht völlige Anarchie ausbricht», spricht Sophie Evard. Doch Ansagen des Stiefelternteils würden einfach nicht ernst genommen. Daher drehte sie den Spiess um: Heute erstellt sie eine Liste mit den zu erledigenden Aufgaben. Jeder entscheidet dann selber nach Zeit und Vorliebe, ob er lieber die Wäsche waschen, kochen oder putzen möchte. Ganz von selbst ergibt sich so eine gerechte Aufgabenteilung. So hat die Familie ihren Rhythmus gefunden. Yves Harant zum Beispiel erledigt den Wocheneinkauf. Hat eines der Kinder einen bestimmten Essenswunsch, kauft es die Zutaten selber und erhält das Geld dafür zurück. Um die Kosten fair zu verteilen, legten die beiden Elternteile zu Beginn ihrer Beziehung ihre Finanzen einschliesslich Unterhaltszahlungen offen.

Gemeinsame Mahlzeiten sind der Familie um Yves und Sophie wichtig.

Gemeinsame Mahlzeiten sind der Familie um Yves und Sophie wichtig.
http://www.coopzeitung.ch/_2_1_2_1_+_+eine+neue+Familie Gemeinsame Mahlzeiten sind der Familie um Yves und Sophie wichtig.

Im letzten Jahr drohte das fragile Gleichgewicht aus den Fugen zu geraten, als Yves vorschlug, ein Haus zu kaufen, da ihre Vierzimmerwohnung zu klein geworden war. Angesichts ihrer zwei früheren Scheidungen machte Sophie die Verbindlichkeit Angst, die ein gemeinsames Haus darstellt. In einer Krisensitzung mit ihren Söhnen versuchte sie daher herauszufinden, wie sie über ihren Stiefvater denken. Timo fand die richtigen Worte: «Ihr seid doch schon jetzt verbindlich zusammen. Wenn ihr euch trennt, nehme ich mir eine Wohnung mit Aurélien.» Also mit dem Stiefbruder. Im letzten Juni schlugen sie dann zu und sie kauften ein Haus in Nyon.  Das Chalet hat sich zum wohligen Nest der Familie gemausert, in dem auch die Freunde der Kinder ein- und ausgehen. Gemeinsame Mahlzeiten haben für die Familie einen hohen Stellenwert – inzwischen haben sich alle daran gewöhnt, eine ganze Brigade zu bekochen.

Das Tattoo ersetzt den Ehering

Verschiedene Charaktere sind kein Hindernis für ein glückliches Zusammen-leben: Jeder profitiert von den anderen.

Verschiedene Charaktere sind kein Hindernis für ein glückliches Zusammen-leben: Jeder profitiert von den anderen.
http://www.coopzeitung.ch/_2_1_2_1_+_+eine+neue+Familie Verschiedene Charaktere sind kein Hindernis für ein glückliches Zusammen-leben: Jeder profitiert von den anderen.

Natürlich kommt es immer wieder zum Zwist – dann mutieren Mutter Sophie zu «Dark Sophie» und Vater Yves zur «Nervensäge». «Aber Streit ist selten, durch Humor lässt sich vieles leichter nehmen», erklärt Noémie, die im Streit schon manches Mal gedroht hat, ganz zu ihrer Mutter zu ziehen. Aber letztlich profitieren die verschiedenen Charaktere voneinander. Familie Harant zum Beispiel ist eher extrovertiert. «Seit wir zusammenleben, hat sich Arno stark weiterentwickelt, früher war er sehr verschlossen», findet seine Mutter. Aurélien und Noémie, die Kinder von Yves, betreiben Kung-Fu. Arno folgte ihrem Beispiel und fing mit Boxen an.

Ausserdem machen die drei Älteren zusammen Musik: Die Jungs spielen Bass und Gitarre, Noémie singt, und ein Freund sitzt am Schlagzeug. Letzten Sommer gaben sie ihr erstes Konzert.

Sophie Evard und Yves Harant freuen sich auf ihre gemeinsame Zukunft, heiraten möchten sie aber nicht. Als Zeichen ihrer Verbundenheit haben sie sich aber gerade ein Tattoo auf den Arm stechen lassen – ein kleines Mädchen für ihn, ein Junge für sie –, Symbole ihrer jeweiligen Passion: Theater und Literatur.

«Eine andere Dynamik»

Doris Beerli (65) ist Paar- und Familientherapeutin

Doris Beerli (65) ist Paar- und Familientherapeutin
http://www.coopzeitung.ch/_2_1_2_1_+_+eine+neue+Familie Doris Beerli (65) ist Paar- und Familientherapeutin

Wird der Entschluss, es als Patchwork-Familie zu versuchen, oft zu leichtfertig getroffen?
Leichtfertig glaube ich nicht, aber vielleicht etwas unwissend? Zuerst verlieben sich zwei Menschen; in der Regel hat mindestens einer von beiden eine schmerzliche Lebensphase hinter sich. Natürlich sind sie froh, einander gefunden zu haben. Weil aber bereits Kinder im Spiel sind, verleiht das der neuen Liebe eine ganz andere Dynamik, als es in früheren Beziehungen der Fall war.

Am Anfang läuft es oft gut und dann plötzlich nicht mehr. Warum?
Wahrscheinlich ziehen viele Patchworkfamilien zu schnell zusammen. Es macht Sinn, das Zusammenfügen der verschiedenen Familienkulturen und Persönlichkeiten langsam anzugehen. Zuerst sollte man die Wochenenden zusammen verbringen und gemeinsam in die Ferien fahren. So können sich alle immer wieder in die vertraute Teilfamilie zurückziehen. Sonst fühlen sich die Kinder schnell bedroht.

Kinder freuen sich also meist nicht über die neue Familie?
In der Regel sind sie darüber nicht glücklich, denn Kinder sind eher konservativ; Neues und Unbekanntes macht ihnen Angst. Plötzlich hat man die Mama oder den Papa nicht mehr für sich alleine. Ausserdem haben diese Kinder ja bereits einen Verlust hinter sich, die Beziehung der Eltern ist auseinandergegangen. Nun sollen sie mit einer weiteren Veränderung umgehen. Das macht Angst und sorgt oft für Reibereien.

Der Ratgeber zum Thema: Doris Beerli/Stefan Ecker: «Patchwork-Familie, ja!»

Zum ausführlichen Interview mit Doris Beerli
  

Tipps für mehr Harmonie

Absolute Offenheit: Dazu rät Familien- und Paartherapeutin Doris Beerli.

  • Ziehen Sie nicht zu schnell zusammen: Lassen Sie sich Zeit und gewöhnen Sie sich nach und nach aneinander.
  • Sprechen Sie über alles: Ihre Vergangenheit, die Finanzen, Ihre/n Ex, Ihre Erwartungen, Ihre Werte.
  • Es darf keine Tabus geben! Beantworten Sie alle Fragen offen und ehrlich.
  • Die Erziehung der Kinder liegt in der Kompetenz des leiblichen Elternteils, nicht der/des Ehepartners/in.
  • Hausregeln sollten Sie aber gemeinsam aufstellen. Diese wiederum kommuniziert der leibliche Elternteil seinen Kindern.
  • Nehmen Sie sich negative Bemerkungen Ihrer Stiefkinder nicht allzu sehr zu Herzen; bleiben Sie aber aufmerksam für deren Bedürfnisse.
  • Installieren Sie Rituale in Ihrer neuen Familie; das schafft Verbundenheit.Doris Beerli (65), Paar- und Familientherapeutin.

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Text:
Mélanie Haab
Foto:
Patrick Lopreno Gilliéron; Video: Sara Lo Frano
Veröffentlicht:
Montag 26.02.2018, 16:25 Uhr

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