Erfahrene Weinleserin: Lucyna Michalak erntet mehrer Hundert Kilo Trauben pro Tag.

«Als wärs ein Stück von mir»

Traubenernte: Derzeit ist Hochbetrieb in den Rebbergen. Wer erlebt, wie viel Arbeit nur schon in der Traubenernte steckt, wird Wein ganz andächtig trinken.

Schnipp-Schnapp machts nebenan. Lucy schneidet die Trauben unglaublich schnell – ich kann ihren Fingern kaum mit den Augen folgen. Um sieben Uhr morgens haben wir in einem Weinberg in Chalais mit der Traubenernte begonnen. Die Sonne hat sich noch nicht über die Walliser Berge hochgestemmt und ich friere an die Finger. Mein Rücken tut schon weh vom Bücken und es ist doch erst halb acht. Lucy – mit vollem Namen Lucyna Michalak aus Polen – schaut mich leicht spöttisch an. «Das mit dem Rücken ist nur in den ersten Tagen so, das mit der Kälte ist mittags vorbei.» Die Frau und die anderen Arbeiter im Weinberg der Firma Provins haben schon zweimal ihre 15-Kilo-Kiste mit Trauben gefüllt, meine erste ist nur halb voll. Wenigstens muss ich sie nicht selber zum Pick-up tragen, Lucys Kollegen haben Mitleid.

Suzukii ist kein Auto

Zudem ist in Chile die Luft ausserordentlich rein – nicht umsonst stehen in Chile die meisten Teleskopanlagen der Welt. Diese saubere Luft tut auch den Trauben gut. Die Früchte bringen ein reines, direktes und intensives Aroma in den Wein – vor allem rote Sorten wie Cabernet Sauvignon, Syrah, Merlot oder Carménère profitieren davon.

Dass Chile für Weinbau ideal ist, fanden die Spanier früh heraus: Im 16. Jahrhundert brachten sie Weinreben ins Land. Trotz der abgeschiedenen Lage, die den Transport schwierig machte, war die Weinproduktion so hoch, dass die Spanier sich mit Schutzzöllen vor der chilenischen Konkurrenz zu schützen versuchten – meist ohne Erfolg. Nach der Unabhängigkeit des Landes 1818 holten die Chilenen versierte Experten ins Land, die ihre Weinwirtschaft modernisieren sollten. Dadurch gelangten europäische Rebstöcke nach Chile – bevor in Europa die Reblaus und der Echte Mehltau die Ernten auf Jahrzehnte hinaus dezimierten – ein Segen für den chilenischen Wein: Wegen der  geografischen Isolation sowie den klimatischen Voraussetzungen haben diese Schädlinge Chile als einziges Land weltweit verschont. 

Suzukii ist kein Auto

Während rund sechs Wochen ernten meist ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter 900 Hektaren Rebberg für Provins. «Es wird eine kleine Ernte geben, das sind die Nachwehen der Kälteeinbrüche des vergangenen Jahres», erklärt der technische Direktor von Provins, Gerald Carrupt, der mich beim Traubenernten begleitet. «Diese Nachwirkungen können uns noch die beiden nächsten Jahre beschäftigen.» Dann sagt Lucy: «Diese Beeren musst du rausschneiden – da war die Suzukii drauf.» Suzukii, so lern ich, ist eine asiatische Kirschessigfliege, die sich in die Beeren bohrt und sie verdirbt. «Sauberes Arbeiten ist das A und O der Ernteleute», sagt Carrupt. Provins würde darum nie mechanisch ernten: «Eine Arbeitskraft ist zwar viel, viel teurer als eine Maschine – aber ein Mensch ist sorgfältiger.»

Es braucht Zucker und Säure

Dann hat es die Walliser Sonne geschafft und heizt ein. Jetzt nur nicht schlapp- machen, doch der Abstand zwischen Lucy und mir wird immer grösser. Schnipp-Schnapp – ich schneide in den eigenen Handschuh. Gegen Mittag hat Carrupt ein Einsehen und nimmt mich mit zu einer Traubenannahmestelle. Die Provins-Genossenschafter lassen das Gewicht und den Zuckergehalt ihrer Trauben in Oechsle-Graden bestimmen. «Bis in die 70er-Jahre war Quantität das Mass aller Dinge. Danach waren es die Oechsle-Grade und heute ist es die Einzigartigkeit», sagt Carrupt. Darum schneiden Lucy und ihre Kollegen nicht nur vollreife Trauben, sondern auch solche, die noch einen oder zwei Tage an der Sonne vertragen würden: «Es braucht eben nicht nur Zucker, sondern auch Säure – das gibt dem Wein seine Komplexität», so Carrupt. Seine Firma ist genossenschaftlich organisiert und die grösste Weinproduzentin der Schweiz.

800 Kilo

Gegen Abend schau ich nochmals bei Lucy vorbei. Die Frau hat etwa 800 Kilo Trauben geerntet. Sie ist stolz auf ihre Leistung und irgendwie auch auf ihren Arbeitgeber: «Jedes Mal, wenn ich den Namenszug Provins auf einer Flasche sehe, dann denk ich, dass da auch etwas von mir drin ist.»

In Chile mit Schmelzwasser

Wer bei der Weinlese dabei sein will, muss als Erstes über eine gesunde Konstitution verfügen. Mit einem Rückenleiden ist man im Weinberg definitiv am falschen Ort. Die Helfer werden oft in Naturalien – sprich Wein – bezahlt. Einen Job für einen Tag oder mehrere Wochen findet man vor allem bei kleineren Produzenten. Provins beispielsweise engagiert sein Personal ausschliesslich über eine Agentur. Keine Chance für Schnupperhelfer also.

Fragen Sie direkt bei einem Rebbauern in ihrer Region nach. Ein guter Weg führt über den Branchenverband. Auf deren Webseite sind die Adressen der regionalen Weinbauernverbände aufgeführt. www.weinbranche.ch. Ein weiterer nützlicher Link zu Produzenten: www.vinatura.ch/de/produzenten. Auf www.meinbauer.ch sind ebenfalls zwei Weinbauernfamilien aufgeführt.

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Franz Bamert

Redaktor

Foto:
Charly Rappo/arkive.ch, zVg
Veröffentlicht:
Montag 13.10.2014, 20:35 Uhr

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