«Atemlos durch die Nacht»

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Schreiber: Ich wusste ja, dass Schneider nicht gern zum Arzt geht, aber dass er sich vor einer Vorsorgeuntersuchung derart fürchtet, das hätte ich wirklich nicht gedacht. «Jetzt wälz’ dich nicht die ganze Zeit. Versuch zu schlafen, du musst morgen sehr früh aufstehen!», sage ich zu ihm.

«Weisst du, wie man die Prostata untersucht?», brummt er.

«Ich glaube, man tastet sie ab.» «Genau. Und ich gehe zu einer Ärztin.»

«Na und?», sage ich, «sie ist nett und eine erfahrene Fachfrau.»

«Natürlich ist sie das», grummelt Schneider, dann fragt er: «Weisst du, was Huxley gesagt hat?»

«Ist das ein Arzt?»

«

Er wälzt sich, kann nicht schlafen.»

«Der Schriftsteller, der diesen pessimistischen Roman ‹Schöne Neue Welt› geschrieben hat.»

«Ah, richtig!»

«Er meinte, die moderne Medizin hätte solch ungeheure Fortschritte gemacht, dass es gar keinen gesunden Menschen mehr gäbe.»

«Na siehst du, umso besser, gehst du in diese Vorsorgeuntersuchung.»

«Die finden immer was, wenn sie nur suchen.»

«Ach was, sei froh, dass man heute so vieles so früh erkennen kann», antworte ich und bitte ihn: «Jetzt atme ein paar Mal tief ein und schlafe! Sonst kriegst du morgen als erste Diagnose, dass du unter Schlaflosigkeit leidest.»

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Schneider: «Einfach, damit Sie das wissen: Mein Blutdruck ist immer zu hoch, wenn ein Arzt diesen misst», sage ich kurzatmig zu der Ärztin, die eigentlich Schreibers Ärztin ist, mich nun aber auch untersucht. Sie lächelt.

Sie redet ganz ruhig, fragt, ob ich Atemprobleme hätte, ich sage Nein, ob ich sonst Schmerzen hätte, ich sage, nur in der Früh, wenn ich aufstehe.

«Na, Sie sind auch nicht mehr der Jüngste.» Wie nett.

«Wie lange tut es denn morgens weh?»

«Nicht lange», antworte ich, ich bin nämlich nicht alt, «nur eine halbe Minute oder so.»

«Versuchen Sie es mit Yoga.»

Ich nicke und denke: sicher nicht!

Dann zieht sie sich durchsichtige Handschuhe an.

«

Eigentlich ist sie Schreibers Ärztin.»

«Tasten Sie jetzt die Prostata ab?», frage ich bang. Sie nickt. Ich frage weiter: «Wie ist das für Sie, einem Mann den Finger, na, Sie wissen schon?» Sie blickt mich an: «Bitte? Ach so, das habe ich mir noch nie überlegt, ich mache einfach meine Arbeit.» Ich lege mich auf die Seite, ich schliesse die Augen, ich verkrampfe mich, sie sagt, «entspannen Sie sich», ich versuche es, sie tastet, ich sterbe ... nicht.

«Alles bestens», sagt sie, schmeisst die Gummihandschuhe weg, «wir sehen uns in einem Jahr.» Ich atme wieder.

Schreiber vs. Schneider live auf der Bühne: Hier finden Sie die Daten.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 19.03.2018, 09:37 Uhr

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